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Olympia 2012 - Tennis: Federers Marathon ins Finale

Im vierten Versuch greift Roger Federer jetzt erstmals nach olympischem Gold. In einem ebenso langen wie hochspannenden Halbfinale gab er dem Argentinier Juan Martin Del Potro das Nachsehen.

Von Christian Ewers, Wimbledon

Es war ein Spiel, das nicht enden wollte, ein Kampf von epischer Länge auf dem Center Court von Wimbledon. Fast viereinhalb Stunden benötigte Roger Federer, um Juan Martin Del Potro aus Argentinien 3:6, 7:6 und 19:17 zu bezwingen. Nun steht der Schweizer im Finale des olympischen Tennisturniers, wo er auf den Sieger der Partie Novak Djokovic gegen Andy Murray trifft.

"Ich bin emotional sehr berührt", sagt Federer nach dem Match. "Irgendwie leer im Kopf und doch so erfüllt mit Stolz. Es ist ein großer Tag in meiner Karriere, ich habe für die Schweiz eine Medaille gewonnen. Ob eine silberne oder eine goldene, wird man am Sonntag sehen."

Der Aufschlag als Waffe

Gold im Herren-Einzel wäre für Federer die Krönung einer Saison, die bislang so gut lief für ihn. Nach seinem Sieg in beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon im Juli wird Federer wieder als Nummer eins der Weltrangliste geführt; es war das beeindruckende Comeback eines Mannes, dessen beste Zeit bereits hinter ihm zu liegen schien.

Gegen Del Potro, die Nummer neun der Rangliste, musste sich Federer am Freitagnachmittag richtig quälen, denn Del Potro machte seinen Aufschlag zur einer Waffe: Er schlug zwar nicht besonders präzise auf, wohl aber ungemein hart. Mit mehr als 210 Stundenkilometern feuerte er den Ball in die gegnerische Hälfte. Federer war gleich unter Druck, er war der Getriebene, Del Potro kontrollierte seine Aufschlagspiele mit Leichtigkeit und gewann den ersten Satz mit 6:3. Schon einmal hatte Del Potro Federer überwältigt mit seiner urwüchsigen Kraft: 2009 im Finale der US Open.

Ermüdung und geistige Erschöpfung

Im zweiten Durchgang hatte sich Federer dann etwas besser auf den 23 Jahre alten Mann aus Tandil, Provinz Buenos Aires, eingestellt und entschied den Tie-Break für sich. Ein richtiges Rezept gegen das kraftvolle Spiel Del Potros fand Federer jedoch bis zum Schluss nicht; er war nie der große Souverän auf dem Rasenplatz. "Martin hat es mir heute sehr schwer gemacht", räumte Federer später ein, "es gab Phasen im Spiel, da war ich mir sicher, dass ich als Verlierer vom Platz gehen werde. Und dann gab es Momente, in denen ich eine Medaille vor Augen hatte. Es war ein ständiger Wechsel."

Federer musste auf leichte Fehler seines Gegners hoffen, auf dessen Ermüdung und geistige Erschöpfung. Im 36. Spiel des dritten Satzes, nach 163 Minuten, war Del Potro dann gebrochen. Bei eigenem Aufschlag lag er gleich zurück, und seine Körpersprache verriet, dass er nicht mehr an sich glaubte. Nach seinem ersten Fehler vergrub er sein Gesicht im T-Shirt, nach zweiten versteckte er sein Mienenspiel im Handtuch. Nach dem letzten Fehlschlag stand er dann gramgebeugt in seiner Hälfte, dieser Hüne von 1,98 Meter Länge war plötzlich krumm und klein.

"Ein Stück Heimat"

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Federer in Wimbledon zum zweiten Mal in diesem Jahr triumphiert. Auf Rasen ist er am stärksten, und die Saisonbilanz auf diesem Terrain stimmt: 14 Siege, elf davon in Wimbledon, eine Niederlage bei einem Vorbereitungsturnier in Halle/Westfalen - gegen Thomas Haas. Jenen Mann, gegen den Federer vor zwölf Jahren das Halbfinale der Sommerspiele von Sydney verloren hatte.

Für das Endspiel am Sonntag ist Federer optimistisch. „Ich hoffe, dass ich nicht allzu müde und steif aus dem Bett steigen werde“, sagte Federer."„Ich freue mich jedenfalls auf dieses Spiel. Wimbledon ist mittlerweile ein Stück Heimat für mich geworden."

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