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Aus bei WM 2022 Was der DFB-Elf im Weg stand? Maßlose Ansprüche und das Gerümpel von 2014

WM 2022 Neuer Müller
Haben ihre Schuldigkeit getan: Manuel Neuer (M.) und Thomas Müller (r.).
© Christian Charisius / DPA
In der Katar-WM war von Beginn an der Wurm drin. Die DFB-Elf hätte ein Mittel gegen Krebs erfinden können und es wäre gemeckert worden. Ob Menschenrechte oder Sport, die Ansprüche waren bizarr – und dann standen immer noch die Reste von 2014 im Weg.

Schon wieder geht es für eine DFB-Elf zu früh nach Hause und schon wieder herrscht Weltuntergangsstimmung, dieses Jahr auch noch mitten in der dunklen Jahreszeit. Bekümmert bilanziert der "Kicker" das eigentlich das gesamte System DFB auf den Prüfstand gehört. Die "Bild" apokalypsiert das "Ende einer großen Fußballnation" herbei und auch das Urteil im stern fällt beinahe empört aus.

Überfrachtet mit Ansprüchen

Dabei lag es diesmal gar nicht allein an der wackeligen Abwehr oder dem abschlussschwachen Sturm – sondern daran, dass Flicks Team derart mit Ansprüchen aus allen Ecken überfrachtet wurde, dass sie nur noch verlieren konnte.

Allein die Diskussion über die One-Love-Binde wurde mitunter in einer Schärfe geführt, als sei es an jedem Nationalspieler, die Homophobie in Katar persönlich ein für allemal auszumerzen. Und selbst als das Team sich vor dem ersten Spiel symbolisch den Mund verbat, wurde die Geste verspottet oder verdammt. Während man im Ausland respektvoll den Hut davor zog.

Die deutsche Elf hätte auch ein Mittel gegen Krebs erfinden können und sich dann den Vorwurf gefallen lassen müssen, nichts gegen Alzheimer und Herzinfarkte in der Hand zu haben. Ähnlich bizarr war auch die Anspruchshaltung auf sportlicher Seite.

Halbfinale – mindestens! Das Ziel riefen Philipp Lahm (Weltmeister 2014) und Jürgen Klinsmann (Weltmeister 1990) noch kurz vor Turnierstart aus. Klar, ohne etwas Ehrgeiz brauchen Sportler gar nicht erst anzufangen. Und wäre noch das Jahr 2012 oder 2014, dann hätte die Runde der letzten vier tatsächlich drin sein können. Denn von den 28 vorherigen Welt- und Europameisterschaften sind die Deutschen 18 Mal im Semifinale gelandet und haben letztlich sechs Titel geholt.

Gerümpel von gestern blockiert den Erfolg von heute

Das aber war, wie gesagt, vor 2014. Und schon damals blickte das DFB-Team auf viele zähe Jahre und enttäuschende Turniere zurück. Die Neuerfindung unter Klinsmann und Joachim Löw war ein voller Erfolg und endete in Brasilien mit dem vierten WM-Titel. Doch dieser Triumph ist mittlerweile acht Jahre her. Und mancher Verantwortlicher beim DFB tut so, als seien die Lorbeeren von damals immer noch frisch und saftig. Sind sie aber nicht mehr und dieses Gerümpel von gestern blockiert den Erfolg von heute.

Vier Turniere sind seit dem Triumph von Rio vergangenen (drei davon mit mäßigen Ertrag) und der Torschütze von damals war gegen Costa Rica immer noch (oder eher wieder) auf dem Platz: Mario Götze. Im Tor steht immer noch Manuel Neuer, der Ewige. Ganz vorne, mangels Alternativen, Thomas Müller. Im Hintergrund organisiert unverdrossen Oliver Bierhoff herum und von der Seitenleine ruft Hansi Flick Kommandos hinein.

Sportlich gesehen sind Götze, Müller und Neuer vielleicht immer noch nicht die schlechteste Wahl. Aber alle drei hatten vor acht Jahren im Grunde alles erreicht, was ein Fußballer erreichen kann. Das bei den dreien etwas die Luft raus ist, kann man ihnen nicht verübeln, selbst, wenn es nur diese zwei, drei Prozent sind, die auf diesem Niveau den Unterschied ausmachen.

Neuer will nicht aufhören

Doch Manuel Neuer, immerhin auch schon 36 Jahre alt, denkt nicht ans Aufhören. Nach dem Spiel darauf angesprochen, sagte er ungerührt: "Soweit ich eingeladen werde, werde ich meine Leistung zeigen." Daran besteht kein Zweifel. Was allerdings soll einen adäquaten Ersatz wie Marc-André Ter Stegen eigentlich noch motivieren, wenn der Bayern-Schlussmann sogar kaputtgespielt noch gesetzt ist? Wie 2018, als Löw unbeirrt Neuer Ter Stegen vorzog, obwohl letzterer sowohl bei Barcelona als auch in der Nationalelf in absoluter Topform war. Hansi Flick war damals schon nicht mehr an Löws Seite. Aber er ist jetzt als Cheftrainer am gleichen Punkt wie sein Vorgänger: Um keinen Preis von "ihren" 2014er-Weltmeisterjungs lassen wollen.

Bleibt also Oliver Bierhoff. Seit 18 Jahren schon managt er die Belange der Nationalmannschaft. Ihm sind ungeliebte Kunstbegriffe wie "Die Mannschaft" genauso zu verdanken wie der Imagewandel des Nationalspielers vom Rumpelfußballer zum Markenbotschafter. Finanziell mag das sinnvoll (gewesen) sein, dem Team und seiner Beliebtheit hat es aber nur bedingt geholfen. Nicht selten wirkte die DFB-Elf wie die Auslage einer Bulgari-Filiale: edel, aber steril und freudlos.

Dazu beherrscht Bierhoff die Kunst, dicke Luft wie ein Magnet anziehen. Ob es schwulenfeindliche Aussagen waren, seine Rolle bei der unrühmlichen Affäre um Mesut Özil, ob es um die Auswahl von Turnierquartieren ging wie in Russland oder jetzt in Katar, oder das zu lange Festhalten als Löw – verlässlich schafft es der Manager immer genau diesen Hauch danebenzuliegen, der aus einer Lappalie ein Ärgernis macht.

Bierhoff, geh' und nimm die Reste von damals mit

So reagierte er nun auch in einer typischen Bierhoff-Volte auf das WM-Aus. "Ich habe ein sehr gutes Gefühl für mich", sagte erst, um dann kleinlaut hinterherzuschieben: "Leider habe ich keine Argumente mit drei schlechten Turnieren, die ich dagegenhalten könnte." Stimmt. Er sollte die Konsequenzen ziehen und von dannen ziehen. Er könnte dann gleich die Reste von vor acht Jahren mitnehmen und die Kunde verbreiten, dass "seine Mannschaft" vielleicht in zwei Jahren wieder wettbewerbsfähig ist. Mit etwas Glück. Thomas Müller jedenfalls ist schon mal vorangegangen.

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