HOME

WM: Team der Lädierten

Der enorme Krankenstand kurz vor dem Argentinien-Spiel wird zur Zitterpartie für Rudi Völler. Der Teamchef hofft jetzt, »dass einige noch etwas fitter werden«.

Die alarmierende Anzahl von verletzten und angeschlagenen WM-Kandidaten bringt Rudi Völler sechs Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft zunehmend in die Zwickmühle. Sogar der geplante Nominierungstermin für seinen 23-köpfigen WM-Kader am 6. Mai steht mittlerweile zur Disposition. »Es kann den einen oder anderen geben, den ich aus der Hinterhand zaubern muss«, ahnt Völler, dass nicht alle Rekonvaleszenten den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen werden. Aber noch versucht der Teamchef nach außen hin Ruhe zu bewahren: »Wir müssen zum jetzigen Zeitpunkt nicht hektisch werden oder in Panik verfallen. Es trifft uns im Moment allerdings härter als andere Nationen.«

Die Liste der Kranken ist lang

Der Krankenstand vor dem Argentinien-Spiel bringt Völlers Zeitplan gewaltig durcheinander. Sebastian Deisler und Mehmet Scholl führen die lange Liste der Wackelkandidaten an, die als jüngsten Fall um Christian Ziege (Sprunggelenk-Operation) erweitert wurde. Marko Rehmer (doppelter Bänderriss) und Gerald Asamoah (Muskelbündelriss) kämpfen wie Deisler nach Knieoperation und Muskelfaserriss sowie der vom Pech verfolgte Scholl (Sprunggelenk-OP, Muskelfaserriss, Bandscheibenvorfall) in der Rehabilitation um ihre WM-Chance. Oliver Neuville schlägt sich mit einer angebrochenen Zehe herum, Jens Nowotny plagt ein stark lädiertes Sprunggelenk. Und Torsten Frings will eine Leisten-Operation bis nach der WM aufschieben.

Im Zweifelsfall der Jüngere

Längst rätselt Völler, wie viele lädierte Profis er am 22. Mai mit nach Japan nehmen kann. »Natürlich geht es, angeschlagene Spieler mitzunehmen. Aber wo ist die Grenze? Wann könnte der erste Einsatz sein? Wie viele verträgt ein Kader? Zwei, drei, vier oder fünf - das muss man abwägen«, zeigte sich Völler ratlos und legte einen Großteil der Verantwortung in die heilenden Hände der medizinischen Abteilung: »Da sind die Ärzte und Fitmacher gefragt.« Mut macht dem Teamchef derzeit am meisten, dass die WM-Kader erstmals 23 statt 22 Spieler umfassen dürfen, er somit einen Platz mehr für ein Sorgenkind reservieren kann. »Im Zweifel entscheidet man sich dann eher für einen 22-Jährigen als einen 32-Jährigen, da bei dem in der Regel der Heilungsprozess schneller geht«, meinte Teamarzt Josef Schmitt.

Völler weiß aus eigener Erfahrung um die Probleme, nach längerer Spielpause noch in den WM-Rhythmus zu finden. »Ich konnte nur 80 bis 90 Prozent meines Leistungsvermögens bringen«, erinnerte er sich an die WM 1986 in Mexiko, bei der auch noch Karl-Heinz Rummenigge mit einer nicht auskurierten Verletzung dabei war. Doch das Beispiel mache gleichzeitig Mut. Immerhin wurde Deutschland mit drei Völler-Toren noch Vize-Weltmeister. Jüngstes Gegenbeispiel aber war Thomas Helmer bei der WM 1998, den der damalige Bundestrainer Berti Vogts trotz großer gesundheitlicher Probleme mit nach Frankreich nahm und schließlich als Ballast durch das Turnier durchschleppen musste.

Zitterpartie vor den Endspielen

Mit bangen Blick sieht Völler den kommenden Endspielwochen entgegen: Leverkusen tanzt noch auf drei Hochzeiten, im äußersten Fall bis zum 15. Mai (Champions-League-Finale). Borussia Dortmund steht bis zum UEFA-Cup-Endspiel am 8. Mai unter Hochspannung. Drei Tage später treffen Bayer 04 und Schalke 04 im DFB-Pokalfinale aufeinander. Reichlich Zeit, sich neu zu verletzten. »Ich werde den einen oder anderen auf Abruf stellen«, kündigte der 42-jährige Teamchef eine erste ungeliebte Konsequenz an. Die möglichen Nachrücker müssen sich individuell fit halten, während die Nominierten ab 8. Mai die unmittelbare WM-Vorbereitung bestreiten.

Völler wartet auf Scholl

»Ich hoffe, dass einige noch etwas fitter werden«, wies Völler darauf hin, dass eine überstandene Verletzung noch längst keine WM-Form bedeutet. Deisler hat seit Oktober vergangenen Jahres gerade einmal für 104 Minuten Bundesliga-Luft geschnuppert, bevor er sich erneut verletzte. Scholl, der in der laufenden Länderspiel-Saison nur einen 66-Minuten-Auftritt gegen Israel vorweisen kann, bemüht sich geradezu hektisch darum, nicht zum dritten Mal nacheinander eine WM zu verpassen. »Ich warte bis zuletzt auf ihn«, machte Völler seine größte Sorge deutlich, dass gerade im Kreativbereich eine nicht zu schließende Lücke entstehen könnte.

Wissenscommunity