Peking-Skizzen, Teil 10 Movie-Star, Movie-Star...


Einmal im Leben berühmt sein. Die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Leute begeistern - wer will das nicht? Inmitten des Kolosses Peking bekam ich einen kleinen Eindruck davon, wie es ist, wenn man für jeden ein klein wenig wichtig ist. Kein unangenehmes Gefühl, muss ich sagen. Auch wenn es nur von kurzer Dauer war.
Von Jens Fischer, Peking

Ach, tut das gut. Einmal so richtig im Mittelpunkt zu stehen, sich zu fühlen, als wäre man ein richtiger Star. Als würde man sich auf dem roten Teppich befinden, bei den MTV Music Awards, bei der Oscar-Verleihung oder etwas ähnlichem. Einmal zu wissen, dass man beachtet wird, wenn man seinen Job verrichtet. Und nicht nur tagein, tagaus die Storys in den Laptop zu hämmern. Wer für die Geschichten verantwortlich ist, dessen Gesicht bleibt ja meist unerkannt. Ja, ich hatte meinen großen Auftritt, endlich war es soweit - für ein paar Minuten war ich richtig wichtig.

Passiert ist das alles bei den Aufnahmen für meine Video-Olympia-Show "Der Herr der Ringe." Auf dem Tian'anmen-Platz, auch genannt "Der Platz des himmlischen Friedens" - inmitten dieses Riesen-Kolosses Peking, gleich gegenüber der legendären "Verbotenen Stadt" und vor dem Antlitz des großen, allgegenwärtigen Mao. Sogar er war also Zeuge meines großen Auftritts.

Kaum hatte ich das Mikrofon in die Hand genommen und der Kameramann Stellung bezogen, begann das Spektakel. Zugegeben, es waren so viele Menschen auf diesem Platz, dass sie an mir fast nicht vorüber kamen. Aber dennoch: Sofort bildete sich eine Menschentraube um mich herum, in den Augen der Chinesen war ich der Star aus dem Fernsehen. Kein schlechtes Gefühl.

Auf jeden Fall war an konzentriertes Arbeiten erst einmal nicht zu denken. "Can I make a picture", schrie es mir aus vielen Kehlen entgegen. Hier ein Foto, da ein Foto. Da kam die Oma und drückte mich fest an sich. Da kamen pubertierende Girls im MTV-Look und fanden es irre cool. Da wurden mir Babys in die Hand gedrückt, hier noch ein Peace-Zeichen, da noch einmal winken. Es ging rund am "Platz des himmlischen Friedens."

Freundlichkeit ist hier ein hohes Gut. Nur wer lächelt, geduldig ist und dem anderen etwas Gutes tut, ist hier ein ehrenhafter Mensch. Daran halte ich mich natürlich, als Gast in einem Land, wo auch ich (fast immer) freundlich empfangen wurde und seit zehn Tagen eine spannende, gute Zeit erlebe. Aber irgendwann musste dann doch einmal Schluss sein. Schließlich bin ich nicht nur zum Spaß hier, meine Redaktion in Hamburg wartet auf die Bilder.

Also Kameramann, auf geht's, schnell, wir legen los. Ein paar Sequenzen abgedreht, die Eindrücke und Bewertungen ins Mikrofon gesprochen, gecheckt, ob alles passt und fertig. Nichts wie weg, ich habe noch Termine. Tja, Jens, Pech gehabt. Da waren sie gleich wieder - du bist einfach zu interessant. "Can I make a picture" - Teil 2. Alles wieder von vorne, wieder Nia Hao, wieder Peace-Zeichen, wieder Babys. Die gleiche Prozedur von vorne. Aber ich muss sagen: Die lachenden Gesichter, die glücklichen Menschen, das Gefühl, ihnen etwas von mir gegeben zu haben - ein schönes Gefühl.

Und das Beste an diesem meinem persönlichem Star-Day: keine Polizei, keine Armee, kein Stress - ungehindert zogen mein Kameramann und ich wieder von dannen und hatten in den letzten beiden Stunden viel mehr geschafft, als nur ein paar Minuten für einen kleinen Video-Film. Ach, tut das gut.


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