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WM-Qualifikation: Ballack wird als Püppchen verhöhnt

Moskau steht Kopf: Für die Russen ist das Spiel gegen die DFB-Auswahl das Match des Jahrzehnts. In der Stadt gibt es kurz vor dem Anpfiff nur noch ein Gesprächsthema. Und alle sind sich einig: Angst vor den Deutschen hat hier keiner. Im Gegenteil.

Von Klaus Bellstedt, Moskau

Freitagabend ist Ausgehzeit für die Moskowiter. Aber nicht für Deutsche. Wer sich in der russischen Zehn-Millionen-Metropole mit einem Feierabendwodka in einem der zahllosen Clubs in der Innenstadt auf das Wochenende einstimmen möchte, der braucht eine Reservierung - oder Glück. "Njet", schallt es einem immer wieder entgegen. Und wenn breitschultrige russische Türsteher so etwas sagen, sollte man sich nicht auf Diskussionen einlassen.

Mit Glück und Beharrlichkeit kommt man aber auch in Moskau weiter. Der mehrstündige Irrlauf endet schließlich in einer Bar. Studenten, Künstler und Besucher aus einem benachbarten Theater bestimmen die Szenerie. Ist das wirklich der richtige Platz, um sich auf ein Fußballspiel einzustimmen? Es ist der richtige Platz!

100-Millionen TV-Zuschauer erwartet

Schnell wird man von den Einheimischen als Deutscher ausgemacht. Und es dauert keine halbe Stunde, bis man gemeinsam mit fünf jungen Moskowitern und einer Flasche Wodka an einem Tisch sitzt und es ähnlich wie zuhause in der Stammkneipe um die Ecke nur ein Thema gibt: Fußball. Wir Deutschen sprechen im Zusammenhang mit dem WM-Qualifikationsmatch am Abend (ab 17 Uhr im stern.de-Liveticker) gegen Russland gerne vom wichtigsten Länderspiel des Jahres, weil von dieser Partie im Hinblick auf die WM 2010 in Südafrika viel abhängt. Für die Russen ist es nicht das wichtigste Spiel des Jahres. Es ist das wichtigste Spiel des Jahrzehnts.

Nicht nur die Moskowiter, es ist das ganze Riesenreich, das auf dieses Spiel im Luschniki-Stadion hinfiebert. 100 Millionen TV-Zuschauer werden um 17 Uhr Moskauer Zeit ihre Fernsehgeräte einschalten. Die Kartennachfrage überstieg das Fassungsvermögen der mit 84.745 Zuschauern (darunter 2000 aus Deutschland) restlos ausverkauften Arena um das Zehnfache. Der Schwarzmarktpreis für ein Ticket beträgt 18 Stunden vor dem Spiel umgerechnet 2000 Euro für die billigste Kategorie, Tendenz steigend.

Die fußballverrückte Künstlergruppe aus der Bar berichtet, dass sie sich ihren Platz für den Samstagabend zum gemeinsamen Fußballgucken in einer Sportsbar bereits im April habe reservieren müssen. In Moskau regiert König Fußball. Der Enthusiasmus und die Begeisterung der Menschen für ihre "Sbornaja" kennen keine Grenzen und haben beinahe südamerikanische Ausmaße angenommen.

Ballack-Matroschka DER Verkaufsschlager

Alle rechnen sie fest mit einem Sieg ihrer Mannschaft gegen die von Joachim Löw trainierte deutsche Nationalmannschaft. "Wir zeigen euch, dass wir besser sind. Wer ist schon Ballack? Wir haben Arschawin." Angst vor dem in entscheidenden Spielen fast immer funktionierenden deutschen Ergebnisfußball hat hier niemand. Viel lieber reden sie über ihren Liebling, den Topstar Andrej Arschawin. "Er hat alle Freiheiten im Team. Ihr braucht es gar nicht erst zu versuchen, ihn in Manndeckung zu nehmen. Der wechselt seine Positionen sowieso wie er will", sagt einer der Fanatiker. Alle lachen. Fast alle.

Ein letzter Versuch: "Was ist mit Michael Ballack? Das ist unser Leader, der ist weltklasse." Höhnisches Gelächter. "Ballack, ist das nicht der, der sich in entscheidenden Spielen immer versteckt?" Als Deutscher kriegt man in Moskau dieser Tage kein Bein an Deck. Aber damit nicht genug. Zum Ende des Abends wird es auch noch richtig demütigend. Einer aus der fußballverrückten Künstlerfraktion zückt unter dem Gejohle seiner Kumpanen aus seiner Tasche eine aus Holz gefertigte, bunt bemalte, ineinander schachtelbare russische Puppe hervor. Es ist eine Ballack-Matroschka, im Moment DER Verkaufsschlager in Moskau. Balla, heute Abend musst du es den Moskowitern heimzahlen!

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