Boxen Psycho-Spielchen vor WM-Fight


In der Box-Welt munkelt es: Titelverteidiger des World Boxing Council (WBC), Lennox Lewis, ist unsicher, weil er sich gegenüber seinem Kontrahenten Vitali Klitschko etwas drollig aufführt.

Den Blick in die Augen lehnte der Weltmeister kategorisch ab. Nichts da, signalisierte Lennox Lewis mit beiden Zeigefingern und starrte beim Foto-Shooting mit Vitali Klitschko stur in die Kameras. Schon vor dem Posieren im Blitzlichtgewitter hatte der Herausforderer vergeblich versucht, mit dem Briten in Blickkontakt zu treten. Minutenlang schaute Klitschko zu Lewis hoch, als der am Rednerpult über das WM-Duell polemisierte. Die Ignoranz von Lewis drei Tage vor dem in der Nacht zum Sonntag (ZDF/04.00 Uhr) im Staples Center von Los Angeles stattfindenden Kampf wirkte wundersam. Nicht nur im Klitschko-Clan glaubte man nach der Pressekonferenz, eine "gewisse Verunsicherung" beim Titelverteidiger des World Boxing Council (WBC) entdeckt zu haben.

Weitere Psycho-Spielchen

Im gegnerischen Lager wurde das natürlich gänzlich anders gesehen. Um Klitschkos Vorhaben zur Eroberung des Box-Mekkas Amerika zu vereiteln, wartete das Lewis-Team noch mit weiteren Psycho-Spielchen auf. Zehn Minuten musste der einstige WBO-Champion (32 Siege/1 Niederlage) auf seinem Platz ausharren, bis der sechs Jahre ältere Weltmeister (40/2/1 Unentschieden) endlich in seinem kanariengelben Frotteeanzug mit kurzen Hosen, dunkler Sonnenbrille und jamaikanischer Wollmütze lässig-federnden Schrittes anmarschiert kam.

Trainer Emanuel Steward fabulierte lustvoll über die richtige Sprechweise des Vornamens Vitali. Schließlich spazierte noch Lewis' südafrikanischer Freund Corrie Sanders strahlend herein, der Vitalis fünf Jahre jüngeren Bruder Wladimir am 8. März vom WBO-Thron geprügelt hatte.

Klitschko reagiert eiskalt

Mit der eiskalten Miene eines zum Äußersten entschlossenen Fighters negierte Klitschko die Provokationen. "Dr. Eisenfaust" wirkte zwar bei seinem Auftritt durch das Ablesen seiner Gedanken vom Papier nicht so cool wie ein Hollywood-Star. Doch die Lacher hatte der 1:5-Außenseiter auf seiner Seite, als er auf Lewis' angekündigten K.o. bis zur fünften Runde konterte: "Rahman hatte er zwei Runden gegeben, mir sogar fünf. Danke Lennox für den Respekt."

"Vitali hat noch nie einen wie mich im Ring erlebt", versicherte Lewis hämisch grinsend. Der Brite unterschätze Klitschko total, behaupten dessen Sparringspartner. Sonst hätte Lewis den Profi aus dem Hamburger Universum Boxstall nicht zehn Tage vor dem Kampf als Gegner akzeptiert. Zumal er dadurch auch wenigstens acht Millionen Dollar als Börse einbüßt. Ein Pay-Per-View-Fight auf HBO im Dezember, den Lewis als nächstes nun mit Roy Jones ins Auge fasst, hätte ihm über 15 Millionen Dollar beschert. Auch Klitschko hätte mehr kassiert, als die jetzige garantierte Gage von 1,4 Millionen Dollar, die durch Beteiligung an den deutschen TV-Einnahmen auf rund drei Millionen wächst.

Lewis-Klitschko ist derzeit die reizvollste Schwergewichts-Paarung

Lewis gegen Klitschko ist derzeit die reizvollste Schwergewichts-Paarung. Doch mit zwei Europäern im Ring, die zudem beide die Gentleman-Rolle verkörpern, lassen sich in Amerika nur schwer Massen begeistern. Sympathien genießt Klitschko in Los Angeles als Bewohner von Beverly Hills mehr als Lewis. Dass der Hüne zum großen Schlag ausholen kann, wird bezweifelt. Vitali kämpft nicht nur für sich, sondern nach dem K.o. von Wladimir auch um "die Reputation des Namens Klitschko". Bei einer Niederlage können sie alle US-Pläne vorerst ad acta legen.

Entscheidend sei, "wie Vitali schwere Schläge wegstecken kann, ob er bereit ist, im Ring zu sterben", sagte HBO-Chefkritiker Larry Merchant, der den Ukrainer nach seiner verletzungsbedingten Aufgabe vor drei Jahren gegen Chris Byrd als "Weichei" verhöhnt hatte. "Ich schlage Lewis. Ich bin auf zwölf Runden vorbereitet. Wenn sich die kleinste Chance bietet, knocke ich ihn aus", schwört Klitschko. Sein Vater verfolgt den Kampf in Kiew live am Fernsehen. Die Mutter wird wie immer etwas anderes tun. "Sie betet", vermutet der Sohn.

Gunnar Meinhardt

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