Peking-Skizzen, Teil 9 Chinesen außer Kontrolle


In Peking steigt die Stimmung - endlich! In den Hallen wird gejubelt, selbst die Journalisten im Pressezentrum gehen aus sich raus. Und auch die vielen Volunteers vergessen vor Begeisterung ihren eigentlichen Auftrag. Nur eines passt mir nicht: Eine stilistische Unsitte aus der Heimat ergreift Peking.
Von Jens Fischer, Peking

Was wurde nicht alles über die chinesische Mentalität geschrieben. Die Chinesen seien steif, zeigen keine Emotionen, und überhaupt machen sie alles, was man ihnen sagt. Nach über einer Woche Olympische Spiele muss sich sagen: Kann ich so nicht mehr bestätigen. Gut, es hat ein wenig gedauert, bis sich die Chinesen an ihre Olympischen Spiele gewöhnt haben. Bis sie Feuer gefangen hatten, und gemerkt haben: Sport funktioniert nur mit Gefühlen. Und als Fan einer gewissen Sportart muss man leiden, mitfiebern, schreien oder meckern. Sonst ist man einfach auch kein Fan, und sonst ist Sport einfach nur die Hälfte wert.

Die Stadien füllen sich zunehmend

Jetzt können sie es. Zugegeben, es gibt immer noch die in die Hallen beorderten "Claqueure", die Stimmung machen sollen und auch die Hallen füllen, damit in der Welt der Eindruck stimmt. Aber so langsam braucht man sie nicht mehr. Zum Glück. Bei den Sport-Religionen wie Turnen, Wasserspringen oder Tischtennis geht hier in Peking die Post ab.

Da werden die Leute früh um neun so laut, als hätten sie die ganze Nacht zuvor gezecht. In den Hallen ist ein Lärm, vor allem bei den chinesischen Lieblingen, dass ich es auf der Pressetribüne kaum ertragen kann. Da tun mir doch die Ohren weh, vor allem um diese Uhrzeit. Sport um diese Uhrzeit sollte generell verboten werden. Die Chinesen sehen das anders.

Volunteers dürfen nicht nach Hause

Für die Tage hier bei Olympia ist das gut. Wir brauchen mehr davon! So wie gestern, als ich zurück vom Wasserball ins Medienzentrum schlenderte. Nichtsahnend, werden schon wieder die gleichen Gesichter herumlaufen, dachte ich mir. Aber - huch - etwas war anders. Die Menschentraube vor dem sonst verwaisten großen LCD-Bildschirm schien mir ungewöhnlich. Und sie werden es nicht glauben: Es wurde sogar gejubelt. Was ging da ab? Ach so, Basketball: China gegen Spanien, eine enge Kiste, die sogar die chinesischen Journalisten aus der Kiste holt. Endlich mal Stimmung hier im Presse-Käfig, endlich mal was los - ich bin so dankbar.

Sogar die Volunteers zittern und fiebern mit ihren Sportlern. Wenn sie nicht gerade schlafen. Viele sind vom stundenlangen Stehen und Ausharren - deutsche Gewerkschaften würden durchdrehen - total erschöpft und schlafen mittlerweile sogar im Stehen ein. Nicht verwunderlich, wenn man nach getaner Arbeit nicht nach Hause gehen darf, sondern - kein Witz - in den Räumen der ihnen zugewiesenen Wettkamphallen übernachten muss. Das nenne ich Festival-Atmosphäre nach China-Art. Die armen Volunteers.

Autofahnen made in China

Gestern ist mir noch etwas aufgefallen. Diese Autofähnchen-Manie - in Deutschland bei den letzten beiden großen Fußball-Turnieren zum festen Ritual geworden - hat scheinbar auch Peking ergriffen. Es werden immer mehr von diesen albernen Dingern - an Taxis, Bussen und privaten Autos sind sie zu sehen. Und ich dachte, ich hätte wenigstens hier, weit weg von der Heimat, davon meine Ruhe. Aber man nimmt ja vieles in Kauf - Hauptsache die Stimmung passt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker