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WM-Qualifikation gegen Färöer: Ein Pflichtsieg - mehr nicht

Ordentlicher Auftakt für die DFB-Auswahl in die WM-Qualifikation: Gegen die Färöer gab es ein unspektakuläres 3:0. Der Sieg hätte höher ausfallen müssen. Der "Mix" in der Löw-Elf stimmt noch nicht.

Von Klaus Bellstedt

Peinliche Blamage oder brillantes Schützenfest. Ein Spiel gegen die Färöer kann für eine etablierte Fußballnation am Ende eigentlich nur so ausgehen. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit einem letztlich lockeren 3:0-Erfolg gegen den 154. der Fifa-Weltrangliste in die WM-Qualifikation gestartet. Und was war das nun? Irgendwie nichts von beidem. Blamiert hat sich die Mannschaft von Joachim Löw in dieser Partie, die nach dem Halbfinal-Aus bei der EM einen neuen Abschnitt markiert, sicher nicht. Das Spiel in Hannover wurde ja gewonnen. Und auch wenn es am Ende gegen die tapferen Männer von den Schafsinseln nur drei mickrige Törchen zu bejubeln gab: Die Spielfreude war dem Team über die gesamten 90 Minuten deutlich anzumerken. Brillant war der Auftritt aber schon deshalb nicht, weil die Chancenauswertung so miserabel war.

Zahlen eignen sich immer prima dazu, Kräfteverhältnisse aufzuzeigen: Zwölf richtig gute Chancen hatte die deutsche Mannschaft in der ersten Hälfte herausgespielt. Sicher, Gunnar Nielsen, der Torwart der Färinger, feierte an diesem Spätsommerabend den Abend seines Sportlerlebens. Dass es aber überhaupt dazu kommen konnte, lag daran, dass die Herren Özil, Müller, Götze, Reus und Klose nicht präzise genug zu Werke gingen. Es mangelte ihnen allen zunächst an der nötigen Konzentration im Abschluss, die es eben braucht, um solch einen ultra-destruktiven Gegner auch toremäßig vorzuführen. Im 4-1-4-1-System des Bundestrainers sollte es dieses Quintett vorne richten. Mehr Offensive ging wirklich nicht. Wenn nicht gegen die Färöer, gegen wen denn dann?

Auf der Suche nach dem richtigen Mix

Es ist bezeichnend für solche einseitigen Partien, dass nach einer Vielzahl hochklassiger Gelegenheiten die Führung dann doch meist nach Einzelaktionen fällt. Götzes Klasse-Tor nach Zuspiel seines BVB-Kumpels Mats Hummels aus der 28. Minute dient dafür als Beleg. Dass nun der zweite deutsche Treffer durch den mit zunehmender Spieldauer immer stärker werdenden Mesut Özil (54.) ausgerechnet nach einem Konter fiel, war dann doch einigermaßen ungewöhnlich. Vielleicht lag es ja am Stadion. Oder am Rasen. In Hannover schießt 96 meist exakt nach diesem Muster seine Tore. Das 2:0, zu dem Thomas Müller die Vorarbeit leistete, war jedenfalls das Highlight dieser Partie, die aus deutscher Sicht nur wenige Erkenntnisse zu Tage förderte. Von einem Muster ohne Wert wollte Joachim Löw hinterher aber trotzdem nicht sprechen.

Es gab zwar noch das dritte Tor durch Mesut Özil in der 71. Minute. Aber so richtig glücklich wirkte der Bundestrainer nach dem gelungenen WM-Qualifikationsauftakt dennoch nicht: "Wir waren auf Tore aus, aber wir haben zu wenig Tore erzielt", sagte Löw. Der Coach hat immer das große Ganze im Blick. Er fühlte sich nach eigener Aussage an so manches Spiel seiner Elf aus der Vergangenheit erinnert. "Wir bringen die Dinge nicht zu Ende. Da liegt unser Problem." Gegen die Färöer fiel das nicht weiter groß ins Gewicht, aber schon am Dienstag, wenn der Gegner in Wien Österreich heißt, muss sich die Mannschaft steigern. Sie muss insgesamt konsequenter auftreten - und den richtigen "Mix" finden.

Gegenpressing nicht möglich

Diese Formulierung wählte nach dem 3:0-Erfog der Kapitän der Nationalmannschaft. Philipp Lahm sprach damit das Gleichgewicht zwischen den Angriffsbemühungen und der Defensive an. Dass das gegen den Fußballzwerg nicht immer stimmte, lag auch an ihm. Der Rechtsverteidiger wirkte vor allem in der ersten Hälfte ein ums andere Mal völlig neben der Kappe. Lahms Aktionen wirkten schlampig, sein Stellungsspiel war unterirdisch. Zu allem Überfluss fing er sich sogar eine Gelbe Karte ein. Überhaupt sorgte das Abwehrverhalten der deutschen Mannschaft selbst gegen diesen Gegner merkwürdigerweise für manchen Gänsehautmoment. Vielleicht lag es ja an der kurzfristigen Umgestaltung der Viererkette. Holger Badstuber, eigentlich in der Mitte gesetzt, musste für den im Abschlusstraining verletzten Marcel Schmelzer auf die linke Seite herausrücken. Per Mertesacker verteidigte dafür innen an der Seite von Mats Hummels. Gegen Österreich droht in dieser Form und mit derselben Besetzung Ungemach.

Und was war eigentlich mit dem zuletzt so viel zitierten Gegenpressing? Joachim Löw will das ja schnellstmöglich etablieren. Borussia Dortmund lässt schon grüßen. Aber gegen die Färöer konnten das seine Spieler gar nicht ausprobieren und weiter verbessern, weil der Kontrahent dafür eben öfter mal in Ballbesitz sein muss. Dumm gelaufen. Klug gelaufen sind dagegen Marco Reus und Mario Götze. Das war nach der stark verbesserungswürdigen Chancenauswertung und einem erneut steigerungsfähigen Abwehrverbund die dritte Erkenntnis von Hannover. Das BVB-Duo verstand sich auf dem Platz besser untereinander als jeder für sich mit Mesut Özil. Die Mini-Dortmundisierung im Mittelfeld der deutschen Mannschaft macht jedenfalls Lust auf mehr. Am späten Dienstagabend nach dem Kräftemessen mit Österreich, dem ersten echten Gegner auf dem Weg zur WM 2014, wird man vieles klarer sehen. Das gilt auch für die Beurteilung der beiden deutschen Jahrhunderttalente Reus und Götze.

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