Das Marathon-Mädchen Warum Jule allen davon läuft


Sie gilt als "Laufwunder", Experten halten sie gar für eines der größten Nachwuchstalente im deutschen Sport: Jule Aßmann, gerade einmal 13 Jahre alt, läuft bei Marathons selbst durchtrainierten Erwachsenen davon. Sportmediziner haben herausgefunden, warum sie schneller rennen kann.

Dieses Mädchen ist nicht zu stoppen: Seit Jahren schon stellt Jule Aßmann auf Langstrecken eine Bestzeit nach der nächsten auf. Ihre Bilanz: Bei 35 offiziellen Rennen holte sie 35 Siege in ihrer Altersklasse. Die Schülerin, die in der Nähe von Hamburg lebt, hält den schleswig-holsteinischen Rekord über 5000 Meter der Mädchen bis 15 Jahre: 18 Minuten und 17 Sekunden.

Doch diese Distanz reichte Jule schon lange nicht mehr. Ihr Traum: Endlich einmal einen richtigen Marathon laufen, 42,2 Kilometer am Stück. Vergangen Sonntag, just an ihrem 13. Geburtstag, ging Jule zusammen mit ihrem Vater beim Marathon in Wien an den Start - als mit Abstand jüngste Teilnehmerin der über 5000 Läufer. Kann ein so junges Mädchen überhaupt diese Strecke schaffen?

Entdeckt hat Jule ihre Begeisterung für die Langstrecken schon vor fünf Jahren im Urlaub: Im Schwarzwald lief sie damals zum ersten Mal ein Bergrennen mit. Seitdem ist das Laufen ihr liebstes Hobby geworden. "Das habe ich mir bei Papa abgeguckt", sagt Jule. Holger Aßmann ist Sportlehrer und trainiert mit seiner Tochter fünf bis sechs Mal die Woche, jeweils eine Stunde. Manchmal muss er sie bremsen, mehr als einen Marathon pro Jahr soll sie zukünftig nicht laufen. "Das wichtigste ist, dass sie nicht den Spaß verliert."

Betreut wird Jule mittlerweile von der renommierten Sporthochschule Köln, zweimal im Jahr lässt sie sich dort medizinisch untersuchen. Aber die Kölner Experten haben auch ein wissenschaftliches Interesse: Was macht Jule zu diesem Ausnahmetalent? Mit Hightech ist ihr Laufstil untersucht worden. Setzt Jule ihr Bein beim Laufen nach vorne, ist die Schwungphase um das Knie herum um die Hälfte kleiner als bei manchem Marathonläufer - ein sehr effizienter Einsatz der Beinmuskulatur.

Professor Gert Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie bewundert diese Technik: "Sie hat einen äußerst ökonomischen Bewegungsablauf, dadurch spart sie Kräfte und kann sich schneller fortbewegen." Jule meint: "Ich mache das ganz automatisch, ich achte gar nicht bewusst auf einen bestimmten Laufstil." Außerdem haben die Untersuchungen gezeigt, dass bei Jule erst ab einem Tempo von 14,5 Stundenkilometern ihre Muskeln übersäuern. Und ihr Herz ist um 50 Prozent leistungsfähiger als bei anderen Kindern ihrer Konstitution.

"National und international gibt es nicht viele Mädchen, die so laufen können wie Jule", sagt Professor Joachim Mester von der Sporthochschule Köln. Davon konnten sich vergangenen Sonntag auch die viel älteren Konkurrenten beim Marathon in Wien überzeugen. Jule, Jahrgang 1993, wurde kurzerhand zur Altersklasse der Geburtsjahre 1977 bis 1988 gezählt - sie rannte trotzdem (fast) allen davon. In dieser Gruppe kam sie mit der Zeit von 3 Stunden und 10 Minuten auf den 7. Platz von 116 Starterinnen. Im Gesamtklassement belegte sie Platz 521 - bei 5549 gestarteten Männern und Frauen.

"Das ist ein toller Geburtstag“, sagte Jule im Ziel. „Schade nur, dass Papa nicht mitgehalten hat." Der Sportlehrer war bei Kilometer 30 ausgestiegen – das Tempo seiner flinken Tochter war zu hoch für ihn.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker