Kommentar Irreale Poolpartys im "Wasserwürfel"


Kaum ein Rennen ohne Weltrekord: Während die Schwimmer sich im "Wasserwürfel" von Peking an den eigenen Höchstleistungen berauschen, verfolgen die Zuschauer das tägliche Spektakel mit einer Mischung aus Bewunderung und Zweifel. Geht wirklich alles mit sauberen Mitteln zu?
Von Christian Ewers

Den Satz des Tages sagte Eamon Sullivan. "Weltrekorde interessieren mich nicht", sagte der Australier, nachdem er im Halbfinale über 100 Meter Freistil eine neue Bestzeit aufgestellt hatte. "Du gewinnst keine Medaillen damit." Jedenfalls nicht in Peking.

Sullivans Sprint war lediglich einer von sechs Weltrekorden an diesem schaurig-denkwürdigen Mittwochmorgen im Water Cube von Peking. Vier Weltrekorde purzelten innerhalb von nur zwanzig Minuten - es war eine rauschhafte, nicht enden wollende Party, die da unten im Becken gefeiert wurde. Fragt sich nur, welche Drogen sich die Helden eingeworfen hatten.

Irreale Poolpartys

Vielleicht tut man den Schwimmern mit dieser Frage unrecht. Aber es ist mehr als legitim, sie zu stellen, immer und immer wieder, nach jedem einzelnen dieser Wahnsinnsrennen. Man kommt mit seinen Erklärungsversuchen einfach nicht weiter, auch nicht als Beobachter, der im Prinzip an das Gute im Menschen glaubt, zumindest glauben möchte.

Was derzeit jeden Morgen im olympischen Schwimmenbecken geschieht, wirkt irreal. Es killt jede Stimmung, ruft Unbehagen hervor, das Gefühl, getäuscht zu werden. Weltrekorde haben im Jahr 2008 n. Chr. nur noch für Tage Gültigkeit, und manchmal, wie an diesem Mittwoch, nur für Minuten. So eine Häufung hat es in der Schwimm-Geschichte noch nicht gegeben.

Schwimmstars im Visier von Wissenschaftlern und Fahndern

Anders als in der Leichtathletik, wo vermeintliche Fabelwesen wie Marion Jones, Tim Montgomery & Co. schon als Pharma-Kunden entzaubert wurden, gab es in letzter Zeit im Schwimmen keine spektakulären Doping-Enthüllungen. Das muss nichts bedeuten und ist vor allem kein Freispruch. Im Radsport und in der Leichtathletik hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Öffentlichkeit eine Ahnung davon bekam, dass mit System betrogen wird. Schwimmen ist spätestens seit Peking 2008 ins Visier von Wissenschaftlern und Fahndern gerückt. Vielleicht beenden sie die Poolpartys schon bald - wenn klar wird, was für Cocktails die Gäste so schlürfen.


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