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Peking 2022 Team D hat Spaß gemacht. Aber Olympia muss sich ändern

Olympia-Helfer pusten die Fahrrinne der Sprungschanze frei
Für viele eines der Symbole für Olympia auf Abwegen: Die künstliche Fahrrinne auf den Sprungschanzen in Zhangjiakou, die hier von Helfern während eines Springens sauber gehalten wird.
© Hannah McKay / Getty Images
Die umstrittenen Spiele von Peking sind Geschichte. Sie brachten natürlich großen Sport – auch von deutschen Athlet:innen. Doch sie zeigten auch: Olympia braucht einen Reset. Dringend.

So ist das bei Olympia: Vor Beginn der Spiele können Vorbehalte und Kritik noch so groß gewesen sein, am Ende bleibt der Sport, bleiben Spannung, Tragödien und Triumphe im Gedächtnis. Daran ist auch zunächst nichts Falsches. Während der Spiele sollten die Sportler und ihre oft außergewöhnlichen Leistungen im Mittelpunkt stehen. Jubel und Tränen zeigten auch in Peking, wie hoch der persönliche Einsatz der Athleten und Athletinnen ist, um zu den besten der Welt in ihrer Disziplin zu gehören. Das darf und soll durchaus gewürdigt werden. Das Aber ist dennoch groß: Peking hat endgültig gezeigt, dass es so mit Olympia nicht weitergehen kann.

Ex-Skistar Felix Neureuther ist beileibe nicht der einzige, der um die Seele, um den Kern der Olympischen Spiele fürchtet, wie er im stern-Interview sagt. Doch ausgerechnet das Internationale Olympische Komitee (IOC) denkt nicht so. Es hat das Welt-Sportfest – ob in der Winter- oder der Sommervariante – längst an Gigantismus und Kommerz verkauft. IOC-Chef Thomas Bach scheute in Peking zudem wieder einmal nicht die Nähe zu einem autokratischen Machthaber. Er lobte auch diese Spiele unkritisch als sehr erfolgreich und wischte alle Kritik vom Tisch, Olympia biete dem Regime von Xi Jinping, wie anderen zuvor, eine willkommene Gelegenheit zu positiver PR und eleganter Verschleierung von Menschenrechtsverletzungen. Das IOC und der Sport seien "zur politischen Neutralität verpflichtet".

Olympische Spiele politisch neutral? China pfeift drauf

Doch an diesen ohnehin hohlen Grundsatz hielten sich nicht einmal mehr die Gastgeber. Der Organisationssprecherin Yan Jiarong reichten während einer Pressekonferenz die ausweichenden Antworten von IOC-Sprecher Mark Adams auf Journalisten-Fragen zu Berichten über chinesische "Umerziehungslager" für die muslimische Minderheit der Uiguren nicht mehr aus. Mehrfach griff sie ein und nannte die Berichte "Lügen". Auch beim Thema Taiwan wurde sie deutlich. Es gebe "nur ein China in der Welt" und "Chinesisch Taipeh" (so der Kompromiss-Name, um eine Olympia-Teilnahme zu ermöglichen) nehme als Teil von China an den Spielen teil. Auch wegen solcher Äußerungen wächst in Taiwan die Angst, China werde eine Einheit womöglich schon bald mit Gewalt herstellen. Ist das IOC, ist Thomas Bach wirklich nicht in der Lage zu erkennen, dass sie so zu Komplizen einer solchen Politik werden?

Der Verdacht ist nicht neu, dass Bach und Co. alles beiseite wischen, um das große Geschäft Olympia nur ja nicht zu gefährden. "Größer, Extremer, Teurer" hat für die IOC-Oberen das klassische Olympia-Motto "Schneller, Höher, Weiter" längst abgelöst. Doch dieses Melken der olympischen Idee ist nicht mehr zeitgemäß und es kommt auch an seine Grenzen. Nachhaltig sollen moderne Spiele eigentlich sein, doch auch das ist ein Feigenblatt. Die beiden Sprungschanzen oder der Eiskanal, alles nahe Peking in eine menschenleere Landschaft gebaut, werden wohl zu den nächsten sündhaft teuren Olympia-Ruinen werden. Der Verbrauch von Ressourcen und Landschaft ist angesichts des Klimawandels nicht mehr zu verantworten. Wie viele Sprungschanzen, Bobbahnen oder ja, auch Fußball-Arenen, will man denn noch bauen? Nicht mal die Frage, ob womöglich irgendwann Winterspiele im Wüstenstaat Katar stattfinden könnten, scheint noch absurd. Es sei daran erinnert, dass nach ursprünglichen Plänen die Arenen für die im Dezember anstehende Fußball-WM allesamt klimatisiert werden sollten, ehe man das Turnier doch lieber in den Winter verlegte.

Sport fasziniert auch ohne Olympia-Gigantismus

Der Sport braucht das alles letztlich nicht. Die Faszination liegt im Wettkampf, im Vergleich der Besten untereinander. In einem unaufhaltsamen Endspurt zu Gold wie ihn Victoria Carl im Langlauf-Teamsprint gezeigt hat, in der unfassbaren schieren Unschlagbarkeit der deutschen Rodel- und Bob-Pilot:innen, im Fitsein auf den Punkt, wodurch Biathletin Denise Herrmann zu Gold fuhr, in den Freudentränen von Skicross-Bronze-Gewinnerin Daniela Maier über ihren unverhofften Erfolg und selbst im grenzwertigen, völligen Verausgaben des Corona-geplagten Kombinierers Eric Frenzel. So hat Team D, die deutsche Olympia-Mannschaft, uns allen Spaß gemacht. So haben die anderen Olympioniken beeindruckt. All' das ist jederzeit ohne immer neue Sportstätten in immer neuen Städten möglich. Beispiele wie die alljährliche Vier-Schanzen-Tournee der Skispringer zeigen das deutlich.

Die Idee, Olympische Spiele künftig dort auszutragen, wo es die nötigen Sportstätten schon gibt, geht in die richtige Richtung. Sie war auch in Peking immer wieder zu hören – in erster Linie von Sportler:innen, während das IOC kaum Bereitschaft zu einer Erneuerung erkennen lässt. Felix Neureuther sagt im stern-Interview, dass "Sportler mehr Macht haben, als sie vielleicht glauben". Womöglich liegt die größte Hoffnung für Olympia ja tatsächlich darin, dass sich die Athleten und Athletinnen die Spiele zurückholen. Auf jeden Fall klingt das nach einem echten olympischen Gedanken.

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