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America's Cup: "Düstere Stimmung" bei deutschen Seglern

Nach Querelen, Kritik, Unfällen, Materialproblemen und zwei Rennabsagen ist am Sonntag Sportdirektor Andreas John beurlaubt worden. Damit steht das Team Germany bei den Vorregatten zum America's Cup vor einem Neubeginn.

Sonntag Mittag dementierte Teamchef Uwe Sasse (München) noch kategorisch Pressemeldungen über seinen Rücktritt, kurze Zeit später kündigte er nicht nur seinen eigenen Rücktritt zum Jahresende an, sondern auch gleich noch die Beurlaubung von Sportdirektor Andreas John. Der Hamburger Unternehmensberater John zählte als Vorstandsmitglied zu den Gründern des ersten deutschen Teams in der 154-jährigen Geschichte des bedeutendsten Segelrennens der Welt. Sasse, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Challenge AG, teilte John die Entscheidung am Sonntag während der Testregatten beim Louis Vuitton Act 6 vor Malmö mit.

Suche nach neuen Führungspersönlichkeiten

Sasse begründete den "notwendigen harten Schnitt" mit Zweifeln an Johns Qualitäten als Sportdirektor. "Herr John hat in der Phase null einen sehr guten Job gemacht, aber wir sagen: Sein Profil passt jetzt nicht mehr. Seine Karriere beim United Internet Team Germany ist beendet", sagte Sasse und kündigte seinen eigenen Rückzug als Vorstandsvorsitzender zum Ende des Jahres sowie die Suche nach neuen Führungspersönlichkeiten für das Team Germany an.

John reagierte überrascht, aber zurückhaltend: "Die Entscheidung kam für mich aus heiterem Himmel. Aus meiner Sicht liegen keine triftigen Gründe vor. Ich habe zwei Jahre für dieses Projekt gekämpft, jetzt brauche ich zwei Tage Ruhe, um die nächsten Schritte zu überdenken." John musste seine Akkreditierung abgeben und hat keinen Zutritt mehr zum Teamcamp.

"Stimmung ist düster"

Zuvor hatte es Gerüchte um einen sofortigen Rücktritt des Teamchefs gegeben. Der Münchner PR-Manager war in den vergangenen Wochen heftig ins Kreuzfeuer der Kritik wegen schlechter Kommunikation, verspätet ausgezahlter Honorare und nicht eingehaltener Versprechen geraten. "Die Stimmung im Team ist düster. Wir überlegen alle, wie wir das wieder in den Griff kriegen", sagte ein Segler auf der "GER-72" am Sonntag.

Für zusätzlichen Zündstoff hatte der schwere Unfall des Rostockers Christian Buck am Freitag gesorgt. Bei Arbeiten im Mast hatte er den Halt verloren und wurde, im so genannten Bootsmannstuhl hängend, mehrfach gegen das Rigg geschleudert. Dabei brach er sich das Jochbein und zog sich Prellungen zu. Der Crew wurde nach den dramatischen Szenen die Betreuung durch Psychologen angeboten.

Niederlage gegen Alinghi

24 Stunden nach dem Unfall berichtete Skipper Jesper Bank erstmals von dem Unglück. Mit zitternder Stimme erzählte der sonst vor Selbstbewusstsein strotzende 48 Jahre alte dänische Doppel-Olympiasieger: "Wir hatten alle Angst um Christians Leben. Ich mache mir Vorwürfe und glaube und hoffe, dass es mir am schlimmsten von allen geht." Nach den Absagen am Samstag setzte das Team Germany die Rennen im Louis Vuitton Act 6 am Sonntag mit einer Niederlage gegen den Schweizer Cup-Verteidiger "Alinghi" fort.

Nach sechs von elf Rennen sind die Deutschen mit lediglich einem Sieg Zehnter im Feld der zwölf teilnehmenden Mannschaften. "Wir können sportlich natürlich keine Rücksicht auf das deutsche Team nehmen", sagte Alinghis Sportdirektor Jochen Schümann (Penzberg). "Aber ich werde mir sicher noch die Zeit nehmen, mit Jesper zu reden." Schümann und Bank waren Rivalen in der ehemaligen olympischen Klasse Soling. Zuletzt besiegte der Däne den Deutschen im olympischen Finale von Sydney 2000. Bank war der erste, der Schümann nach der Wende einen Job in der Segelmacherei Elvström in Dänemark angeboten hatte. Trotz des Konkurrenzdrucks machte Schümann seinem Rivalen Mut: "Er ist die richtige Wahl für das deutsche America's-Cup-Team."

Tatjana Pokorny/DPA / DPA

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