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Olympische Schlussfeier: Zum Abschluss eine Truman-Show

Wie die Spiele begannen, so endeten sie auch - mit einer perfekt choreographierten Show. Im Gegensatz zur Eröffnungsfeier ließ sie indes auch Sentimentalität zu. Zwei Wochen Dauerinszenierung durch die Kommunistische Partei konnte dies allerdings nicht mehr übertünchen.

Von Mathias Schneider, Peking

Zum Ende dieser Schlussfeier, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann, ist dann auch noch David Beckham auf die Bühne getreten. Genau genommen wurde er mit einem Doppeldeckerbus in das mit 91 000 Claqueuren, 10 000 ausgelassenen Sportlern und einem Haufen Funktionären angefüllte Stadion gefahren. Er war erst gar nicht zu sehen, weil er sich im Unterdeck des Gefährts irgendwo versteckt hielt. Aber irgendwann stieg Beckham dann doch heraus als Vertreter des nächsten Gastgebers London, und die Menschen haben gekreischt vor Glück.

Vom Schein zurück zum Sein

Er hat wie immer blendend ausgesehen in dieser von Lichtkegeln animierten Runde, in seinem lässigen Trainingsanzug. Und genau darum ging es doch in erster Linie zum Abschied und auch im Anbetracht der vergangenen zwei Wochen. Gut dastehen wollte China im Auge der Welt, bevor es die zuletzt doch arg leidende Olympische Fackel an die Engländer übergeben musste. Der Sport mit seinem Fairplay soll nun auf der Insel wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren, so ähnlich hat es der IOC-Präsident Jacques Rogge am Vormittag auf seiner Kehrauspressekonferenz ausgedrückt. Von Schein zurück zum Sein sozusagen. Beckham als natürliche Brücke bot sich da an, er ist ja irgendwie beides in seiner langen Karriere gewesen.

Ein Spektakel ist es zum Abschluss noch einmal gewesen, was nach der Eröffnungsfeier keine wirkliche Sensation mehr darstellte. Und doch haben die letzten Stunden dieser Spiele von Peking auch überrascht. Denn diesmal ging das Fest in seiner ruhigen Komposition wirklich ans Herz und vermittelte zumindest im Mittelteil eine Ahnung, wie die vergangenen 16 Tage auch hätten ablaufen können.

Vogelnest als Bastion der Freude

Zu erwarten war dies nicht. Wer bereits der Ouvertüre beigewohnt hatte, rechnete fest mit einer abermals stringent durchgeplanten Leistungsschau an Effekten und Formalismus. Riesige Formationen trommelten denn auch zunächst im Gleichklang, wie es sich wohl nur in China einstudieren lässt. Lichtblitze jagten kreuz und quer durchs Rund. Dazu kreisten Hubschrauber über dem Stadion, vor dessen Toren noch einmal mindestens drei zusätzliche Ringe an Sicherheitspersonal aufgeboten wurden. Das Stadion glich einer Festung.

Allein jene, um die es eigentlich ging, machten dem blutleeren Treiben einen Strich durch die Rechnung - die Athleten. Ihr buntes Durcheinander im Innenraum, wie sie da kreuz und quer saßen, brach mit der glatten Hülle und gab diesen Spielen zum Abschluss eine Wärme, die man so oft vermisst hatte. Dass am Ende doch wieder ein wildes Feuerwerk die besinnliche Stimmung durchbrach, lies sich nachsehen.

Wie der Hauptdarsteller in der Truman-Show

So bildete zumindest das finale Zeremoniell einen versöhnlichen Schluss unter zwei Wochen, in denen man sich als Gast auf dem Olympic Green nicht selten in einer chinesischen Truman-Show wähnte. Wer sich nicht mehr erinnert - in der 1998 von Peter Weir produzierten Satire mit Jim Carrey wird eine künstliche Welt um den Hauptdarsteller geschaffen. Diese wird einem Millionenpublikum in einer täglichen Soap zur Aufführung gebracht, in der die Unternehmen ihr Produkt Placement betreiben. Ein jeder weiß um den Betrug, außer der Hauptperson selbst, die sich arglos durch die Filmkulisse bewegt.

Wer am Sonntag Abend zum Abschluss noch einmal über den herunter gedimmten Platz zwischen Nationalstadion und Schwimmstadion schlenderte, dem fiel es schwer, in der unwirklichen Stimmung auch nur einen Hauch von Natürlichkeit zu erkennen. Während der Platz des himmlischen Friedens einem Jahrmarkt der Nationen glich, man dauernd angesprochen wurde auf seine Herkunft und ehrliche Freude in den Gesichtern zu erkennen war, fand sich vor dem Stadion eine lautlose Masse Mensch ein, die unentwegt Photos schoss. Kein Blick auf die Fremden. Kaum Worte waren zu vernehmen. Selten hat man eine ähnliche bizarre Atmosphäre erlebt. Keine Menschen mit Behinderung, kaum Rentner, wenige Kinder fanden sich ein. Dafür der immer gleiche, seltsam alterslose Menschentypus, dem aufgetragen schien, eine Art lebende Kulisse für die Journalisten und ausländischen Gäste zu spielen.

Medaillen wie Staatstrophäen

Orchestrierte Spiele musste man ja bereits vor dem Start befürchten, orchestrierte Spiele hat man bekommen. Wie am Schnürchen wickelte die Maschinerie das Ereignis ab. Eine beispielhafte Infrastruktur für den Erlebnispark Olympia boten die perfekten Arenen. "Bocog hat die Athleten in den Mittelpunkt gerückt", lobte der IOC-Präsident Jacques Rogge auf seiner Abschlusspressekonferenz das veranstaltende Organisationskomitee tapfer. Leider galt dies vor allem für die eigenen Athleten. Medaillen über Medaillen häuften die Gastgeber an, am Abend wurden sie, von Musik untermalt, den 1,3 Milliarden Landsleuten auf mehreren Kanälen präsentiert.

Flankiert wurde die Demonstration der Stärke durch tägliche Kommentare in der zensierten Presse, bisweilen wütend vorgetragen. Das arglistige Ausland müsse endlich anerkennen, welch begeisternde Spiele China da gelungen seien, forderten so genannte Kolumnisten, gern als unabhängige Schreiber getarnt.

China wollte das eigene Vorbild schlagen

Allein den Mut, sich wirklich der Welt zu öffnen, hat die um maximale Kontrolle bemühte Partei zu keinem Zeitpunkt gefunden. Sie haben nie ihren Frieden miteinander gemacht, das Regime und die Weltöffentlichkeit, welche immer wieder Fragen nach Internetzensur oder Protestparks stellte, nach Tibet und verhafteten Großmüttern, statt die Errungenschaften zu loben, wie es doch gedacht war. Chinas Granden schienen bisweilen überfordert mit dieser renitenten Welt da draußen, die sich im Gegensatz zum eigenen Volk in kein Korsett zwängen ließ.

Die Partei Chinas hat die große Chance zur Kosmetik des eigenen Images in der Welt verpasst. Sie hat die Leistungskraft ihres erbarmungslosen Systems eindrücklich unter Beweis gestellt, mehr nicht. Dass bereits in den letzten Tagen der Spiele bei aller Euphorie in Leitartikeln die Bevölkerung ermahnt wurde, nicht nachzulassen, noch seien ja in den Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen große Defizite zu verzeichnen, die kollektiv angegangen werden müssten, zeigt, wie tief die Komplexe gegenüber dem Westen noch immer sitzen. Der Westen - ihm eifern sie nach. Endlich auf Augenhöhe mit diesen stolzen Amerikanern zu sein. Sie auf ihrem ureigenen Terrain schlagen, auch darum ging es in den vergangenen 16 Tagen. Auch deshalb traf die Nation der Ausfall des chinesischen Superstars Liu Xiangs im Hürdensprint so hart.

Der Erfolg heiligt die Mittel

Dafür gebaren die Spiele zwei andere Lichtgestalten, von Rogge voreilig zu "Ikonen" stilisiert. Hyper erfolgreich sind der Sprinter Usain Bolt und der Schwimmer Michael Phelps in der Tat gewesen. Zum Vorbild taugen sie dennoch nur bedingt. Bolt brüskierte über 100 Meter seine Mitstreiter und degradierte sie nach dem Zieldurchlauf zu Statisten seiner Show. Wie bei Phelps umweht ihn überdies der Verdacht, dass der Erfolg - die persönliche Inszenierung - am Ende die Mittel heiligt. Das Motto galt auch für diese Olympischen Spiele, und schon deshalb verkörpern Phelps und Bolt perfekt diese Tage von Peking.

Man wird sich an ihre Wundertaten noch lange erinnern. Ob es auch für diese Spiele gilt? Sie sind am Sonntag mit einem lauten Seufzer zu Ende gegangen. Die Welt und China - oder soll man besser sagen die Welt und die Partei - haben es miteinander versucht. Wahrscheinlich sind sie noch nicht reif für einander gewesen. Am Ende erklärte der Organisationschef Liu Qi kurzerhand die Spiele zum Erfolg, wenn es schon aus dem Ausland keiner tat.

Die Olympische Bewegung verlässt China mit zwiespältigen Gefühlen. Sie ist ein Wagnis eingegangen und hat am Ende verloren, denn jene, welche eigentlich belohnt werden sollten, hatten wohl am wenigsten von den vergangenen zwei Wochen Dauerwerbung für die Partei - die 1,3 Milliarden Menschen in diesem Land.

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