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Olympia: Whistler-Eiskanal: Sturzserie in der Chaosbahn reißt nicht ab

Das Chaos im Whistler-Eiskanal nimmt kein Ende: Auch beim Abschlusstraining stürzte ein Bob schwer, diesmal erwischte es Schweiz III. Die Fahrer sind geschockt und stinksauer.

Die olympischen Wettkämpfe im Eiskanal von Whistler entwickeln sich immer mehr zu einem Trauerspiel. Seit dem Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili geht es in und an der gefährlichsten Bahn der Welt drunter und drüber, und ein Ende ist nicht in Sicht. Umstürzende Bobs, scheinbar hilflose Funktionäre und hektische Korrekturen an der Strecke gehören zum Tagesgeschäft.

"Fifty-Fifty" - der Name der berüchtigten Kurve 13 ist Programm: Alles oder Nichts. Denn selbst Piloten wie der Schweizer Europameister und Mitfavorit Beat Hefti haben den Kampf gegen die schwierige Passage zwischen Kurve 11 und 14 schon zum Trainingsauftakt verloren. Schwere Prellungen, Abschürfungen am Kopf und eine Gehirnerschütterung zog sich der frischgebackene Europameister im Zweierbob zu und musste seinen Start bei den olympischen Rennen am Wochenende absagen. Damit fehlt ein Hauptkonkurrent des Oberhofers André Lange um Olympia-Gold.

Schwerer Sturz auch im Abschlusstraining

Und auch Heftis Eisgenosse Daniel Schmid wird nach einem schweren Sturz nicht am Rennen teilnehmen können. Im fünften von sechs Trainingsläufen am Freitag stürzte der Bob Schweiz III. Und wieder einmal passierte es in der berüchtigten "Fifty-Fifty". Anschieber Jürg Egger verletzte sich so schwer, dass er nach einer Erstversorgung durch Rettungskräfte an der Bahn in ein Krankenhaus gebracht werden musste. "Mein Bremser liegt halbtot da unten, das kann nicht sein. Es war mein Fahrfehler, ich werde hier nicht mehr fahren", sagte der geschockte Schmid und schrie immer wieder: "Schaut Euch das an!"

Glücklicherweise bewahrheiteten sich die ersten Befürchtungen nicht: "Jürg wird derzeit noch gründlich untersucht, doch er hat keine schweren Verletzungen", sagte der Schweizer Christian Reich, selbst Olympia-Zweiter im Zweierbob 2002 in Salt Lake City.

Neben Schmid stürzten auch der italienische Pilot Fabrizio Tosini und der Österreicher Jürgen Loacker. Beide bleiben zwar unverletzt, erhöhten die Zahl der Unfälle im Zweier-Training aber auf 14. Das Abschlusstraining verlief dann ohne weitere Zwischenfälle.

Vorwürfe an den Weltverband

"Wenn man so eine schwierige Bahn hat, dann muss gewährleistet sein, dass man Vorkehrungen trifft, dass alle Athleten die Bahn auch beherrschen", sagte der deutsche Verbandspräsident Andreas Trautvetter - ungeachtet des Maulkorbs, den der Weltverband FIBT verhängt hat, um öffentliche Kritik am Eiskanal und den Geschehnissen im Tal hinter Whistler zu verhindern. Der zweimalige Olympiasieger und ehemalige Weltklassepilot Christoph Langen sagt unverblümt: "Die FIBT ist schuld."

Bereits nach den ersten Tests hatten Bob-Piloten und Rodler gewarnt. Die Verbände hätten nicht auf Hinweise reagiert und einfach die Bahn abgenommen, meinte der deutsche Bob-Cheftrainer Raimund Bethge. Christoph Langen bestätigt: "Die Piloten haben schon damals ihre Probleme geäußert, aber deren Veto wurde nicht richtig gehört." Es könne nicht sein, dass jeder kleine Fehler zu einer großen Gefahr führe, so Langen. Der Rodel-Weltverband FIL wies unterdessen die Vorwürfe zurück. "Wir haben unter anderem die Banden erhöht und insgesamt für mehr Sicherheit gesorgt", sagte Präsident Josef Fendt.

Am oberen Limit

Nach dem vom Weltverband FIBT verhängten Maulkorb an Athleten und Trainer gab es bereits am Donnerstag eine Krisensitzung mit IOC-Vertretern, Vanoc-Offiziellen und Funktionären des Weltverbandes. Selbst IOC-Vizepräsident Thomas Bach schaltete sich in die Sicherheitsdebatte ein: "Acht Stürze im Training sind absolut inakzeptabel. 100-prozentige Sicherheit kann beim Rennsport nie gewährleistet werden, aber das ist zu viel."

Der Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), Thomas Schwab, kritisierte vor allem die Verantwortlichen vor Ort: "Man darf dem Weltverband nicht alle Schuld in die Schuhe schieben, denn es gibt ja noch einen Veranstalter. Wir haben im Vorjahr schon die Kurven 11 bis 14 ins Visier genommen. Da muss das Eisprofil jetzt angepasst werden. Die Bahn ist hier am oberen Limit."

Der dreimalige Olympiasieger Lange, der bisher als einer der wenigen sauber durch das 16 Kurven umfassende Eislabyrinth kam, kennt die Ideallinie der Kurve "Fifty-Fifty". "Jeder, der vor die 13 fährt, hat mächtig Probleme auf allen Kufen zu bleiben. Da ist die Ausfahrt 11 enorm wichtig, der Bob sollte genau in der Mitte stehen. Wenn es funktioniert, macht es richtig Spaß, dort durchzuhetzen", sagte der Ausnahmepilot, dessen Bremser Kevin Kuske nach dem zweiten Training etwas aufatmete: "Hui, wir waren oben ganz schön nah dran."

Sorge um Frauen-Team aus Casting-Show

Nachdem Athleten und auch Schwab ("Die Bahn ist ein sensibles Thema, doch wir sind mündige, erwachsene Bürger") den "Maulkorb" kritisierten, ruderte der Weltverband nach einer Sitzung der Mannschaftsführer zurück: "Es gibt keine Order, wir haben nur darauf hingewiesen, dass die Athleten sich auf ihren Sport konzentrieren sollen", sagte das britische FIBT-Präsidiumsmitglied Paul Pruszynski.

Eine große Gefahr könnten auch die am Samstag beginnenden Trainingsläufe im Frauen-Zweierbob werden. Zu viele unerfahrene Athletinnen rasen den gefährlichen Hochgeschwindigkeitskurs runter. Darunter Ex-Speerwerferin Elfje Willemsen mit Anschieberin Eva Willemack: Die Belgierinnen bewarben sich bei einer TV-Castingshow, in der es um die Gründung eines Bobteams ging. Sie gewannen - und erfüllten sich nach einigen Starts im Europa- und Weltcup ihren olympischen Traum, der vom TV-Sender auf Schritt und Tritt begleitet wird.

SID/DPA / DPA

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