Peking-Skizzen, Teil 11 Mein Freund, der Taxi-Professor


Taxifahrer in Peking, die noch nie von Olympia gehört haben. Und natürlich auch nicht wissen, wo das sein soll. Sie glauben, ich lüge? Leider nicht. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit erkläre ich, zeige meine Peking-Karte und werde fast verrückt. Aber es gibt einen, der hat mein vollstes Vertrauen. Er sieht aus wie ein Gelehrter – und vor allem: Er kennt sich aus.
Von Jens Fischer, Peking

Seit elf Tagen bin ich nun Peking, hier im momentanen Zentrum der Welt. Ich habe vieles erlebt, und was gerade am Anfang meines Aufenthaltes noch sehr schwierig war, gewöhnungsbedürftig und neu, das fällt mir allmählich leichter. Wie die Organisation meiner journalistischen Arbeit, und selbst in meinem Razzia-Hotel fühle ich mich mittlerweile wohl. Nur eines, eines macht mich immer noch verrückt. Ganz speziell am frühen Morgen.

Und zwar die Taxi-Fahrt vom Hotel zu den olympischen Wettkampfstätten oder wahlweise ins Pressezentrum. Dass ich jeden Morgen noch leicht verschlafen wie irre nach einem Taxi Ausschau halten muss, kein Problem. Aber dass nahezu jeder Taxifahrer nach mittlerweile fast der Hälfte der Olympia-Zeit immer noch nicht weiß, wo das Pressezentrum liegt und wo denn die einzelnen Stadien sind, macht mich wahnsinnig. Jedes Mal zücke ich meine mittlerweile vom vielen Hinhalten abgewetzte Karte, und jedes Mal schauen sie mich fragend an: Olympia?

Ok, das ist hier, du musst hier lang fahren, das ist meine Akkreditierung, damit können wir alle Absperrungen überwinden, erkläre ich tagein, tagaus. Und ich kann Ihnen sagen: Das Olympia-Gelände im Norden Pekings ist nun wirklich nicht besonders klein. Warum kennen die Taxi-Fahrer das nicht? Warum hat man ihnen im Vorfeld der Spiele nicht gesagt, dass es Gäste, Zuschauer und Journalisten wie mich geben wird, die genau an diesen Ort wollen. Eben an den Ort der Olympischen Spiele. Warum nur? Dieses Rätsel werde ich sicher mit nach Hause nehmen.

Schlimm ist es besonders am späten Abend, wenn nach einem langen, anstrengenden Tag der Nachhauseweg ansteht. Wenn man nur noch ins Bett will, und vor allem auf eines überhaupt keine Lust hat: Probleme. Aber das ist mir leider nicht vergönnt. Denn der Taxistand am Pressezentrum ist ein Ort, an dem sehr viel Geduld gefragt ist. Jeden Abend, egal um welche Uhrzeit, wartet auf mich eine Schlange von beinahe 50 Metern. Warten. Nerverei. Keine Taxis. Das sind die olympischen Augenblicke, die ich hasse.

Aber – das lange Warten hat auch einen großen Vorteil. Dieser Vorteil hat zwei Beine, trägt eine Uniform und hat eine große Brille auf der Nase. Dieser freundliche, hilfsbereite Herr leitet die Wartenden in die Taxis. Ein bisschen sieht er aus wie ein Professor von der Uni. Er spricht Englisch, und was noch viel besser ist: Er kennt sich sehr gut in Peking aus. An ihn wende ich mich bei der Nennung des Fahrziels. Ich zeige ihm die Visitenkarte meines Hotels - und: Er weiß, wo es ist! Vielen Dank, mein lieber Uniform-Professor. Mit ihm ist der Heimweg kein Problem mehr.

Wirklich schön, dass es ihn gibt. Er steht jeden Tag am gleichen Fleck, fast so, als würde er auf mich warten. Ein beruhigendes Gefühl. Nur schade, dass er nicht schon am Morgen Zeit für mich hat.


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