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DFB-Chef Niersbach: Der klebende Präsident

Wolfgang Niersbach hat sechs gute Gründe, sich dem Deutschen Fußball-Bund zu ersparen und zurückzutreten.

Ein Kommentar von Wigbert Löer

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

Es offenbart ein gutes Stück Unverfrorenheit, dass er nicht zurücktritt: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

Manche bemitleiden ihn inzwischen. Aber wird ihm das gerecht, diesem Wolfgang Niersbach, 64, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes? Jenem Funktionär, der vor allem immer die Nähe zu den Stars suchte. Den es vor drei Jahren ins höchste Amt spülte und der dann damit so auffällig wenig anzufangen wusste. Der zuletzt, als die Fifa erodierte, kaum den Mund aufbekam.

Es offenbart auch ein gutes Stück Unverfrorenheit, dass der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nicht zurücktritt. Enthüllung folgt auf Enthüllung, Fehltritt auf Fehltritt, Razzien in der DFB-Zentrale, auch in Niersbachs Villa. Nun meldet die "Süddeutsche Zeitung", dass Niersbach 2007 sogar höchst selbst die Steuererklärung des DFB unterzeichnete, mit der man die dubiose 6,7-Millionen-Zahlung an die Fifa steuerlich geltend machte. Niersbach blattert: Wie der Fifa-Chef klebt er an seinem Präsidentensessel.

Dadurch zeigt er zumindest, worum es ihm nicht geht: um den DFB. Der wirkt nämlich inzwischen schlicht lächerlich mit einem Chef, der in erratischen Erklärungen die Realität ignoriert und gleichzeitig die Vergangenheit aufklären soll. Die dubiosen Deals sind an sich schon peinlich genug für den Fußballverband eines Landes, das sich vom Sumpf der Fifa Meilen entfernt glaubte. Skandalnudeln? Hatten die anderen! Korruption und krumme Geschäfte? Nicht bei uns! Und Wolfgang Niersbach, so sagte einer seiner Stellvertreter vor einigen Wochen erst, komme natürlich als neuer Oberboss der Fifa in Betracht.

Lauter Rücktrittsgründe

Wolfgang Niersbach hat heute nicht nur einen guten Grund, sein Amt als DFB-Präsident zur Verfügung zu stellen. Da sind

Niersbachs Unterschrift unter der Steuererklärung: Aufgrund dieser Erklärung ermittelt die Staatsanwaltschaft, ihretwegen kam es zu den Razzien. Niersbach hat der Öffentlichkeit seine Verantwortung hierbei verschwiegen.

Niersbachs Leugnen der schwarzen Kasse: Niersbach sagte seit der ersten Enthüllung des "Spiegel" inhaltlich wenig, aber dass es "keine schwarze Kasse" gegeben habe, wiederholte er etliche Male. Er hätte auch behaupten können, die meisten Waschbecken in Deutschland seien rot.

Niersbachs Falschaussage, sofern nicht seine früheren DFB-Kollegen Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger gelogen haben: Niersbach behauptet weiterhin, er habe erst im Sommer 2015 von der 6,7-Millionen-Überweisung erfahren. Der langjährige DFB-Schatzmeister Horst R. Schmidt erklärte unter Zustimmung von Zwanziger, dass die Spitze des WM-Organisationskomitees (OK), zu der Niersbach von Beginn an zählte, schon 2004 von der heimlichen Zahlung über den früheren Adidas-Chef Dreyfus wusste. Schmidt wörtlich: "Ich habe erstmals im Herbst 2004 durch einen Anruf von Günter Netzer erfahren, dass Robert Louis-Dreyfus einen Anspruch gegen das OK des DFB in Höhe von 6,7 Mio. Euro haben soll. Ich hatte hiervon zuvor keine Kenntnis. Zeitnah habe ich die Mitglieder des OK-Präsidiums über diesen Sachverhalt informiert."

Niersbachs wohl vorgegaukelte Aufklärung: Der Präsident gibt vor, er habe den Vorgang seit dem Sommer 2015 intern untersucht. Davon bemerkte aber kein Vizepräsident etwas und kein Schatzmeister und überhaupt niemand im Präsidium des DFB. Auch wurden im Rahmen der angeblichen Untersuchung die entscheidenden Personen nicht befragt. Bis heute macht Niersbach zur "internen Untersuchung" keine näheren Angaben, sagt nicht, wo er recherchierte, wen er befragte, wer ihm dabei half und ob überhaupt irgendjemand davon wusste. "Es muss jedenfalls eine sehr interne Prüfung gewesen sein. Vielleicht ein Selbstgespräch oder ein Gebet", folgert der "Zeit"-Autor Oliver Fritsch.

die Täuschung des Aufsichtsrats des WM-OK: Auch Wolfgang Niersbach trägt die Verantwortung dafür, dass die Millionenzahlung an die Fifa 2005 vom Präsidium des OK verschleiert, der Aufsichtsrat damit hinters Licht geführt wurde. "Hinsichtlich des wahren Hintergrundes der Zahlung von sieben Millionen Euro" sei der Aufsichtsrat damals "getäuscht" worden, sagt der frühere Innen- und Sportminister Otto Schily.

die hohen Maßstäbe, die er an andere setzt: "Wir brauchen ... eine respektierte, integre Fußballregierung an der Spitze, um jedem Ehrenamtlichen, jedem Spieler und jedem Fan glaubwürdig gegenübertreten zu können", befand Niersbach noch im Juni dieses Jahres. Die "respektierte, integre Fußballregierung" führt in Deutschland im Moment Wolfgang Niersbach.

Bekundungen einzelner reichen nicht

Es ist schwer nachvollziehbar, warum Wolfgang Niersbach offenbar glaubt, er könne im Amt bleiben. Er müsste wissen, dass es in seiner Situation nicht reicht, wenn der Bundestrainer Joachim Löw vom "riesigen Vertrauen" in Niersbach spricht und der Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge ihn als "Ehrenmann" bezeichnet.

Im Juli dieses Jahres äußerte sich Wolfgang Niersbach zu Sepp Blatter. Es ging um Blatters Verwicklung in die weltumspannende Fifa-Korruption, der Schweizer gab sich mal wieder unschuldig. "Wenn er das so betont, dann glaube ich ihm natürlich", sagte Niersbach.

Diese Gutgläubigkeit, mit der er den Fifa-Chef bedachte, wünscht er sich jetzt vielleicht auch für sich selbst. Doch Niersbach hat allein in den vergangenen zweieinhalb Wochen sehr viel dafür getan, dass sie ihm nicht entgegengebracht wird.

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