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Fußball: Brasilien jammert über die Schande von Peking

"Schande", "Schmach", "Demontage" - nach der Erniedrigung durch den Erzrivalen Argentinien prasselt auf Brasiliens Olympia-Fußballer um den entzauberten Kapitän Ronaldinho in der Heimat Häme und Kritik nieder. Sogar der Staatspräsident schaltete sich in die Beschimpfungen ein.

Ins Visier der Experten, fassungslosen Anhänger und Medien geriet dabei der ohnehin umstrittene Nationaltrainer Carlos Dunga, der nach der "Schande von Peking" noch heftiger unter Beschuss geraten ist. Sogar der volksnahe Staatspräsident Luiz Inàcio Lula da Silva meckerte nach dem 0:3 (0:0) gegen den Olympiasieger, das er live in seinem Amtsbüro verfolgt hatte. "Ich war in meinem Leben noch nie so wütend wie heute", übermittelten Parteikollegen die Worte des Präsidenten.

"Die Mannschaft ist ins tiefste Dunkel gestürzt. Man darf verlieren, aber nicht so. Viele Spieler haben am Ende den Kopf verloren und wild um sich geschlagen", schimpfte Ex-Nationalspieler Falcao. Lucas (81.) und Thiago Neves (85.) sahen "Rot" nach üblen Frust-Fouls -der gedemütigte Ronaldinho jammerte kleinlaut: "Es ist ein großer Schmerz, für den ich keine Erklärung habe."

Armseliger Standfußball von Ronaldinho & Co

Dabei war die ganz simpel: Brasilien agierte ängstlich gegen die "Gauchos", die nun am Samstag im Nationalstadion von Peking gegen Nigeria in einer Neuauflage des Endspiels von Atlanta 1996 um Gold kämpfen. Das "magische Dreieck" mit Wirbelwind Lionel Messi, dem zweifachen Torschützen Sergio Aguero sowie Kapitän und Elfmeterschütze Roman Riquelme versetzte die fast 53.000 Zuschauer in Entzücken, derweil Ronaldinho neben dem wirkungslosen Bremer Diego armseligen Standfußball bot.

Coach Dunga ahnte das böse Echo vom Zuckerhut schon voraus. "Natürlich wird der Druck größer werden und es wird Zweifel an mir als Trainer geben", sagte er in den Katakomben des Arbeiterstadions. Trotzig und fast schon provozierend fügte der ehemalige Profi hinzu: "Ich werde meinen Plan nicht ändern."

Seit drei Jahren hatte der Rekord-Weltmeister nicht mehr gegen Argentinien verloren - aus dem ersten Fußball-Gold bei Olympia wurde dennoch wieder nichts. Auch für Diego und Rafinha (Schalke), die sich eigenmächtig nach China aufgemacht hatten, sowie Bayern Münchens Millionen-Einkauf Breno kann der Lebenstraum Olympia mit der möglichen Bronzemedaille kein wirkliches Happy End mehr finden.

Ronaldinho richtete dennoch den Blick auf das "kleine Finale" am Freitag in Shanghai gegen Belgien: "Meine Rolle ist es, die Gruppe nochmal zu motivieren und zu stimulieren. Unser Ziel war Gold, aber es war leider nicht möglich", klagte der einst weltbeste Fußballer, der nach seiner spektakulären Flucht vom FC Barcelona zum AC Mailand an einem kritischen Punkt seiner Karriere angekommen ist.

Maradona jubelte auf der Tribüne mit

Während die Brasilianer das Weite suchten, genossen Messi & Co. den Halbfinal-Triumph in vollen Zügen. Im Team-Bus hämmerten sie mit den Fäusten gegen die Scheiben, tanzten und sangen.

Auch Tribünengast Maradona war überwältigt: "Die Jungs haben alles gezeigt, was sie drauf haben. Aguero explodierte, Riquelme hat die Brasilianer zerstört, ebenso Messi."

Im Mittelpunkt der Fiesta stand der 20-jährige Aguero, dessen Olympia-Glanztaten auch den FC Schalke 04 beunruhigen dürften. Denn bis zum entscheidenden Rückspiel um den Champions-League-Einzug kommende Woche ist der Top-Stürmer von Atletico Madrid zurück aus Peking - vermutlich als Olympiasieger.

Klaus Bergmann, Emilio Rappold/DPA / DPA

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