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Die Teams: Deutschlands Gegner

Im nächsten Jahr ist es soweit: Der America's Cup kehrt nach Europa zurück. Vor der Küste Valencias treten elf Teams an, um den Cup-Verteidiger Alinghi herauszufordern. stern.de stellt Ihnen die Gegner des United Internet Teams Germany vor.

Von Peter Sandmeyer

Alinghi

Alinghi steht für Rekorde. Das erst im Jahr 2000 formierte Schweizer Syndikat ist das einzige in der 155jährigen Geschichte des America's Cups, das im ersten Anlauf gesiegt, und das erste, das die Trophäe nach Europa geholt hat. Das Syndikat verfügt über ein hohes Budget, lässt zum Cup-Finale zwei neue Boote bauen und auf ihnen eine A- und eine B-Mannschaft regelmäßig mit und gegeneinander trainieren. Die besten Segler werden dann für die Wettfahrten ausgewählt.

Drei Faktoren wichtig für den Erfolg

Es sind drei Faktoren, die maßgeblich zum Erfolg des Alinghi-Syndikats beigetragen haben. Erstens die Person des Chefs. Der vierzigjährige Ernesto Bertarelli steht an der Spitze der Serano S.A., auf der Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt nimmt er Platz 78 ein, mit einem Vermögen von neun bis zehn Milliarden Schweizer Franken gilt er als der wohlhabendste Bürger der Schweiz. Dennoch segelt er als einfaches Mannschaftsmitglied auf der Position des Navigators ohne Star-Allüren und Sonderkonditionen auf dem Alinghi-Boot mit. Zweiter Erfolgs-Faktor ist der Sportdirektor des Teams, der Deutsche Jochen Schümann. Der 52jährige, Spitzname: "Schüminator", gewann dreimal olympisches Gold, einmal Silber, und gilt als der große Systematiker, der die vielen Puzzle-Steine einer Cup-Kampagne perfekt zusammenführt und ganz besonders für die Optimierung der Zusammenarbeit des internationalen Profi-Teams an Bord sorgt. Den dritten wichtigen Beitrag zum Erfolg leisteten der neuseeländische Segler Russel Coutts und sein Team-Kollege Brad Butterworth, die in den Cup-Austragungen 2000 und 2003 das Boot des Teams New Zealand zum Sieg geführt hatten und danach wegen Querelen und Konflikten im Syndikat ihres Heimatlandes zu Alinghi gewechselt waren - Coutts angeblich für 15 Millionen Dollar Gage.

Russel Coutts, einer der erfolgreichsten Match Racer und Americas's-Cup-Steuermänner aller Zeiten, hatte nach Ansicht vieler einen so hohen Anteil am Schweizer Sieg, dass es wie eine Bombe einschlug, als Bertarelli sich von ihm im Juli 2004 trennte. Es gab zu viele Unstimmigkeiten über die Organisation und den Austragungsort des Cups sowie den Einfluss, den Coutts auf Entscheidungen haben wollte. Manche sahen in seinem Weggang den Anfang vom Ende Alinghis. Aber vorerst bewährte sich die gute Team-Arbeit von Jochen Schümann, der einfach sagte: "Wir machen das weiter, was Russel Coutts machen würde" - um bald darauf festzustellen: "Wir brauchen ihn nicht".

Der Erfolg Alinghis in den Regatten des Jahres 2005 scheint ihm Recht zu geben. Von den 6 Luis Vuitton-Acts gewann das Schweizer Syndikat 5. Von 33 Match-Races verlor es lediglich zwei. Alinghi gilt für die Cup-Austragung 2007 nicht nur als Verteidiger sondern auch als Favorit. Ein Segler des deutschen Teams, der Jochen Schümann aus langer Zusammenarbeit kennt, sagt: "Jochen weiß zwar, dass es niemals 100% Perfektion gibt, aber wenn 99 % erreicht sind, setzt er allen Ehrgeiz daran, 99,9 % zu erreichen." Auch Jesper Bank sieht bei Alinghi bisher keinerlei Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen. "Manches wird allerdings auch von den neuen Booten abhängen, die bisher noch nicht im Einsatz waren."

BMW Oracle Racing

Der exzentrische Software-Milliardär Larry Ellison, 61 Jahre alt, 18 Milliarden Dollar schwer, zweitreichster Mann der Welt, Chef des Hauses Oracle und Inhaber einer Lizenz für die private Führung eines ehemaligen Kampfjets, hat mehrfach geäußert, dass er den Cup um jeden Preis gewinnen will. "Um jeden Preis" ist wörtlich zu nehmen. Das Syndikat gilt als verschwenderisch ausgestattet und im Zusammenschluss mit der technologischen Potenz von Autobauer BMW als enorm stark. Es hat allerdings auch einen enorm starken Gegner - sich selbst. Schon beim letzten Cup ist es nicht gelungen, die teuer zusammen gekauften Spitzensegler an Bord zu einem wirklichen Team zu vereinen, und die Personal-Politik der Star-Besetzung hat Ellison in der Vorbereitung zum kommenden Cup fortgesetzt.

So wurde der eigenwillige John Kostecki, Sieger des letzten Volvo Ocean Race, für die Afterguard verpflichtet und dann genauso schnell wieder gefeuert, als klar wurde, dass es keine Harmonie in der Führungsgruppe an Bord gibt. Da Segler, die im laufenden Cup aus einem Syndikat ausscheiden, danach für andere Syndikate gesperrt sind, wurde auch schon der Verdacht geäußert, Larry Ellison wollte potentiell gefährliche Gegner vom Markt wegkaufen und neutralisieren. Passen würde das zu ihm, eine amerikanische Biografie über den Selfmade-Milliardär hat den Titel "Der Unterschied zwischen Gott und Larry Ellison". Der Syndikats-Chef verfolgt eine völlig andere Team-Philosophie als Alinghi oder das deutsche Team. Es ist das darwinistische Vertrauen auf das "Survival of the fitest" - jeder kämpft gegen jeden, der Beste in diesem Konkurrenzkampf siegt und bekommt Job und Spitzengage. In keinem Team war die Fluktuation höher. Bisher hat sich das Schümann-Konzept der harmonischen Feinjustierung eines eingespielten Räderwerks aber als überlegen erwiesen.

Nicht nur das Geld und die Technologie zählt

Auch mit der personellen Super-Ausstattung des Teams könnte BMW Oracle sich selbst im Weg stehen. Steile Hierarchien führen zu komplizierten Abstimmungsprozeduren, verhindern Schnelligkeit und Flexibilität. Das kann im Wettkampf hinderlich sein. Auch für den Bootsbau zeigte sich im letzten Cup die Schwäche eines Teams, das zu sehr auf Geld und Technologie setzt. "Ellisons Boot", kommentierte Alinghi-Designer Rolf Vrolijk, "wurde mehr im Computer entwickelt, während unseres vor allem auf dem Wasser in enger Zusammenarbeit mit den Seglern entstand. BMW Oracle Racing setzt auf hohe Geschwindigkeit bei Geradeausfahrt, während wir in unserem Konzept mit besserem Beschleunigungspotential in den Manövern der taktischen Komponente mehr Gewicht verleihen."

Allerdings ist Skipper Chris Dickson ein ebenso erfahrener wie souveräner Mann, der sogar seinen Chef Ellison schon in die Schranken gewiesen und von Bord verwiesen hat. Dickson ist überaus lernfähig, und Jesper Bank sieht BMW Oracle Racing auf jeden Fall als Anwärter auf einen der ersten drei Plätze im Feld der Herausforderer. Welcher von den dreien es wird, hängt mehr von den internen Bedingungen im Team ab als von äußeren. Aber "nach all dem Kommen und Gehen" ist er von den neuen Stabilität und Dynamik des Teams sehr beeindruckt. "Es ist beängstigend gut."

Emirates Team New Zealand

Der blamable Auftritt des schwarzen Bootes der Neuseeländer bei ihrer Cup-Verteidigung 2003 wurde kommentiert mit dem Satz: "Von Black Magic zu Black Tragic". Inzwischen ist eine kräftige neue Farbe am Rumpf des Bootes dazu gekommen: Das Rot der Fluglinie Emirates. Es steht für das üppige Geld aus den Emiraten, das für diesen Cup die Ehe mit dem Segeltalent der Neuseeländer eingegangen ist. Keine schlechte Grundlage für eine Rückkehr der Neuseeländer zu der Topform, die sie in den Cup-Kämpfen von 1995 und 2000 gezeigt hatten.

Nach den Turbulenzen im Syndikat und dem Weggang des Überseglers Russel Coutts hat der 48jährige Grant Dalton , Ironman und siebenfacher Weltumsegler, dem Team als Managing Director neue Stabilität gegeben. Mit Erfolg: Im Act 2 der Regatten in Valencia 2005 waren die Neuseeländer siegreich. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt allerdings der talentierte aber noch nicht ausreichend versierte Steuermann Dean Barker. Dennoch: "Ausreichend Geld, gute neue Boote, Supersegler - Neuseeland gehört wieder zur absoluten Spitze", lautet die Einschätzung von Jesper Bank.

Luna Rossa

Beim America's Cup 2000 schlugen das italienische Team des Mode-Imperiums Prada souverän alle anderen Herausforderer, bevor es selbst ebenso souverän von den Kiwis geschlagen wurde. Beim nächsten Cup erreichte es gerade mal das Halbfinale, und der Syndikatschef wollte sich gänzlich vom Kampf um den Cup verabschieden. Schuld waren Design-Querelen und eine Haltung, die Kommentatoren als "Zu viel ‚bella figura' - zu wenig Verrücktheit" beschreiben.

Beide Probleme sollen inzwischen behoben sein, das erste durch ein neues, starkes Design-Team; das zweite durch die Verstärkung des Segel-Teams mit dem Cup-erfahrenen Steuermann James Spithill und weiteren ehemaligen Mitgliedern des Teams One World. Jetzt, so hofft Mode-Zar Bertelli, werden seine silbernen Boote wieder zum Ferrari des Meeres. Alle äußeren Voraussetzungen dafür stimmen: Es gibt genügend Geld, sehr viel Erfahrung und Routine auf dem Wasser und jetzt auch noch junge hungrige Leute an Bord. "Kann sein, dass die neue Mischung sich bewährt", sagt Jesper Bank, kann aber auch sein, dass es noch dauert, bis daraus ein funktionierendes Team geworden ist. Auf jeden Fall gilt auch auf dem Wasser die alte Fußball-Regel: Geld schießt keine Tore.

Desafio Espanol 2007

Das Team des Gastgeber-Landes steht auf einer soliden finanziellen Basis und wird von der Sympathie der ganzen Nation und ihres segelbegeisterten Königs begleitet. Die spanischen Segler verfügen über zwei neue Boote und wollen ganz vorne mitsegeln, wenn nicht diesmal, dann spätestens beim nächsten Cup.

Der Syndikatschef spricht von "langfristiger Strategie". Der Teamleiter ist Olympia-Goldmedaillen-Gewinner. Seglerisch gilt das Team als gut, problematisch sollen aber Management und Führungsstruktur sein. Immer wieder gibt es dem Vernehmen nach politische Querelen und Einflussnahmen, die einer effizienteren Führung im Wege stehen.

K-Challenge

Das französische Team wird von der Amerikanerin Dawn Riley geleitet, die in mehreren Cup-Kampagnen dabei war, bei dem legendären Frauenprojekt "America True" 2002 sogar als Syndikatsboss. Auch an Bord will sie agieren - als Assistentin des Pitman, der die Fallen bedient und das Vorschiffteam koordiniert. Es gibt eine weitere Frau im Segelteam, die amerikanische Trimmerin Katie Pattibone.

Das "K" von K-Challenge steht für den Familiennamen der beiden Manager-Brüder Stéphane und Ortwin Kandler (Airbus). Neben ihnen sind keine weiteren großen Geldgeber bekannt, weswegen die Finanzlage des Syndikats als undurchsichtig gilt. "Das Team ist seglerisch sehr interessant", kommentiert Jesper Bank, "es hat 2005 ein paar sehr gute Ergebnisse gehabt. Aber nicht nur das Seglerische muss stimmen, sondern das ganze Paket. Auf jeden Fall eine starke Konkurrenz - es wird wohl noch bis 2007 dauern, bis wir sie überholt haben".

Victory Challenge

Das Schwedische Team unternimmt den zweiten Anlauf auf den Cup. Es verfügt seglerisch über großes Potential und arbeitet mit dem argentinischen Designer German Frers Junior zusammen, dessen Vater sehr erfolgreiche Cup-Yachten entworfen hat. Beim vorigen Cup waren die schwedischen Newcomer die große Überraschung, sie schafften es unter die letzten sechs. Allerdings hieß ihr bester Mann da noch Jesper Bank, der inzwischen Skipper des deutschen Teams ist.

Außerdem hat die Führung des Syndikats gewechselt. Der Gründer Jan Stenbeck, Chef der Modern Times Group, starb, sein Sohn Hugo übernahm Firma und Syndikat, muss aber noch beweisen, dass er das Format dazu hat. Im Team gibt es Zweifel, ob ihm das gelingt. Seglerisch seien seine alten Teamkollegen ziemlich stark, sagt Jesper Bank, auch das Design stimmt; die Frage bleibt aber, ob der Management-Rahmen ihnen die Gelegenheit gibt, ihre Stärke zu entwickeln.

+39 Challenge

Der englische Steuermann dieses Teams vom Gardasee hat seinen italienischen Teamleiter bei der Olympiade 2000 in Sydney im Finn-Dinghy geschlagen - Percy holte Gold, Devoti Silber. Es sind also hochkarätige Segler im Team, kämpferische Match-Racer, die es gewohnt sind, hart zu trainieren. Was ihnen jedoch fehlt, ist Cup-Erfahrung. Was ihnen voraussichtlich ebenfalls fehlt, ist exzellentes Design; und was ihnen fehlen könnte auf dem langen Weg zum Cup, ist Geld.

"Das Team hat eine hohe Schmerzgrenze", sagt Jesper Bank, "und es legt die Latte jeden Tag ein Stückchen höher. Aber mit Training allein werden sie es nicht schaffen. Viel wird von der Qualität ihres neuen Bootes abhängen." Beim Winter-Training in Valencia hat das deutsche Team das italienische in den meisten Rennen geschlagen.

Mascalzone Latino Capitalia Team

Das italienische Team, das von dem Schiffs- und Fährmagnaten Vicenzo Onorato und dem Bankhaus Capitalia gesponsort wird und lange eine rein italienische Crew war, hat aufgerüstet: neue Trainingsschiffe auf dem Wasser, neue Wettkampfschiffe im Bau und Verstärkung des Teams durch Segler aus Skandinavien, den USA und Neuseeland.

"Beim letzten Mal haben wir Erfahrungen gesammelt, diesmal wollen wir es wissen", verkündete der Syndikatschef. Manche Beobachter räumen dem Team gute Chancen ein - bis hin zum Halbfinale. Jesper Bank ist skeptischer. "Ihnen fehlt Erfahrung und die Zeit, Boot und Team in Ruhe zu entwickeln. An diesem Team müssen wir vorbei!"

China Team

Die erste chinesische Herausforderung in der Geschichte des America's Cups ist ein Joint Venture zwischen der Beteiligungsgesellschaft China Equity Investment und dem (schwachen) französischen Team Le Defi, das an den letzten beiden Cup-Austragungen teilgenommen hat, diesmal aber nicht unter eigenem Namen dabei ist.

Die Teilnahme in Valencia gilt als Test dafür, ob China im Hightech-Segelbereich zu einer eigene Kampagne fähig ist. Für Jesper Bank ist das Team kein ernsthafter Gegner.

Team Shosholoza

Es ist vielleicht der größte Sympathieträger in Valencia: das erste südafrikanische Team in der Cup-Geschichte und gleichzeitig das erste Team mit weißen und schwarzen Seglern an Bord. Der Reeder und Syndikatschef Salvatore Sorno finanzierte es und sorgte für den Bau des ersten Bootes nach den neuen Regeln. In der Crew sind auch junge schwarze Segler, die aus der Uzivunguvungu-Stiftung hervorgegangen sind - sie unterhält bei Kapstadt eine Segel- und Seefahrtsschule für sozial benachteiligte Jugendliche aus den schwarzen Townships.

Uzivunguvungu - ein Zulu-Wort, das "starker Wind" bedeutet - ist eine Erfindung von Ian Ainslie, dem mehrfachen Olympia-Teilnehmer und Steuermann des Teams. Shosholoza ist "Fresh seventeen" auf afrikanisch. Wichtigster Sponsor des Teams ist "T-Systems", die Geschäftskundensparte der Deutschen Telecom. Durch den deutschen Bezug stieß auch Tim Kröger, der erfahrene und vielseitige Profi-Segler aus Hamburg zum Team. Er ist Ausbildungshelfer und Boat-Captain. "Eine extrem nette Crew", urteilt Jesper Bank, "wunderbare Kumpel, schön, sie hier zu haben, aber seglerisch sollten sie für uns kein Problem sein".

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