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Nationalmannschaft Das verwirrende Spiel gegen England lässt nichts Gutes für die WM erahnen

Deutschlands Ilkay Gündogan erzielte per Elfmeter das 0:1
Ilkay Gündogan erzielte das 1:0 für Deutschland per Elfmeter
© Christian Charisius/dpa
Beim 3:3 gegen England überzeugt das DFB-Team nur für 25 Minuten. Das genügt nicht, um den ersehnten Stimmungsumschwung herbeizuführen. Im Gegenteil: Bundestrainer Flick muss erkennen, dass nicht nur die Sturmspitze eine Problemzone ist, sondern auch die Abwehr. 

Allzu gerne würde man in diesen Tagen einen Sportwetten-Anbieter dabei beobachten, wie er seine Quoten für die WM in Katar festlegt. Das wird der Buchmacher ausnahmsweise nach Bauchgefühl tun müssen, ohne die Hilfe von Software und Datamining, denn der Fußball spielt verrückt zurzeit. Weltmeister Frankreich verliert in der Nations League gegen das kleine Dänemark, Spanien unterliegt der Schweiz, und die Deutschen sind das rätselhafteste Team überhaupt. 0:1 gegen Ungarn in Leipzig am Freitag und nun ein 3:3 gegen England in Wembley – nach einer 2:0 Führung.  

Kein Algorithmus dieser Welt kann derzeit die deutsche Nationalmannschaft fassen und seriös bewerten, denn hinter dem Label "DFB-Team" verbergen sich viele unterschiedliche Gruppen: Die glanzvollen Deutschen, die in der WM-Qualifikation 2021/22 von Sieg zu Sieg eilen, scheinbar mühelos. Das Ensemble der Verzagten, das die spielerisch limitierten Ungarn in zwei Partien nicht schlagen kann. Die Furchtlosen, die Europameister Italien 5:2 deklassieren. Und schließlich die Wankelmütigen, die den EM-Finalisten England im eigenen Stadion 25 Minuten lang an die Wand spielen und dann plötzlich zusammenbrechen, ohne erkennbaren Grund.  

In knapp acht Wochen beginnt die Weltmeisterschaft in Katar, und wohl selten zuvor hat eine deutsche Mannschaft ein solch verwirrendes und in sich widersprüchliches Bild abgegeben wie in diesen Tagen. Das DFB-Team ist in einer Art Random-play-Modus gefangen: Mal spielen sie einen Hit (selten), mal eine B-Seite (oft), mal ein schräges Medley aus beidem (sehr oft).

Betrübte Erkenntnis statt Stimmungsumschwung bei der Nations League

Das Problem ist bloß, dass Bundestrainer Hansi Flick elf Monate nach seiner Amtsübernahme noch immer nicht weiß, welche Tasten er drücken muss, um zumindest das Medley auszustellen. Dieses melodramatische Stück kann die Mannschaft selbst nicht mehr hören. Einen 2:0-Vorsprung gegen England noch herzuschenken, "das muss einem schon Sorgen machen", sagte Kai Havertz mit hochgezogenen Augenbrauen und dunkel unterlaufenen Augen. Joshua Kimmich meinte zur Aufholjagd des Gegners, diese sei "unerklärlich, denn die Engländer haben ja mit Ball gar nicht stattgefunden." 

Das ist wohl wahr. Die Deutschen waren es selbst, die den Gegner dazu ermutigten, es doch auch mal zu probieren mit dem Toreschießen. Schon im Mittelfeld verteidigten sie halbherzig, offenbar in dem wohligen Gefühl, das 2:0 schon irgendwie über die Zeit bringen zu können. Bezeichnend war die Szene zum 1:2 in der 72. Minute: Bei seinem Anschlusstreffer stand Englands Luke Shaw allein auf weiter Flur, im Rücken der Innenverteidiger Süle und Schlotterbeck. Die Außenstürmer müssten in einer solchen Situation defensiv aushelfen, monierte Flick hernach, "aber das war da nicht der Fall." 

Das England-Spiel hätte eigentlich für einen Stimmungsumschwung in der Mannschaft sorgen sollen, das war der Wunsch des Bundestrainers. Nun ist Flick um eine betrübliche Erkenntnis reicher: Nicht nur in der Sturmspitze, wo Timo Werner wieder einmal auf unergründlichen Pfaden unterwegs war, gibt es ein Problem, sondern auch in der Abwehr.  

 

Die vielen Baustellen im DFB-Team

Deutschland hat derzeit kein Innenverteidiger-Duo von internationalem Format, wenn Antonio Rüdiger (gegen England gesperrt) ausfällt. Nico Schlotterbeck, der ihn vertrat, besitzt zwar Stärken im Spielaufbau, aber im Zweikampf fehlt ihm noch das Gefühl fürs Timing. Auf Schlotterbecks missratene Grätsche gegen Jude Bellingham, seinem Teamkollegen aus Dortmund, folgte ein Elfmeterpfiff. Harry Kane brachte England zwischenzeitlich 3:2 in Führung. Es war nicht Schlotterbecks erster schwerer Patzer in seiner kurzen Länderspielkarriere.  

Niklas Süle, Schlotterbecks Partner in der Innenverteidigung, ist zwar erfahrener und kontrollierter im Duell Mann gegen Mann, aber ihm fehlt das Tempo. Englands Flügelstürmer Raheem Sterling enteilte ihm immer wieder, es dauert einfach zu lange, bis Süle seinen muskelbepackten Körper auf Fahrtgeschwindigkeit bringt.  

Ebenfalls eine Problemzone: Die linke Außenbahn. Dort rannte David Raum wie ein Pitbull auf und ab, doch seine Läufe brachten hauptsächlich unpräzise Flanken hervor. Noch in der vergangenen Saison war Raum die Entdeckung der Bundesliga gewesen; in der Sommerpause wechselte er für 26 Millionen Euro von Hoffenheim nach Leipzig. Dort sucht er jetzt die Form vergangener Tage.  

Bundestrainer Flick bleibt nur wenig Zeit, um die vielen Baustellen zu schließen. Seine Mannschaft trifft sich erst eine Woche vor dem WM-Turnier zu einem Kurztrainingslager im Oman; am 23.11. bestreitet sie dann ihr erstes Gruppenspiel gegen Japan. Man darf gespannt sein, welches Team im Khalifa International Stadium von Doha auftreten wird: Die Verzagten, die Furchtlosen – oder doch wieder die melodramatischen Medley-Spieler.

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