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China: Die Angst der Sieger

Sie sind der Stolz einer ganzen Nation, werden für ihre Siege bejubelt und gefeiert. Im Dienst für ihr Vaterland haben die Medaillengewinner aus China Vieles aufgegeben und jahrelange Opfer erbracht. Doch was erwartet die Sportler nach dem kurzfristigen Olympiaruhm?

Von Laura Fariello, Peking

Es war einmal mehr ein harter Trainingstag, und die meisten Sportler liegen längst erschöpft in tiefem Schlaf. Seit Jahren leben sie im staatlichen Sportwohnheim und trainieren für das große, alles überragende Ziel: Olympia. Doch in einem kleinen, heruntergekommenen Kellerzimmer brennt noch Licht: Einige der Sportler pauken zu später Stunde müde aber eifrig ihre Englischvokabeln. Auch Zhou Rui, Silbermedaillengewinnerin im Turnen bei den Weltmeisterschaften 1997, ist Teil des kleinen Studienkreises. Sie ist davon überzeugt, dass ihr das nächtliche Lernen dabei helfen wird Fuß zu fassen - für "ihr Leben danach".

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Generell stehen alle Sportler der Welt am Ende ihrer Profikarriere vor einer neuen großen Herausforderung: dem Übergang von der hochgelobten Sportlerkarriere ins "normale Leben". Bei einem Beruf, der oft schon im jugendlichen Alter von unter 30 Jahren an den Nagel gehängt wird, stellt dies ein ernstzunehmendes Problem dar. Mit der Vergabe der Olympischen Spiele nach Peking wird das Thema nun auch verstärkt in der chinesischen Öffentlichkeit diskutiert.

Im Land der viel diskutierten Wunderkinder ist dieses Problem besonders schwerwiegend. Bereits im zarten Alter von vier Jahren werden Sportler mit großem Potenzial systematisch aufgespürt und in Trainingszentren gesteckt, wo der gesunde Körper weitgehend den gesunden Geist ersetzt. "Wird man für die Nationalmannschaft ausgesucht, ist der Zug in Richtung Allgemeinbildung für einen im Grunde schon abgefahren", sagt Gu Liu, ein Funktionär der staatlichen Sportverwaltung. Selbst wenn es allgemeinbildenden Unterricht gibt, so sind es weniger als zehn Stunden in der Woche. Und die Sportler verschwenden darauf in der Regel keinerlei Aufmerksamkeit. Der Druck auf die zukünftigen Champions ist enorm. Das Leben im Sportinternat ist hart. Für Lesen und Schreiben ist auf dem Stundenplan einfach keine Zeit.

Dem Athlet sitzt ein Heer im Nacken

Hinzu kommt: Insgesamt 200.000 Sportprofis befinden sich in der chinesischen Nachwuchspipeline. Verfallszeit: ungefähr 10 Jahre. Und alle hoffen darauf, von ihrem Vaterland nach ihrer aktiven Zeit zumindest nicht ganz vergessen zu werden. Doch heutzutage ist es nicht mehr so leicht wie früher während der Planwirtschaft, die Sportler nach ihrer aktiven Zeit unterzubringen. Zentral besetzbare Stellen als Nachwuchstrainer oder Sportfunktionär sind rar geworden.

Dabei können die wenigsten Topathleten vom Profisport leben. Abgesehen von wenigen hochbezahlten Sport-Superstars wie beispielsweise Basketballer Yao Ming oder Hürdensprinter Liu Xiang, deren Lebensstandard durch gut dotierte Werbeverträge abgesichert ist, ist der chinesische Spitzensport ein Zuschussgeschäft. Die Athleten sind auf Unterstützung ihrer Eltern und auf die staatlich chinesische Sportförderung angewiesen. Diese Hilfe regelt jedoch nicht das Leben nach dem Sport.

Li Ning gilt vielen Ex-Athleten als Vorbild

"In der Vergangenheit haben wir viel zu großes Gewicht auf das Heranziehen von nationalen Champions gelegt. Was aber macht jemand, der es nicht zur Goldmedallie schafft? Der steht dann mit enormen Wissenslücken und einem sehr niedrigen Ausbildungsstand da und kann in der Gesellschaft kaum Fuß fassen", sagt der Sportfunktionär. Vor diesem Hintergrund haben viele chinesische Sportler die größte Hürde noch vor sich - den Übergang von der Sportlerkarriere zum normalen Leben. Nicht wenige Leistungssportler fallen in ein tiefes Loch, wenn ihre aktive Zeit beendet ist. Manche brauchen psychologische Hilfe, um den Wechsel zu einem herkömmlichen Alltag zu meistern.

Ein Mann, der mit viel Engagement eine Lösung für dieses Problem finden will, ist der Goldmedaillengewinner von Los Angeles und mehrfache Weltmeister Li Ning. Auch er stand nach seiner aktiven Karriere der Herausforderung "Was nun?" gegenüber. Mit Glück, Fleiß und Verstand schaffte er es jedoch, seine sportlichen Erfolge wirtschaftlich zu vermarkten und ein kleines Firmen-Imperium aufzubauen: Heute ist er Chinas führender Sportartikelhersteller und Hauptkonkurrent von Adidas und Nike. Der Turnvater unterstützt die jungen Sportler im Keller. Sie sind Teil seines Stiftungsprojekts, das er vor sieben Jahren ins Leben rief und welches darauf abzielt, chinesischen Sportlern neue Perspektiven nach ihrer aktiven Lufbahn zu eröffnen. Sie sollen die Chance bekommen, auch nach dem Ende ihrer Sportlaufbahn im harten Konkurrenzkampf jenseits der Sportstadien erfolgreich bestehen zu können. Etwa 400 Sportler nehmen derzeit an dem Projekt teil, das von Li Nings Hongkonger Stiftung " The Chinese Athletes Education Foundation" zugunsten chinesischer Sportler organisiert wird.

Parallele Ausbildung soll Probleme verringern

"In China stehen die Sportler vor besonders großen Herausforderungen, wenn sich ihre Karriere dem Ende zuneigt", sagt Winnie, Projektleiterin der Stiftung in Peking. "Alle Probleme, mit denen chinesische Ex-Sportler in der Gesellschaft konfrontiert werden, haben Li Ning und andere Vorstandsmitglieder, die früher ebenfalls Olympioniken waren, selbst hautnah erlebt." Das Projekt der Stiftung bietet den Sportlern verschiedenste Bildungsmöglichkeiten. Von Einführungskursen in Finanzen, Sportmedizin und Computertechnik bis hin zu Seminaren zu Themen wie soziale Verantwortung und Universitätsvorbereitungskursen. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Vermittlung grundlegender Englischkenntnisse. " Wir sehen Englisch als wichtigstes Sprungbrett für jede Art von Karriere. Es bildet die Grundlage, in Unternehmen arbeiten zu können, im Ausland zu studieren, internationalen Sportorganisationen beizutreten, und man ist in der Lage mit der fremdsprachlichen Kompetenz internationale Kontakte knüpfen", sagt Winnie. Auch an weitergehenden Problemlösungen wird gearbeitet. Ein neues Konzept sieht bespielsweise vor, ausgezeichneten Sportlern Stipendien zu gewähren, die ihnen den Besuch einer Universität ermöglichen sollen.

Wenn chinesische Leistungssportler nach ihrem Karriereende nicht auf der Straße landen wollen, müssten sie, parallel zum intensiven Sporttraining, ihre Ausbildung absolvieren können. Daran arbeitet Deng Yaping, vierfache Tischtennis-Goldmedalliengewinnerin und Mitglied im IOC. Sie selbst möchte als Vorbild dienen: Nach ihrer Sportlaufbahn hat sie einen Abschluss an der Elite-Universität Tsinghua gemacht und schreibt mittlerweile an ihrer Doktorarbeit in Cambridge. Darüber hinaus macht sich Deng Yaping für die Gründung einer National Collegiate Athletics Asscociation nach dem Vorbild der USA stark. Doch sie ist skeptisch: Die wirtschaftliche Lage und die Sportsysteme sind einfach noch zu unterschiedlich. Vielleicht in ein paar Jahren. Irgendwann.

Bis es soweit ist, büffelt Zhou Rui lieber weiter nachts eigenständig ihre Englisch-Vokabeln und träumt von einer späteren Karriere im internationalen Sportmarketing. Aber erst nach der Goldmedallie.

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