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Andreas Wolff bei Olympia: Die Mauer, an der Du nicht vorbeikommst

Das Handball-Nationalteam begeistert, schlägt in Rio Weltmeister Polen überraschend souverän. Schlüsselspieler ist mal wieder Keeper Andreas Wolff. Porträt eines Mannes, der seine Nervosität mit einer ganz klassischen Methode überspielt.

"Hier kommst Du nicht vorbei" - Handball-Nationaltorwart Andreas Wolff bei Olympia

"Hier kommst Du nicht vorbei" - Handball-Nationaltorwart Andreas Wolff bei Olympia

Es waren 44 Minuten und 50 Sekunden gespielt, da wuchs Andreas Wolff über sich hinaus. Tatsächlich schien er länger und länger zu werden, als der Pole Bartosz Jurecki auf sein Tor stürmte und den Ball in den Winkel zirkeln wollte. Doch Wolff, der deutsche Schlussmann, reckte sich und lenkte die Kugel mit den Fingerkuppen über die Torlatte. Ein Raunen ging durch die Future Arena –  solch ein gewaltiger Wurf und dann dieser unglaubliche Reflex.

Wolffs Parade bedeutete den Wendepunkt im Gruppenspiel gegen Weltmeister Polen. Die Deutschen, die knapp mit 22:21 vorn gelegen hatten, gaben diese Führung nun nicht mehr her. Sie kontrollierten fortan die Partie und gewannen schließlich 32:29. Nach dem Sieg gegen Schweden am Sonntag ist die Mannschaft von Bundestrainer Dagur Sigurdsson auf dem besten Wege, die Zwischenrunde des olympischen Turniers zu erreichen.

"Gut, dass wir Andi haben", sagte Kreisläufer Hendrik Pekeler, "er kann aber noch viel besser halten." Das war scherzhaft gemeint; Wolff braucht solche kleinen Spitzen manchmal, um seinen Kampfmodus mal für einen Moment verlassen.

Andreas Wolff: nervös - aber so, dass es keiner merkt

Wolff, aufgewachsen in Euskirchen bei Köln, ist erst 25 Jahre alt und schon jetzt ein Weltklasse-Torhüter. Sein Stern ging bei der Europameisterschaft in Polen auf, als er mit seinen Paraden im Finale gegen Spanien großen Anteil am deutschen Titelgewinn hatte.

Am Dienstag verließ er wortlos die Future Arena von Rio de Janeiro. Der Held ist wieder im Tunnel. Schon die Eröffnungsfeier der Sommerspiele im legendären Estadio do Maracana ließ Wolff aus – als einziger aus dem deutschen Nationalteam. Er wolle sich konzentrieren, teilte er über Twitter mit.So finster entschlossen Wolff auch wirkt auf dem Feld und im Gespräch – es täuscht. Wolff ist das nervöseste Hemd unter den Torleuten des Nationalteams. Seine äußere Gelassenheit hat er sich antrainiert über viele Jahre.

Der Kraftraum - ein Ort, der Kraft gibt

Wolffs Antwort auf Leistungsdruck ist der Kraftraum. Überhaupt ist das sein liebster Ort; hier kann er sich seine Nervosität aus dem Leib wuchten, hier findet er seinen Frieden, in der Erschöpfung nämlich.Wer den deutschen Handballern beim Fitnesstraining zuschaut, muss Andreas Wolff nicht lange suchen. Dort, wo die Geräte am lautesten ächzen, wo Eisen auf Eisen schlägt, wo gestöhnt und geflucht wird,  da rackert Wolff.  

Als Kind nahm Wolff Ritalin; erst als Jugendlicher lernte er, seine Energien zu kanalisieren. Seit dem 17. Lebensjahr stemmt er Gewichte, nahezu täglich.

"Besser Muskeln als Fett"

"Ich brauch' das", sagt Wolff, "es fühlt sich gut an, wenn ich mich total leer gemacht habe. Außerdem ist es besser, Muskeln mit sich rumzuschleppen als Fett."

Wolff steht für die klassische Schule: Er arbeitet viel mit den Blöcken, die ihm die Abwehrleute stellen, er macht sich groß, zuckt erst in letzter Sekunde, wenn ein Schütze auf ihn zuspringt. Sein Spiel lebt von Beherrschtheit und Präsenz.

Silvio Heinevetter, die Nummer zwei im Nationalteam, dagegen: Ein Zappelphilipp. Tut das Unerwartete. Spekuliert häufig, springt schon los, bevor der Ball die Hand des Schützen verlassen hat. Fängt mit den Schiedsrichtern Diskussionen an, provoziert den Gegner. Ist anstrengend, mitunter auch für das eigene Team.

Hier steht eine Mauer

Bundestrainer Sigurdsson mag Wolff. Er würde das nie offen sagen, in seinen Worten klingt das so: "Härte und Einstellung im Sport werden unterschätzt. Ich gucke bei einem jungen Spieler nicht zuerst darauf, wie viel Talent er hat. Ich schaue, ob er bereit ist, an sich zu arbeiten."

Bereits am Donnerstag wird Wolffs Nervenstärke und furchteinflößende Präsenz wieder gefragt sein. Dann geht es gegen Brasilien, eine emotionale, quirlige Mannschaft. Wolff wird sich diesem Wirbel entgegenstellen wie so häufig: Groß machen, lange warten und so dem Schützen des Gefühl geben: Hier steht eine Mauer. Und an der prallst Du heute ab.