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Seglerin Brouwer: Beziehungswirrwarr im Tornado

Allein unter 29 Männern: Als erste Steuerfrau greift die "fliegende Holländerin" Carolijn Brouwer in der rasanten Tornado-Segel-Klasse nach olympischem Edelmetall. An ihrer Seite segelt der Ex-Freund. Schärfster Rivale: ihr neuer Lebensgefährte.

Von Tatjana Pokorny, Qingdao

Sie ist schön. Sie ist schnell. Und sie ist allein unter Männern: Die gebürtige Holländerin Carolijn Brouwer schickt sich an, in der Fushan-Bucht vor Qingdao das olympische Tornado-Feld als einzige Steuerfrau aufzumischen. Die ungewöhnliche Konstellation ist dem Reglement zu verdanken. Unter insgesamt elf olympischen Segeldisziplinen gibt es mit dem rasanten Katamaran Tornado und der so genannten Highperformance-Jolle 49er zwei Klassen, die Männern wie Frauen offen stehen. Allein, die Frauen wagen es nicht, hier anzutreten. Ihre Erfolgsaussichten sind aufgrund ihrer physischen Nachteile zu gering. Und kaum ein Mann würde die mit hohem Risiko behaftete Partnerschaft mit einer Frau eingehen. An diesem ungeschriebenen Gesetz rüttelt Carolijn Brouwer nun mit all ihrer Energie.

Und davon hat die 1,82 Meter große Blondine mit Model-Maßen reichlich. Sie ist längst kein "No Name" mehr im internationalen Segelsport. 1998 war sie Weltseglerin des Jahres, im Volvo Ocean Race hat sie als Hochseeseglerin die Welt umrundet. Sie hat in den anspruchsvollen Einhandjollen Europe und Laser vier Weltmeistertitel gewonnen. Nur eine olympische Medaille war der Ausnahmesportlerin nie vergönnt. Das soll sich jetzt ändern. Leicht wird es nicht.

Brouwer startet für Belgien. Denn an ihrer Seite segelt Vorschoter und Ex-Freund Sebastien Godefroid, der 1996 im Finn Dinghy olympisches Silber für Belgien gewann. Die beiden sitzen erst seit 2005 zusammen auf den Kufen des Katamarans. "Das ist eigentlich zu kurz, aber wir bringen beide viel Erfahrung mit und sind inzwischen nicht nur bei Starkwind sehr schnell, sondern haben auch die leichten Winde gut im Griff", sagt Brouwer. "Die Medaille ist für uns kein Traum. Sie ist möglich."

"Ich wusste nicht, wie ich seine Freundin und Steuerfrau sein sollte"

Da kam die Trennung des Liebespaares Brouwer/Godefroid nach elf Jahren Beziehung im vergangenen Jahr mehr als ungelegen, erschien aber aus Brouwers Sicht unvermeidlich: "Ich wusste nicht mehr, wie ich gleichzeitig seine Freundin und seine Steuerfrau sein sollte. Ich wollte perfekt sein, doch das war einfach zuviel für mich. Es hat mich zerstört. Irgendwann waren meine Batterien restlos alle und wir mussten handeln." Doch die in der Szene als streitbares Paar bekannte Crew raufte sich für den olympischen Erfolg auf sportlicher Ebene zusammen. "Viele fanden das verrückt, wir hielten es für normal. Aber natürlich sind wir in dieser Zeit oft mit den Köpfen gegen die Wand gelaufen. Das tat weh. Doch wir sind auch beide in dieser Situation als Menschen gewachsen." Beide haben inzwischen neue Lebenspartner gefunden. Dabei hat sich Carolijn das Leben noch ein bisschen komplizierter gemacht, denn ihr neuer Freund ist der mehrfache Tornado-Weltmeister und Olympiafavorit Darren Bundock aus Australien.

"Auf dem Wasser schenken wir uns keinen Millimeter"

"Wenn wir nicht auf dem Wasser sind, dann ist es wie eine andere Welt. Wir reden nicht einmal viel über das Segeln", erklärt Brouwer, die kurz vor dem wichtigsten Wettkampf ihres Lebens mit "Bundy" noch einmal zum Erholungsurlaub in seine Heimat nach Down Under flog, "aber einer unserer größten Vorteile ist natürlich, dass jemand, der das Gleiche tut wie du, dich besser versteht. Wir wissen meist, wie wir uns gegenseitig gut verstehen und behandeln." Brouwer hat sich nach der Entscheidung des Weltseglerverbandes, den Tornado für 2012 aus dem olympischen Segelprogramm zu streichen, von ihrer Klasse zur Präsidentin wählen lassen, will weiter um die Rückkehr der spektakulären Disziplin kämpfen. Ihr 37-jähriger Freund unterstützt sie als Vize-Präsident.

"Auf dem Wasser aber schenken wir uns keinen Millimeter", sagt Carolijn, die in ihrer Freizeit auch das Kitesurfen liebt oder Fitnesstraining auf dem Fahrrad betreibt. Bundock gibt zu, dass ihn kaum etwas mehr schmerzt, als wenn seine Freundin ihn im Tornado schlägt – so geschehen bei der Weltmeisterschaft 2007 in Portugal. Zwar ist Bundock als amtierender Weltmeister nach China gereist, doch bei den Titelkämpfen 2007 war Carolijn besser, gewann Silber. "Ich mag es nicht, wenn sie mich schlägt. Aber ich mag es auch nicht, wenn mich sonst jemand besiegt", sagte Bundock der Zeitung "The Australian". "Ich möchte, dass sie hier wirklich gut abschneidet. Gold und Silber zu gewinnen wäre ein Traum. Solange wir es sind, die Gold gewinnen. Da draußen auf dem Wasser werden wir ihr keinen Millimeter schenken. Und sie uns auch nicht."

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Wettkampf-Gen in die Wiege gelegt

Die "Fliegende Holländerin" ist mit allen Wassern gewaschen. Der rudernde Vater hat ihr das Wettkampf-Gen in die Wiege gelegt. Wenn Carolijn heute ihre Eltern in Holland besucht, will sich Papa Theo immer noch mit ihr im Fahrradfahren messen. Dann sagt Mutter Anneke stets: "Aber fahrt doch die kleine Runde. So hat Papa die Möglichkeit, zwischendurch auszusteigen." Einst hatte Theo Brouwer selbst die Chance, bei Olympischen Spielen zu starten, doch die Familienlegende besagt, dass er am Vorabend der entscheidenden nationalen Ausscheidung Carolijns Mutter kennenlernte... Die Liebe und der Wettkampf scheinen in dieser Familie unzertrennbar miteinander verwoben. Carolijn wuchs in Brasilien auf und kam erst im Alter von 13 Jahren zurück nach Europa, weil der Vater sich eine holländische Schulbildung für seine Tochter und ihren älteren Bruder Mark wünschte. Die Kosmopolitin mit dem Spitznamen "Kaki" spricht fast ein Dutzend Sprachen fließend. Sie verdient mit dem Segelsport gerade genug Geld für ein sorgenfreies Leben. "Geld für später zurücklegen kann ich aber kaum", schränkt sie die Vorstellung von Reichtum und Ruhm im Segelsport ein. Eine eigene Wohnung hat Carolijn zur Zeit nicht. "Es lohnt sich einfach nicht", sagt die Vielfliegerin lächelnd, "dafür habe ich aber 15 Schlüssel für verschiedene Wohnungen von Freunden und Familie in Holland und ganz Europa."

"Ich wäre sogar stolz auf sie, wenn sie nicht meine Freundin wäre"

Um mit den durchschnittlich schwereren und auch stärkeren Konkurrenten mithalten zu können, pflegt die 35-Jährige ihren eigenen Segelstil, gibt beispielsweise die kraftraubende Schot, mit der sie das Großsegel trimmt, schneller an ihren Crew-Kameraden ab als die männlichen Steuerleute. "Ich wiege 62 Kilogramm, Sebbe 92. Wir bringen als Mannschaft den größten Gewichtsunterschied mit. Als Steuerfrau kann ich mit einigen Veränderungen an Bord wirklich gut sein, Vorschoterin dagegen könnte eine Frau im Tornado auf höchstem Niveau niemals sein. Der Job wäre physisch zu anstrengend." Der belgische Segelverband hat die Holländerin 2005 mit offenen Armen empfangen, als Godefroid die Crew zur Förderung vorschlug. "Deswegen bleibe ich zwar im Herzen Holländerin, doch die Medaille würde ich schon für Belgien gewinnen", wägt die faire Sportlerin ab, zu deren aktuellen Sponsoren auch die Fastfood-Kette McDonalds gehört. "Das ist natürlich sehr lustig, denn wir waren ja alle für das Leichtwindrevier vor Qingdao auf Diät." Darren Bundock sagt mit Blick auf seine Freundin das, was die meisten in der Tornadoklasse denken: "Man muss Respekt davor haben, dass sie als einzige Frau in der Tornadoflotte mitsegelt und ihre Sache so gut macht. Ich wäre sogar stolz auf sie, wenn sie nicht meine Freundin wäre. Ihr gilt mein Respekt."

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