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Vorrundenaus der DFB-Elf Das ist kein Ausrutscher mehr, es ist Unvermögen – an allen Fronten

Aus der Traum dieses deutschen Fans und der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2022 in Katar
Aus der Traum dieses deutschen Fans und der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2022 in Katar
© Christian Charisius / DPA
Wieder ein großes Turnier, wieder eine große Enttäuschung. Deutschland fliegt bei der WM 2022 in Katar in der Vorrunde raus und kann nicht mehr von Ausrutschern sprechen. Die deutsche Nationalmannschaft hat massive Probleme.

Man möchte es ja immer gerne an irgendwas festmachen, wenn es schiefgeht. Woran hat es gelegen, fragt sich der gemeine Fußballfan in solchen Situationen dann. Doch das, was die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM in Katar letztlich abgeliefert hat, war leider auf so vielen Ebenen so schlecht, dass man keines der Probleme einem anderen vorziehen könnte.

Von hinten angefangen: Zwei Gegentore gegen Japan kassiert, zwei gegen Costa Rica und würde im Tor nicht Manuel Neuer stehen, dann wären es noch mehr geworden. Beide Mannschaften sind nicht international gefürchtet, Defensiven schwindelig zu spielen. Nein, alle vier Gegentreffer waren hanebüchen verteidigt, fielen teils nach abstrusen individuellen Fehlern. Antonio Rüdiger hätte gegen Costa Rica beinahe ein weiteres Tor hergeschenkt. Dass das nicht passiert ist, lag wieder nur an Neuer. Und dabei ist Rüdiger noch der Einzige im gesamten Defensivverbund, der eigentlich Weltklasseformat hat. Um international oben mitspielen zu können, ist das schlicht zu wenig.

So viele Chancen vergeben, dass man nicht mehr von Pech sprechen kann

Das Turnier hat aber auch gezeigt: Die deutsche Offensive sieht zwar auf dem Papier deutlich besser aus als die Verteidigung, doch bringt sie das – Vorsicht: Fußballphrase incoming – nicht auf den Platz. Gegen Japan kann die DFB-Elf zur Pause 4:0 führen, gegen Costa Rica muss sie zur Pause 5:0 führen. Bringt man vor allem das Japan-Spiel so ins Ziel, wie man es über weite Teile führt, dann braucht man am dritten Spieltag nicht ums Weiterkommen zu zittern. In beiden Spielen stand es aber zur Halbzeit lediglich 1:0. Das erste Spiel gab Deutschland danach komplett aus der Hand, auch am dritten Spieltag lag man auf einmal gegen den Außenseiter hinten. 

Wie nach dem Japan-Spiel wird auch nun wieder über Glück im Abschluss gesprochen. Ein, zwei, vielleicht auch drei vergebene große Chancen sind Pech. Wenn du aber aus ein paar Dutzend sehr guten Möglichkeiten nicht genügend Tore machst, um weiterzukommen, dann hat das irgendwann nichts mehr mit Glück oder Pech zu tun. Dann stimmt was grundlegend nicht.

Was ebenfalls definitiv nicht stimmt, ist etwas, was schwerer zu greifen ist und oft "Mentalität" genannt wird. Die deutsche Elf hat gegen Japan ohne Not ein voll kontrolliertes Spiel aus der Hand gegeben. Am Donnerstagabend kommt das Team aus der Pause und auf einmal fällt den Costa Ricanern ein, wie man Fußball spielt. Auch das ist dann kein Zufall mehr, kein Pech. Es ist Unvermögen.

Die Verantwortung von Hansi Flick

Ein großes Stück vom Schuldkuchen muss natürlich auch auf Hansi Flicks Teller gesucht werden. Gegen Japan brachten seine Auswechslungen die Unruhe rein, die letztlich das Spiel und aus heutiger Sicht das Turnier verspielte. Gegen Costa Rica ließ er seinen einzigen echten Neuner auf der Bank und brachte lieber einen enttäuschenden Müller im Sturmzentrum. Kimmich setzte er hinten rechts ein, ein Experiment, das er zur Pause korrigierte.

Vorrundenaus der DFB-Elf: Das ist kein Ausrutscher mehr, es ist Unvermögen – an allen Fronten

Nun konnte Flick natürlich nicht aus dem Vollen schöpfen. Der deutsche Kader ist schon seit langem nicht mehr so gut besetzt, wie etwa 2014, der Weltmeister-Jahrgang. Das Team, das Hansi Flick mit nach Katar genommen hat, ist dennoch auf allen Ebenen besser besetzt als Mannschaften wie Japan, Marokko oder Senegal. Trotzdem stehen diese Teams im Achtelfinale und Deutschland nicht. Trotzdem muss man sich nun hinter Nationen wie Wales, Saudi-Arabien, Kanada oder Ecuador auf der Verliererseite einordnen.

2018 mag manch einer noch von einem Ausrutscher gesprochen haben. Danach flog die DFB-Elf bei der EM im Achtelfinale raus und nun erneut in der Vorrunde einer WM. Das sind keine Ausrutscher mehr, das ist ein klarer Trend. Ein sehr besorgniserregender Trend für den deutschen Fußball.

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