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America's Cup: Wer hat's erfunden?

Die Schweizer bekanntlich. Und zwar nicht nur die Kräuterbonbons, sondern auch das Boot Sui 100, mit dem das Team Alinghi im America's Cup gegen das kleine Emirat Neuseeland antreten wird. Aber: Wie schnell ist der sagenumwobene Alpenblitz wirklich?

Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Zu den Schrecken der Globalisierung zählt unter anderem die traurige Tatsache, dass wir uns von liebgewordenen Klischees verabschieden müssen: Es gibt mittlerweile englische Starköche, polnische Alarmanlagen-Hersteller, japanische Bierbrauer und wahrscheinlich auch bald ein mexikanisches Weltraumprogramm oder ein österreichisches Beachvolleyball-Team. Geradezu erschreckend ist die Entwicklung, die die Schweiz diesbezüglich in den letzten Jahren genommen hat: einst ein kleines, bescheidenes Völkchen kauziger Schokoladenvertilger und Tresorverwalter, erdreisten sich die Eidgenossen mittlerweile, brillant Tennis zu spielen (außer auf Sand), im Fußball den Deutschen und Italienern zu trotzen (!) und sogar auf allerhöchstem Niveau zu segeln. Und nicht genug damit, dass ausgerechnet sie (ein Alpenvolk!) den America's Cup 2003 erstmals nach Europa holten: Sie wollen ihn jetzt auch noch gegen die Schweizer vom anderen Ende der Welt, also gegen die Neuseeländer, verteidigen.

Alptraum

Dazu haben die echten Schweizer keine Kosten und Mühen gescheut und eine Wunderwaffen entwickelt, von der bisher nicht viel mehr bekannt ist als der Name: Suisse 100. Nachts, wenn in Valencia sogar die Neuseeländer nach einigen wenigen Dutzend Bieren in den Schlaf gesunken sind, kann man die im schweren Schlummer ausgestoßenen Schmerzensschreie über das Wasser gellen hören. "Suisse 100!" Oder aber als verzweifeltes Murmeln der sich im Bett Windenden: "Suisse 100, damn it!" Wahrlich, die wenigen Nachrichten, die von der kleinen Schar Journalisten auf uns kommen, die das Wunderboot aus der Nähe bestaunen durften, sind schrecklich: "Unheimlich schnell!" oder "Einfach fantastisch das Ding und so wendig, dass im Training das Ruder gebrochen ist." Moment, da horcht der aufmerksame Leser auf: "Ruder gebrochen? Das lässt ja nicht unbedingt auf ein gelungenes Bootsdesign schließen, oder?" Aber wir Sportjournalisten wissen es natürlich besser. Das Ruder der Sui 100 ist tatsächlich gebrochen, aber vielleicht wollten die Schweizer ja nur, dass wir und die Neuseeländer denken, dass die Schweizer nicht so gut sind, wie wir und die Neuseeländer es erwartet haben, nur um uns in Sicherheit zu wiegen und blauäugig und hoffnungsfroh ins Finale gehen zu lassen, und dann Bum, Bum, 5 zu 0, und die Neuseeländer gehen nach Hause samt neuer T-Shirts auf denen dann steht: "Please bring us home".

Radio Eriwan

Schön und gut. Die gebildete stern.de-Leserin und der nicht ganz so gebildete stern.de-Leser werden jetzt harte Fakten erwarten: "Genug gescherzt, ist die Alinghi nun schnell oder nicht?" Wir wären hier in Valencia keine Experten, wenn wir nicht eine unbefriedigende Antwort auch auf diese sehr berechtigte Frage wüssten: Im Prinzip ja. Die Sui 100 sieht sehr schnell aus, weil sie sehr lang geraten ist, und sie hat einen Bug, der ziemlich weit aus dem Wasser ragt, was ihr theoretisch zusätzlich Geschwindigkeit bei hohem Seegang, aber andererseits auch mehr Wendigkeit bei den Wendemanövern verleihen sollte. Eigentlich. Im Prinzip. Denn Geschwindigkeit im Segeln ist ja immer relativ zu der des Gegners. Schließlich wissen wir ja nicht, ob die Kiwis ihr Boot noch schneller machen können, geschweige denn, wie die Startphasen verlaufen werden, wie stark der Wind jeweils sein wird, wer sich an Bord die Nacht zuvor mit der Freundin gestritten haben wird und noch manches mehr, was wir bedenken müssten, um als Orakel von Valencia die tatsächliche Stärke der Sui 100 zu vermelden. "Hm, und das ist alles? Mehr ist nicht über die Suisse 100 herauszukriegen?", werden Sie jetzt sagen. Ich fürchte, nein.

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