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AUS DEM STERN 25/2001: Sandartisten auf dem Sprung

Mit kleinerem Spielfeld und neuer Zählweise soll Beachvolleyball noch populärer werden. Die deutsche Profiszene will vom olympischen Boom profitieren - die Perspektiven überraschen selbst die Veranstalter.

Noch mischt Uwe Körner mit. Der schlug früher die raffiniertesten Bälle, rappte zur Musik, wenn er als Schiri ranmusste, ließ sich von den Fans auf Händen tragen, pennte nach durchzechter Nacht unter der Werbebande. Und spielte am nächsten Tag groß auf.

Die Profis kommen

Aber kultige Gestalten wie Körner haben es heute immer schwerer auf der deutschen Masters-Tour, der Bundesliga der Beachvolleyballer. Zwar locken weiter freier Eintritt und groovende Rhythmen die Fans. Doch jenseits der Partykulisse führen die meisten Spieler das konzentrierte Leben von Hochleistungssportlern. Zehn Männer- und sechs, sieben Frauenteams bestreiten in Deutschland ihren Lebensunterhalt mit den Schmetterkünsten. Talente wie Junioren-Europameister David Klemperer, die Körner und Co. langsam verdrängen, treten so cool auf, als hätten sie schon alles gewonnen. Schnellen federleicht durch den tiefen Sand, weil sie den Sport schon als Kinder gelernt haben, und schlappen zwischen den Partien kraftschonend über das Gelände. Mit einem Wort: Profis.

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Olympia brachte den Boom

Olympia sei Dank. Seit den spektakulären Tagen am Strand von Bondi wird Beachvolleyball, der einst belächelte Funsport, ernst genommen. Sydney 2000 brachte auch dem deutschen Beachvolleyball das lang ersehnte Bum-Bum-Erlebnis. Entschlossen schlugen sich Jörg Ahmann, 35, und Axel Hager, 32, erst ins Halbfinale und dann zur Bronzemedaille.

»Ein Glücksfall«, sagt Frank Mackerodt. Mit seiner Agentur MNP organisiert er seit 1994 die Masters-Serie, inzwischen

die zweitgrößte nationale Tour der Welt. 520 000 Mark an Preisgeldern schütten die Sponsoren aus, 240 000 Zuschauer werden zu den neun Turnieren erwartet.

Andere Trendsportarten brechen über die Republik herein wie ein Sommergewitter und verziehen sich ebenso schnell wieder. Beachvolleyball, diese bunte, laute Mischung aus Wettkampf und Körperkult, hat sich über die Jahre etabliert. Vor allem dank Macher Mackerodt, 38, dessen unaufgeregte Art so gar nicht zum Image des Sports passt. Er hat die helle Haut eines Stuben-

hockers und die Statur eines Felsbrockens, aber »Macke« kennt sich aus. 1993 war er selbst deutscher Vizemeister. So eine »große Euphorie« wie heute hat er nie zuvor verspürt. »Wir haben viel mehr Anfragen von Sponsoren, als wir bedienen können.«

Hallenturnier mit Erfolg

Deshalb wagte MNP im März das Experiment: das erste Hallenturnier auf deutschem Sand. Verfrachtete Strandkörbe und Palmen in die Preussag-Arena nach Hannover und inszenierte die Matches wie Reggae-Konzerte. Mit Erfolg: An den zwei

Tagen kamen 10000 Zuschauer. Nun tingelt die Freilufttour seit Mai wieder durch deutsche Städte und Strandbäder. An

diesem Wochenende schütten Mackerodts Helfer mitten in Leipzig ihre Felder auf.

Für die Fans ist der Schlagabtausch der Sandartisten spannend wie nie: Neuerdings zählt jeder Ballwechsel als Punkt. »Früher konnte man einen Gegner so lange anspielen, bis er platt war«, sagt Olympia-Recke Jörg Ahmann. Was dem Taktikfuchs recht war, langweilte die Laien: Ein Match plätscherte manchmal minutenlang bei 2:2 vor sich hin, nur das Aufschlagrecht wechselte.

Um den Sport fernsehtauglicher zu machen, entschied der Weltverband FIVB außerdem, das Spielfeld um einen Meter pro Seite zu schrumpfen. Die einfache Rechnung: je kleiner der Court, desto länger die Ballwechsel. Vor allem bei den Frauen geht sie auf, die athletischen Männer aber schert das wenig. Abwehrspezialist Markus Dieckmann stellte nach den ersten vergeblichen Hechtbaggern fest, »dass das Feld immer noch verdammt groß ist«.

Skispringen-Nachfolger?

Wohin der Weg geht? Masters-Sprecher Frank Ehrich ist vorsichtig: »Wir sind und bleiben eine Randsportart.« Aber seit Sydney ahnt man bei MNP am feinen Hamburger Pöseldorfer Weg, dass ihr Sport erst am Anfang stehen könnte. »Das Potenzial von Beachvolleyball scheint größer zu sein, als wir selbst gedacht haben«, staunt Mackerodt. Warum sollte nicht eines Tages, fragt er, ein TV-Sender die Spiele so pathetisch präsentieren wie RTL das Skispringen? Vorerst träumt er aber davon, die WM 2003 nach Deutschland zu holen. Am liebsten auf den Pariser Platz in Berlin. Direkt vor dem Brandenburger Tor - und die großen Sender berichten live. »Das wäre die Krönung.«

Von Rüdiger Barth

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