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Wolfsburg-Profi Hasani: "Junge, kommst du gerade vom Krieg?"

Ferhan Hasani ist Mazedonier mit albanischen Wurzeln. Wenn er das Nationaltrikot trägt, pfeifen ihn die eigenen Zuschauer aus. Ein Interview mit einem etwas anderen Bundesligaspieler.

Von Daniel Jovanov

Herr Hasani, erinnern Sie sich, wer Ihnen Ihren ersten Ball geschenkt hat? Nein. In meiner Kindheit gab es ohnehin nicht viele Bälle, mit denen wir spielen konnten.

Wann sind Sie einem Verein beigetreten?

Das war zur Zeit meiner Einschulung. Mein Vater hat mich bei Skendija Tetovo eingeschrieben und jeden Tag zum Training gebracht.

Wie sind Sie zum Training gekommen?

Zu Fuß. Wir haben nicht weit vom Stadion gewohnt.

Wie oft haben Sie trainiert?

Auch wenn die Bedingungen katastrophal waren – jeden Tag. Wir haben auf Ascheplätzen gespielt und uns regelmäßig die Knie wund geschürft, wenn wir hingefallen sind. Meine Mutter sagte immer zu mir: "Junge, kommst du gerade vom Krieg?"

Gab es Umkleidekabinen?

Wir hatten einen etwas größeren Raum im Klubhaus, wo sich bis zu 50 Kinder gleichzeitig umgezogen haben.

Konnte man duschen?

Ja, allerdings nur die älteren Junioren und nicht immer mit warmem Wasser. Schließlich waren nach uns ja noch die Profis dran.

Sie kommen aus Tetovo, der zweitgrößten Stadt Mazedoniens mit einer großen albanischen Gemeinde. Welche Sprache haben Sie zu Hause gesprochen?

Ausschließlich Albanisch. In der Schule hatten wir am Tag eine Unterrichtsstunde, in der wir Mazedonisch gelernt haben.

Hatten Sie mazedonische Freunde?

Nein. Die beiden Volksgruppen leben parallel nebeneinander. In Tetovo gibt es zwei große Klubs: Skendija, bei dem die Albaner gespielt haben, und Teteks für die Mazedonier. In den Jugendmannschaften von Skendija hat nicht ein einziger Mazedonier gespielt. Im Profibereich mischt es sich dann.

Gibt es eine Rivalität zwischen Albanern und Mazedoniern?

Schauen Sie sich die Derbys an: Wenn Skendija gegen Teteks oder Vardar Skopje spielt, sind Spezialeinheiten der Armee vor Ort. Die politische Situation spiegelt sich leider im Fußball wider. Als ich das erste Mal in einem Derby zwischen Skendija und Teteks zum Einsatz kam, hatte ich Angst.

Sie spielen für Mazedonien. Wie ist es in der Nationalmannschaft?

Sehr professionell. Es spielt keine Rolle für uns, was sich in der Politik tut. Jeder wird nach Leistung bewertet, nicht nach ethnischer Zugehörigkeit. Wenn ich gewollt hätte, würde ich heute in der albanischen Nationalmannschaft spielen. Mazedonien ist meine Heimat, allerdings werden wir Albaner auch von mazedonischen Ultras ausgepfiffen.

Auch die Albaner Agim Ibraimi und Muhamed Demiri spielen für Mazedonien. Wie fühlen Sie sich, wenn die Fans pfeifen?

Es muss ein Umdenken stattfinden, denn zwischen den Menschen ist noch immer ein zu großer Spalt. Wir spielen Fußball und brauchen die Unterstützung. Ich glaube, dass Mazedonien nicht mehr weit davon entfernt ist, etwas Großes zu erreichen. Uns fehlen noch ein paar Prozent, um große Gegner zu schlagen.

Singen Sie die Hymne mit?

Nein. Dennoch ist Mazedonien meine Heimat und ich spiele mit Herz für dieses Land.

Haben Sie mit dem Fußballspielen in Mazedonien Geld verdient?

In Mazedonien kann man als Profi zwischen 500 und 1500 Euro monatlich verdienen.

Kann man davon leben?

Ja. Doch wenn man bedenkt, dass die aktive Zeit des Fußballers begrenzt ist, ist es nicht viel Geld.

2011 wurden Sie Ligaspieler des Jahres, wann sind Vereine aus dem Ausland mit Ihnen in Kontakt getreten?

Ich habe mir nie große Gedanken darüber gemacht, ob Scouts anderer Vereine eines meiner Spiele sehen. Ich wusste, dass ich mit guten Leistungen irgendwann auf mich aufmerksam machen werde. Es gab Angebote aus Kroatien oder Serbien. Aber ich habe das große Angebot abgewartet.

Welchen Eindruck hatten Sie, als Sie das Wolfsburger Angebot gesehen haben?

Mein Berater hat die Verhandlungen geführt. Ehrlich gesagt, haben mich die Zahlen nicht interessiert. Ich war einfach nur glücklich, dass ich endlich den Sprung in eine große europäische Liga geschafft habe.

Wie wurden Sie beim VfL Wolfsburg aufgenommen?

Der Verein ist sehr familiär. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich so herzlich aufgenommen wurde. Es war das erste Mal für mich, dass ich mein Elternhaus für längere Zeit verlassen habe und in ein fremdes Land mit einer anderen Mentalität gezogen bin. Doch der Verein hat sich sehr sorgsam um alles gekümmert.

Ihr erster Trainer in Deutschland war Felix Magath. Wie war es für Sie, unter ihm zu trainieren?

Die Umstellung war groß. In Deutschland muss man viel arbeiten, um erfolgreich zu sein. Das hat Magath von uns Spielern gefordert. Er hat nicht oft mit uns gesprochen, aber er war ein fairer Trainer. Wenn du alles gibst bei ihm, bekommst du deine Chance.

Wann haben Sie ihr erstes Spiel gemacht?

Im September 2012 bin ich zur zweiten Halbzeit gegen Mainz eingewechselt worden. Ich kann nicht in Worte fassen, was das für ein Gefühl war. In der Bundesliga zu spielen, das ist etwas Außergewöhnliches.

Nach Magaths Entlassung waren Sie zunächst nicht mehr im Kader. Dieter Hecking hat Sie dann am letzten Spieltag gegen Frankfurt eingewechselt.

So ist Fußball. Ein neuer Trainer bringt neue Ideen mit. Das muss man als Profi akzeptieren. Aber in der kommenden Saison ergibt sich bestimmt eine neue Chance. Ich möchte mich in der Bundesliga durchsetzen.

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