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America's Cup: Das gewisse Gefühl

Zum ersten Mal seit 1851 startet ein deutsches Boot beim "America's Cup", der härtesten Segelregatta der Welt. stern.de hat das "United Internet Team Germany" besucht.

Von Klaus Bellstedt, Valencia

Man braucht sich im Segelsport gar nicht einmal gut auszukennen, um zu erahnen, wie die Machtverhältnisse im Weltsegeln verteilt sind. Ein Promenaden-Spaziergang am neu erbauten America's-Cup-Hafen in der spanischen Mittelmeerstadt Valencia entlang reicht dafür völlig aus. Zwölf internationale Teams haben hier ihre Stützpunkte aufgeschlagen, um sich auf den Kampf um die älteste Sporttrophäe der Welt vorzubereiten: den 32. America's Cup, der 2007 erstmals in Europa ausgetragen wird.

Die Cup-Verteidiger vom Schweizer Syndikat "Alinghi" haben eine Basis aus dem Boden gestampft, die man leicht untertrieben als standesgemäß bezeichnen könnte. Es ist ein palastartiger Kubusbau, PR-wirksam durchgestylt, fast schon bonzig, nach dem Motto: "Seht her ihr Herausforderer. Wir sind der amtierende Champion, und das ist unser Schloss". Bereits der unmittelbar daneben angesiedelte Stützpunkt des hoch einzuschätzenden und finanzstarken "BMW-Oracle-Racing-Teams" (geschätztes Budget etwa 100 Millionen Dollar) kann es mit dem Alinghi-Protzbau nicht aufnehmen. Dasselbe gilt für die Basen der Segel-Syndikate mit so klangvollen Namen wie "Team Luna Rossa" oder "Emirates Team New Zealand".

Skipper Jesper Bank Chef im Ring

Beim Abschreiten der Pier fragt man sich bereits besorgt, wie wohl das Zuhause des vergleichsweise kleinen und bescheideneren deutschen "United Internet Team Germany" aussehen wird. Antwort: Es hätte schlimmer kommen können. Noch beherrschen weiße Container, in denen die so genannte Shore Crew (Schiffsbauer, Segelmacher, Logistiker etc.) ihrer täglichen Arbeit nachgeht, die Szenerie. Aber damit soll spätestens Anfang Mai Schluss sein. Dann nämlich bekommt endlich auch das erste deutsche America's-Cup-Projekt seit 1851 eine professionelle Basis mit 4000 Quadratmetern bespielbarer Fläche. 25 Stahlstreben, die in den Himmel ragen, deuten bereits die Umrisse des künftigen Stützpunktes an.

Es ist noch früh an diesem sonnigen Februar-Morgen in Valencia. Im Besprechungsraum hält Skipper Jesper Bank seine tägliche Kurzansprache und teilt den Männern den bis ins Detail geplanten Tagesablauf mit. Der hochdekorierte zweifache Olympiasieger aus Dänemark ist hier der Chef im Ring. Banks Wort hat Gewicht, das merkt man sofort. Die Sailing Crew, die aus einer Mischung von cuperfahrenen internationalen Profis und einer Auswahl an Newcomern sowie bekannten deutschen Seglern besteht, weiß jetzt auch das Wichtigste: wann es mit dem Boot raus aufs Meer zum Training geht.

America's-Cup-Gewinner in Diensten des deutschen Teams

Um Punkt 12 Uhr will der Skipper auslaufen, so wie gestern und wahrscheinlich auch wieder morgen. Der Grund ist einleuchtend: Immer um die Mittagszeit frischt der Wind im Segelrevier vor Valencia in dieser ansonsten eher windarmen Jahreszeit wenigstens etwas auf und beträgt dann in etwa zwischen acht und zwölf Knoten. Bis zum Auslaufen steht für die Mannschaft Videoanalyse auf dem Programm. Danach schwärmen die Teammitglieder in Grüppchen aus und treffen letzte Vorbereitungen.

In dieser Phase haben die "Trimmer" den wohl härtesten Job. Sie, die auf dem Boot für die optimale Segelstellung verantwortlich sind, müssen jetzt das Großsegel (320 Quadratmeter) sowie den Spinnacker (510 Quadratmeter) transportfähig machen und an den Steg bzw. auf die "Ger -72" wuchten. Aber wie immer bekommen sie schnell Unterstützung. "Segeln ist ein Mannschaftssport, noch viel mehr als Fußball", sagt Dominik Neidhart. Und der Mann muss es schließlich wissen. Der gebürtige Schweizer in Diensten von "United Internet Team Germany" gewann 2003 mit "Alinghi" den America's Cup und gilt als einer der besten "Grinder" weltweit. "Grinder", das sind diejenigen, die an Bord den härtesten Job haben. Sie bedienen die so genannten Kaffee-Mühlen, um mittels Muskelkraft die Segel zu setzen.

"Die wilden fünf Minuten"

Kurz vor 12 Uhr: Plötzlich geht alles ganz schnell. Als Letzter betritt Jesper Bank das Boot und gibt das Kommando "Leinen los". Ein Tender zieht die "Ger-72" auf dem Hafenbecken hinaus aufs offene Meer. Das ist die Zeit, in der die Crew Nahrungsaufnahme betreibt. Heute auf dem Speiseplan: Nudeln mit Schinken, knapp portioniert, serviert in der praktischen Wegwerfschale. Wie jeden Tag begegnen sich die riesigen America's-Cup-Yachten auf der Fahrt ins Trainingsrevier, man grüßt sich wie selbstverständlich von Boot zu Boot. Bei aller Konkurrenz: Segeln hat auch auf höchstem Niveau immer noch etwas Kameradschaftliches an sich.

An diesem Tag hat sich das "United Internet Team Germany" mit den Italienern von "+39 Challenge" zum "Match-Race-Training" verabredet. "Match-Racing" gilt als die aggressivste Form des Segelns und erfordert gleichermaßen taktisches Geschick wie großes seglerisches Können. Da die Regatta um den 32. America's Cup 2007 ein "Match Race" zwischen dem Titelverteidiger "Alinghi" und dem besten Herausforderer sein wird, gehört diese Trainingsmethode zu den Beliebtesten. Endlich werden jetzt die Segel gesetzt. Und was dann folgt, ist Segelsport in seiner Vollendung: ästhetisch, ja fast schon majestätisch. Immer wieder gleiten die riesigen Hight-Tech-Yachten angsteinflössend aufeinander zu, um dann im letzten Moment doch abzudrehen. Das Schauspiel erinnert an Ritterspiele aus dem Mittelalter. Segler nennen diese Vorstartphase schlicht und einfach "die wilden fünf Minuten".

Ab 7 Uhr im "Gym"

Im "Match-Racing-Training" schließlich hinterlässt das deutsche Boot einen glänzenden Eindruck. Jedes Crew-Mitglied weiß genau, was wann zu tun ist. "Bei uns muss einfach ein Rädchen in das andere greifen, sonst kann es nicht funktionieren", sagt "Mastmann" Gerrit Bottemöller. Disziplin gehört zu den obersten Prinzipien beim Segeln. Jesper Bank steuert die "Ger-72" souverän durch die Wellen. An Bord wird kaum gesprochen, alle sind hochkonzentriert und topmotiviert bei der Sache. Fünf bis sechs Stunden dauert das Training, das neben Startphase und "Match-Racing" meist noch Bojenmanöver beinhaltet. Kurz vor Sonnenuntergang werden die Segel dann wieder eingeholt und "Ger-72" zurück an die deutsche Basis geschleppt. Für die Crew ist der Arbeitstag damit aber noch längst nicht beendet.

Nicht selten gehen die Arbeiten bis weit in die Nacht weiter. "Das ist auch gut so", sagt "Grinder" Dominik Neidhart. "Nur so bekommt man ein Gefühl für das Boot. Und das braucht man, wenn man im Amrica's Cup auch nur ansatzweise etwas reißen will." Wenn in Valencia morgen wieder die Sonne aufgeht, dann stehen die Männer vom "United Internet Team Germany" längst schon wieder unter Strom. Ab 7 Uhr bittet der Fitness-Coach die Crew ins "Gym". America's-Cup-Segeln ist ein unbarmherziger Knochenjob, der keine Fehler verzeiht. Sie alle wissen das und quälen sich entsprechend - für das leben ihres Traumes.

Ab Mai lesen Sie exklusiv bei stern.de das Online-Tagebuch von Skipper Jesper Bank und weiteren Crew-Mitgliedern. Rechtzeitig vor Beginn der entscheidenden Vorregatten, den Louis Vuitton Acts, bis zum großen America's-Cup-Finale im Juni/Juli 2007 vor Valencia.

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