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Wasserball: Bärtige Freaks mit dem coolen Boss

Hagen Stamm, kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Stamm ist Bundestrainer der deutschen Wasserballer und ein Mann, der offen seine Meinung sagt. Ohne Rücksicht auf die Etikette. Diese Geradlinigkeit hat er auch seinen Spielern eingeimpft - zum Schrecken der anderen Athleten im olympischen Dorf.

Von Jens Fischer, Peking

Da standen sie nun in ihren weißen samtweichen Bademänteln mit dem Adler auf der Brust. Mit ihren unrasierten Gesichtern und muskelbepackten Oberkörpern. Die deutschen Wasserballer hatten Angst. Gerade hatten sie gegen die Wasserball-Exoten aus China mit Ach und Krach 6:5 gewonnen und dabei eine katastrophale Leistung abgeliefert. Gestandene Männer mit blanker Furcht in den Augen. Vor einem Mann, der ihr Prediger ist, ihr Gottvater und Leiter des Unternehmens Olympia.

"Wenn wir jetzt in die Kabine kommen, wird das gar nicht lustig. Unser Trainer wird uns dermaßen zusammenfalten, da wird die Kabine wackeln. Da können Sie sich sicher sein", äußerten sie beinahe zitternd vor dem, was jetzt kommen mag. Mit dem Trainer ist Hagen Stamm gemeint. Eine deutsche Wasserball-Legende. Ein Mann, der in seiner Karriere riesige Erfolge vorzuweisen hat und so etwas ist wie der Franz Beckenbauer des Wasserballs. Und ein Mann, der nicht gerade dafür bekannt ist, bei seinen Spielern die Schmusesprache anzuwenden.

"Schlechter geht's nicht, eine Katastrophe"

"Wir haben heute ein grottenschlechtes Spiel abgeliefert, ich weiß nicht, was in die Jungs gefahren ist", war er nach der desolaten Vorstellung gegen China stinksauer. "Schlechter geht's nicht, eine Katastrophe, wenn ich sage, wir haben 20 Prozent unseres Leistungsvermögens abgerufen, dann ist das noch übertrieben." Hagen Stamm ist ein anderer Trainer. Keiner, der Rücksicht auf öffentliche Interessen nimmt, keiner dem die öffentliche Meinung besonders wichtig ist. Hagen Stamm ist Hagen Stamm, er lebt Wasserball und leidet selbst am meisten, wenn seine Jungs nicht das machen, was er von ihnen verlangt.

Einzelinteressen sind unwichtig für ihn. "Wie Sie wissen, bin ich kein Freund der feinen Worte", sagte er nach dem Spiel gegenüber stern.de. "Wenn man aufhört zu lernen, ist man tot" - ein Leitspruch seines Großvaters. Er scheut sich auch nicht, einzelne Spieler herauszunehmen, sie beim Namen und falls nötig auch einzeln an den Pranger zu stellen. Stellen Sie sich vor: Joachim Löw würde Michael Ballack vor versammelter Mannschaft und mit Wissen der Presse zusammenstauchen. Undenkbar.

Hagen Stamm ist das egal. Für ihn zählt nur der Erfolg. Und diese Siegermentalität äußert sich auf vielen Pfaden. Gerne auch unkonventionell, gerne mal rüde, aber immer menschlich. Diesen Charakter hat er auch an seine Spieler weitergegeben. Die deutschen Wasserballer gelten als die enfants terribles der deutschen Olympia-Mannschaft hier in Peking. Sie sind die Stimmungsmacher im olympischen Dorf. Dort wo es abgeht, dort wo Etikette nicht so wichtig ist, wo Sportler mit klarer Meinung anzutreffen sind - da sind die deutschen Wasserballer.

Harte Kerle, raue Worte

"Nach so einem Spiel sollte man sich am besten richtig auf die Fresse hauen", meinte Thomas Schwertwitis noch in der Mixed Zone. Schwertwitis, zwei Meter groß, etwa 120 Kilogramm schwer, mit seinem Vollbart möchte man ihm in dunkler Nacht lieber nicht begegnen. "Es gab heute Spieler, mit denen sollte man mal ein ernstes Wörtchen reden." Schon mal andere Sportler so reden gehört?

Die deutschen Wasserballer sind einzigartig. Ob sie im olympischen Dorf denn gut aufgenommen wurden? "Klar. Wir sind halt eine verrückte Truppe, da geht schon einmal die Post ab. Wir sind einfach anders, alle ein wenig irre. Aber Beschwerden gab es noch keine", meinen die Spieler. Wäre ihnen vermutlich auch egal.

Nur bei einem Thema verstehen sie keinen Spaß: bei der öffentlichen Wahrnehmung des Wasserballs in Deutschland. Alle vier Jahre versucht diese freakige Truppe bei Olympia auf sich aufmerksam zu machen. Alle vier Jahre das gleiche Spiel - passiert ist nichts. Es sei schon bitter, wie das deutsche Fernsehen mit den Wasserballern umspringe, ist die einhellige Meinung. Es gehe doch voll zur Sache, es sei doch wirklich ein rasantes Spiel und Tore fielen auch jede Menge. Helfen tut das alles nichts.

Ärger über das Fernsehen

Hagen Stamm hat es sich beinahe zur Lebensaufgabe gemacht, seine Sportart zu promoten. Deswegen wird er beim Thema Fernsehen auch so richtig wütend: "Wasserball ist in anderen Ländern nationale Angelegenheit. Da wird jedes noch so unwichtige Spiel übertragen." In Deutschland dagegen werde Wasserball so gut wie gar nicht wahrgenommen. Und daran sei in erster Linie das Fernsehen schuld. Jede noch so unwichtige Pressekonferenz werde bei anderen Sportarten übertragen - im Wasserball müsse man schon Olympiasieger werden, um die Fernseh-Leute zum Handeln zu bewegen. Ob er mit den zuständigen Personen schon einmal über das Problem gesprochen habe? "Das Fernsehen redet nicht mit mir." Dabei har er wirklich was zu sagen. Deutlich mehr als andere.

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