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Olympia in Vancouver: Tatjana Hüfner: Die Ängste der Gold-Rodlerin

Weiche Knie und Platz drei: Nach dem ersten Lauf deutete nicht viel auf einen Triumph von Tatjana Hüfner hin. Wie die ostdeutsche Rodlerin ihre Versagensängste in den Griff bekam und zu Gold fuhr - und warum Gold und Bronze für Deutschland nicht phänomenal sind.

Von Gregor Derichs, Whistler

Als ihre Knie weich wurden und der Triumph ernsthaft in Gefahr war, hoffte Tatjana Hüfner nur, dass sie diesen Stress überstehen würde. "Ich war wirklich sehr nervös", bekannte die 26-Jährige später. Was mit ihr geschah vor den Goldrennen, was sich in ihr abspielte, das wusste die Psychologie-Studentin recht genau. "Aber man kann sich ja nicht selbst therapieren", sagte sie. Es war nicht die Angst vor dem Eiskanal des Whistler Sliding Centres, der den meisten Rodlerinnen nach der Verkürzung der Bahn zu langsam war. Tatjana Hüfner befielen schlicht und einfach Versagensängste. Als "Überfliegerin aus Oberwiesenthal" war sie bezeichnet worden. Doch danach sah es in Whistler nach dem ersten Lauf gar nicht aus. Hüfner musste an die Lektionen mit ihrem Mentaltrainer denken. Das half: Sie fasste sich ein Herz und raste zu Gold.

Im vergangenen Jahr war sie als zweimalige Weltmeisterin in Lake Placid nach hinten durchgereicht worden. Platz sechs war ein echtes Debakel. In dieser Saison stabilisierte sie, auch dank des Mentaltrainings, ihre Leistungen und gewann zum dritten mal in Folge den Gesamt-Weltcup. Und jetzt der große Triumph: Mit einem großen Vorsprung von 0,490 Sekunden aus den vier Läufen verwies sie in Vancouver die Österreicherin Nina Reithmayer auf den Silberrang. Natalie Geisenberger aus Miesbach holte Bronze (0,577). Die deutschen Rodel-Frauen setzten damit ihre grandiose Tradition damit fort. Bei 13 Olympia-Entscheidungen konnten die deutschen Damen neunmal Gold gewinnen. Seitdem Rodeln 1964 olympisch wurde, war es das 27. Gold für deutsche Starter.

Hüfner und die Furcht

Im ersten Lauf wackelte die Bronze-Gewinnerin der Spiele von Turin 2006 furchtbar zu Tale. Nur Sechste bei der Startzeit, nur Elfte im ersten Teilabschnitt und Platz drei nach dem ersten Gesamtlauf standen für Hüfner beim Auftakt. Dann die mentale und sportliche Wende: In den drei anschließenden Fahrten war Hüfner als Zeitbeste goldwürdig und rodelte einen großen Vorsprung raus - wie Felix Loch bei den Männern zwei Tage zuvor. Der Gold-Mann wartete am Ziel und applaudierte der neuen Gold-Frau, die fast ganz Ostdeutschland in sich vereint. Geboren im brandenburgischen Neuruppin, wuchs Hüfner in Blankenburg in Sachsen-Anhalt auf, startet für Oberwiesenthal in Sachsen und gehört als Sportsoldatin der Sportfördergruppe im thüringischen Oberhof an.

Die gebürtige Münchnerin Geisenberger rettete ihre Medaille dagegen nur hauchdünn mit acht Hunderstelsekunden vor der Russin Tatiana Ivanova ins Ziel. Sie wurde im letzten Lauf nur Siebte. "Das war ein Chaoslauf. Ich will aber nicht dem Fotografen die Schuld geben, der den Not-aus-Knopf gedrückt hat", sagte sie. Genau in dem Moment, als die 22-Jährige loslegen wollte, funkte ein unaufmerksamer Fotograf dazwischen, der Start wurde abgebrochen, sie stieg vom Schlitten, war sichtlich verärgert und musste sich neu konzentrieren. Es war ohnehin nicht der Wettkampf des größten deutschen Talents unter den Frauen. Als "Kinderstart" hatte die Vize-Weltmeisterin die Verschiebung auf den tieferen Junioren-Einstieg nach dem Todessturz des Georgiers Nodar Kumaritaschwili bezeichnet. Die dritte deutsche Starterin Anke Wischnewski sah das differenzierter. "Ich denke schon, dass der Wettkampf Olympia-würdig war. Wir sind im Ziel mit Tempo 135 unterwegs gewesen. Das ist nicht pille-palle." Auch Geisenberger distanzierte sich später von ihrer Aussage.

Gold und Bronze - phantastisch, oder?

Gold und Bronze – eigentlich ist es ein phantastisches Ergebnis, doch alles ist relativ. Da Wischnewski nur Fünfte wurde, war es das schlechteste Mannschaftsresultat für deutsche Rodlerinnen bei Olympia seit 16 Jahren. In Nagano (1998) hatte es einen Doppelsieg gegeben, danach zwei Dreifach-Triumphe in Salt Lake City (2002) und Turin (2006).

Die Spielverderberin war die Österreicherin Reithmayer, die für die große Überraschung des Rennens sorgte. "Es ist sehr hart zwischen die Deutschen zu fahren. Die sind athletisch gewaltig beieinander", sagte die Innsbruckerin. Die 25-jährige war zuvor selten in die deutsche Phalanx eingedrungen. Im Weltcup hatte sie als beste Ergebnisse dritte Plätze erreicht und das selten. Ihr Silber ist eine Sensation für Austria. Christoph Schweiger, Generalsekretär vom Österreichischen Rodelverband war außer sich vor Freude: "Damit haben wir sicherlich am allerwenigsten gerechnet."

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