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Olympische Augenblicke: Chinas neue Kind-Politik

Für stern-Reporter Mathias Schneider ist es das intensivste Erlebnis der Spiele: Als er die grazilen Übungen von Chinas viel zu jungen Turn-Mädchen im Finale gegen die USA verfolgt, wird dem erfahrenen Journalisten bewusst, dass die Fabel-Spiele von Peking einen hohen Preis besitzen.

Von Mathias Schneider, Peking

Wer als Sportreporter zu Olympischen Spielen aufbricht, tut es zunächst einmal in der Gewissheit, nichts zu wissen. Wer kennt sich schon in 28 Sportarten aus? Unmöglich. Folgerichtig kommt man mit sportiven Events in Kontakt, die nur bedingt zum eigenen Alltagsgeschäft gehören, um es vorsichtig auszudrücken. Ein klassischer Fall ist beispielsweise das Turnen der Frauen: Turnen der Frauen wird in Peking in einer Halle ausgetragen, die 18 000 Menschen Platz bietet und unter dem Titel National Indoor Stadium firmiert. Sie ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Mannschaftsfinale zwischen China und den USA gilt als eine der Höhepunkte dieser Sportart. Es geht um die Krone des Turnens. Also hinein ins Vergnügen.

Im Jubel von 18.000 Menschen

Es dauert nicht lange, dann kriecht ein wohliger Schauer den Rücken hinauf. Wenn 18.000 Menschen aufspringen, ist das für sich betrachtet ein starkes Energiefeld. Sie tun es, nachdem Turnerinnen nach den wildesten Flugeinlagen wie von einem Magnet gelenkt wieder im Stand landen, umso mehr.

Die Härchen stellen sich einem auf. Salto Rückwärts auf einem Schwebebalken - wo endet der Sport, wo beginnt die Akrobatik? Welch grandioses Schauspiel. Welche Körperbeherrschung. Olympia ist eine Chance, solch intensive Momente mit zu erleben. Momente wie dieser müssen es sein, aus denen die Spiele ihre Kraft schöpfen. Man ist dankbar, ein Teil des Festes zu sein.

Figuren mit zerbrechlichen Gesichtern

Als Chinas Sieg endlich feststeht, springen die Menschen in der Halle vor Glück. Die Euphorie tanzt förmlich in ihren Gesichtern. Nichts als Ausgelassenheit ist zu spüren, zumindest nicht hier oben unter dem Dach auf der Pressetribüne. Dann geht man hinunter in die so genannte Mixed Zone. Die Mixed Zone ist ein stickiger Raum, in dem Sportler sich den Fragen der Journalisten aussetzen. Athlet und Fragesteller kommen sich hier bis auf wenige Zentimeter nahe.

Dann treten sie heran, die Hauptdarstellerinnen, die 18.000 zum Fliegen gebracht haben. Sie heißen He Kexin, Yang Yilin, Jiang Yuyuan, Deng Linlin und Li Shanshan, und einem stockt der Atem. Es sind Kinder, die da vorüber huschen. Reglos sind die Mienen, maskenhaft zurechtgeschminkt. So zerbrechlich sehen sie aus, man mag sich nicht ausmalen, was sie durchgemacht haben beim Blick in die Gesichter der Dompteure und Dompteusen, die sie da gerade vorüber schieben.

Kindersoldaten des Sports

Wie alt mögen sie sein? "Meine Kinder sind neun und 13", sagt ein Kollege. Seine 13-Jährige sei in ihrem Wachstum allerdings einer jeder hier um einen Kopf voraus. Der Neunjährige - ja, das komme ungefähr hin. 16 sind die Kleinen angeblich, denn 16 müssen sie laut Reglement sein, um überhaupt mitmachen zu dürfen. Sie lachen nicht. Sie wirken wie ferngesteuert. Man fragt sich, wie 18.000 sich an ihrer Aufführung so ungehemmt laben konnten, und auf einmal schämt man sich, ein Teil der Pervertierung dieser Spiele gewesen zu sein. Man fragt sich, warum all das zugelassen wird. Wo beginnt der Missbrauch? Was beweist einem Olympia in solchen Momenten? Seine Unerbittlichkeit? Seinen Zynismus?

Benommen tritt man nach drei Stunden im klimatisierten Dunkel der Halle kurz darauf in die schwüle Hitze. Man hat die Ausgelassenheit der Hockey-Männer erlebt in den vergangenen 16 Tagen. Nadals Fall nach dem Gold. Tränen des Glücks, Tränen der Enttäuschung, jeden Tag aufs Neue. Wunderschön. Und doch gäbe man viel darum, diesen einen Eindruck zu tilgen, als sich die Tür öffnete, und Olympia sein anderes Gesicht zeigte.

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