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Autofahren in China: Schlafend in Peking

Den Führerschein absolvierte sie auf abgesperrten Pisten, dann lockte ein privater Fiesta und mit dem Gatten am Steuer erlebte sie die Hölle auf Erden. Jetzt sehnt sich stern.de-Mitarbeiterin Ellen Deng nur noch nach dem "Liebeswandeln".

Von Ellen Deng, Peking

Am Beginn dieses Jahrhunderts merkten wir Chinesen, dass das Autoleben von uns nicht mehr so weit entfernt ist. Also brach ich im Winter 2002 auf, um mich in einer Fahrschule anzumelden. Obwohl Frost herrschte, drängten sich Dutzende in der Eingangshalle. An der Wand hingen die Fotos von 40 bis 50 Fahrlehrern mit ihren Namen. Jeder Schüler konnte sich einen aussuchen und um Ersatz bitten falls nicht zufrieden. Nach 60 harten Stunden in einem weißen Jetta und nachdem ich dreimal den Fahrlehrer gewechselt hatte, bestand ich die Prüfung im ersten Anlauf. An diesem Tag war ich noch keine Minute auf einer echten Straße gefahren, bei uns lernt man auf der Übungsstrecke der Fahrschule.

Mein Mann am Steuer

Einige Monate später bekam ich meinen Führerschein, der bürokratische Prozess braucht seine Zeit. Aber der Trend geht zu privaten Autos, also kauften mein Mann und ich im nächsten Jahr einen silbernen Ford Fiesta. Viele chinesische Männer denken, Automatik zu fahren, sei kein echtes Fahren, nur der Schaltknüppel bringe Aufregung und Spaß. Mein Gatte denkt auch so, er heißt übrigens mit Familiennamen Che, was auf Chinesisch "Auto" bedeutet. Aber ich hätte nie erwartet, dass unsere Wahl des Autos für mich ein Alptraum werden würde.

Denn leider habe ich weder Talent fürs Autofahren, noch begeistere ich mich dafür. Als ich anfing auf der echten Straße zu "praktizieren", sprang der Wagen nicht an, oder er soff gleich wieder ab, weil ich mit der Gangschaltung nicht umgehen konnte. Deshalb verlor ich bald die Geduld mit dem Fiesta, auch wegen der harschen Kritik meines "Privatlehrers". Che toleriert leider kein wiederholtes Versagen in wenigen Minuten. Jetzt liegt mein Führerschein zu Hause in der Schublade, und der Fiesta ist das "exklusive Pferd" meines Lieblings geworden. Ich fahre wieder mit der U-Bahn ins Büro und Che agiert als mein persönlicher Fahrer, bringt mich morgens zur Station und holt mich abends dort wieder ab.

Die Heimfahrt wird zum zweiten Zuhause

Der populärste und profitabelste Radiosender in Peking ist das Verkehrsradio, das die meisten der fast 70.000 Taxifahrer und viele andere Pekinger im Auto begleitet. Die Berichte über die Staus sind die Highlights.

Ob zur Hauptverkehrszeit oder zu anderen Zeiten, wenn du auf einer der Überführungen in der Pekinger Innenstadt stehst, blickst du auf Stoßstange an Stoßstange. Die Ringstraßen (von dem innersten zweiten Ring bis zum äußersten sechsten Ring) sehen von oben wie große Parkplätze aus. Jeder Pekinger, der am 7. Dezember 2001 in der Stadt war, erinnert sich an den "Jahrtausend-Super-Verkehrsstau": Unerwartet fiel an diesem Nachmittag etwas Schnee, und da weder Regierung noch Bürger darauf eingestellt waren, durchzog ein Stau von bisher unerreichter Länge die ganze Stadt. Später wurde berichtet: Die Autos bewegten sich im Schneckentempo von 5 Kilometern pro Stunde auf den Hauptverkehrsstraßen, zwischen 14 und 24 Uhr kam es zu 1074 Unfällen.

Keine freie Fahrt für freie Chinesen

Mein Mann und ich fuhren an diesem Tag mit dem Bus. Das schamvolle Ereignis löste in Peking soziale Besorgnis und öffentliche Diskussionen aus. Bis heute ist dieser 7. Dezember an den ewigen Pranger genagelt und die Regierung unternimmt einiges, um das "schwere und lang anhaltende Problem" zu lösen. Aber die Entwicklung des Verkehrssystems hinkt der Zunahme der Autos hinterher. Einmal brauchten wir fast zwei Stunden bis zum Kino und verpassten so die ersten zehn Minuten der Vorführung, ein Neuntel des Films, so dass wir darauf verzichteten und enttäuscht wieder nach Hause fuhren. Wenigstens ging es zurück etwas schneller.

Steueridee: Nummernschildgebühr

Obwohl das Problem von den meisten auf die rapide Zunahme von privaten Pkw zurückgeführt wird, hat die Pekinger Stadtregierung offenbar keine Absicht diese zu kontrollieren, da sie "die Konsumbedürfnisse der Menschen mit wachsendem Wohlstand befriedigen und die Entwicklung der heimischen Autoindustrie unterstützen will". Das ist anders als in der anderen Metropole Shanghai, wo viele vom Autokauf abgehalten werden durch eine hohe Nummernschildgebühr von im Durchschnitt umgerechnet 3000 bis 4000 Euro. Der Besitz eines Wagens ist in China derzeit vor allem ein Statussymbol. Deshalb gibt es hier viel mehr Autos mit Hecktür als in Europa. Viele schämen sich, wenn sie einen einfacheren Wagen fahren als Kollegen oder Freunde.

Vorsicht vor den "Straßenkillern"

Mein Gatte Che, ein geborener Autofan, ändert sich auf gewisse Weise, wenn er am Steuer sitzt. Schmutzige Worte kommen aus dem Mund meines gutmütigen Manns, wenn Fußgänger, ohne um sich zu schauen, plötzlich über die Straße gehen, wenn Autos vor ihm überholen ohne zu blinken, wenn Lastwagen und Busse brutal Spuren besetzen und sich wie Krebse hin- und herbewegen. Solche Störenfriede zu Fuß und auf Rädern, in China "Straßenkiller" genannt, sind die offensichtlichen und verborgenen Plagen, auf die man auf dem Weg achten muss.

Dazu kommen die Probleme mit den Straßenverkehrszeichen. In manchen Vorstädten steht über dutzende Kilometer kein einziges. Umgekehrt gibt es in der Innenstadt an einer sechs Kilometer langen Straße sechs Ampelkreuzungen. Die seltsamste und meistbeschimpfte Erfindung ist die Xizhimen-Kreuzung, auf der sich sogar die ortskundigen Fahrer oft verloren fühlen. Einige schlagen vor, über die Überführung einen Sessel zu hängen und den Designer selbst sehen zu lassen, "was für eine verdammte Brücke er gebaut hat".

Wann können wir in Peking wieder "Liebeswandeln"?

Im Chinesischen haben wir den Ausdruck "yamalu", er bedeutet, die Liebenden spazieren ungezwungen auf der Straße. In der Vergangenheit gehörte die Stadt den Spaziergängern und die Autos waren die "Vorübergehenden". Aber heute verlieren die Straßen ihren Charme und werden zu einem Ort mit verschmutzter Luft, Krach und dem Risiko von Unfällen. Angesichts der Übermacht der Räder und weil die Straßen ausgebaut werden.

Während der Olympischen Spiele wird es strenge Regulierungen beim Individualverkehr geben. Dann wird sich zeigen, ob Übungen wie "eine Million Autos weniger auf der Straße" tatsächlich fruchten werden. Die meisten Behördenwagen, die bei uns immer noch einen beträchtlichen Teil der Autos ausmachen, werden jedenfalls für ein paar Tage nicht fahren. Wir Pekinger haben jedenfalls die Hoffnung auf etwas weniger überfüllte Straßen – dann könnten wir endlich wieder Liebeswandeln.

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