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Dopingfahnder Travis Tygart: Ein Mann. Eine Mission.

Er brachte Lance Armstrong zu Fall. Doch das reicht Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur, noch lange nicht: Er will die Hintermänner fassen und er kämpft für eine neue Moral im Profisport.

Von Alexandra Kraft, New York

Travis Tygart betritt einen Raum nicht. Er rauscht hinein. Die rechte Hand ausgestreckt, in der linken sein Telefon. "Wie geht es Ihnen heute?", redet er sofort drauf los. Und schraubt Sekunden später schon an der kleinen Wasserflasche auf dem Tisch herum. Nebenbei lässt er sich in den schwarzen Lederstuhl plumpsen und ruft seiner Mitarbeiterin noch Anweisungen zu. Dann fokussiert er mit seinen beinahe schwarzen Augen seinen Gegenüber. Travis Tygart ist niemand, der Zeit verlieren will.

Vermutlich muss man in seinem Job so rastlos sein. Der Erfolg gibt Tygart recht. Er ist der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur und sorgte mit seinen jahrelangen Ermittlungen dafür, dass Radstar Lance Armstrong erst jahrelanges systematisches Doping gestehen und dann alle seine sieben Tour de France Titel abgeben musste. Bis es soweit war, wurde Tygart von aufgebrachten Fans mehrmals mit dem Tode bedroht, musste sich von Politikern fragen lassen, warum er nicht endlich aufhört und wurde von vielen belächelt, weil er sich in den Fall verrannt habe. Trotzdem machte er weiter. Trieb sein Team an. Und schrieb am Ende Sportgeschichte.

Jetzt sitzt er am Konferenztisch in der USADA Zentrale in Colorado Springs. Einer Stadt in der staubigen Mitte der USA, die geprägt ist von einer Air-Force Akademie. Hier gehören Werte wie Pflichtbewusstsein, Anstand und Glauben zur Grundausstattung der Menschen. Für Tygart, der aus Florida kommt, der perfekte Ort.

In dem großen Raum riecht es nach Möbelpolitur und Staub. Alle paar Minuten quietscht nebenan eine Tür. Tygart antwortet sehr schnell. Er denkt nur selten für einen Moment nach, Versprecher leistet er sich keine. Aber auch keine Zufriedenheit. Über den Fall Armstrong, der ihn berühmt gemacht hat, spricht er nur ungern. "Wissen Sie, sein Geständnis war ein winziger Schritt", sagt er. "Es gibt noch so viele andere Fälle, um die wir uns kümmern müssen." So redet ein Getriebener.

Tygart hat eine Mission. "Ich will die Moral im Profisport ändern", sagt er. "Ich will, dass Sportler tun können, was ihre Aufgabe ist. Fair und ohne Hilfsmittel." In solchen Momenten wirkt der ehemalige Philosophie-Student wie ein hoffnungsloser Träumer. Aber das ist die beste Qualifikation für seinen Job.

Tygart glaubt an das Gute im Sportler

Jeder andere hätte längst hingeschmissen, wäre an den ausgebufften und skrupellosen Dopern in der Sportwelt verzweifelt. Tygart dagegen sitzt lächelnd in seinem schwarzen Ledersessel und sagt: "Der Fall Armstrong sendet ein starkes Signal. Alle Athleten wissen jetzt: Wir kriegen euch. Es kann Jahre dauern, aber am Ende erwischen wir jeden. Ich bin überzeugt, dass jetzt mehr Athleten zu uns kommen und ihre Verwicklung gestehen werden." Denn, Tygart glaubt an das Gute im Sportler: "Die meisten wollen keine Betrüger sein und nicht auf ewig mit der Schuld leben. Nicht jeder schafft es, seine Familie und Freunde auf ewig anzulügen."

Sein Kronzeuge dafür ist Floyd Landis. Der amerikanische Radfahrer war wenige Tage nach seinem Sieg bei der Tour de France 2006 des Dopings überführt worden – und sagte Jahre später umfangreich vor der USADA aus.

Tygart ist nicht naiv. Er weiß, dass er einen langen Atem brauchen wird. "Aber ich glaube, dass sich unsere Arbeit auf Nachwuchsathleten auswirkt. Sie wachsen mit einem an-deren Bewusstsein heran: Für sie ist es nicht mehr logisch zu dopen, weil es alle tun", so Tygart. Die größte Stärke des USADA-Chefs ist seine Kompromisslosigkeit. Auch wenn Armstrong Doping gestanden, seine Titel verloren hat und gesperrt wurde, ist er noch nicht fertig mit ihm. "Wir ermitteln weiter", sagt Tygart. "Ich habe das gesamte Material gesehen und weiß, dass er lange nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Ich will ihn unter Eid befragen, damit er endlich mit allem rausrückt."

Sein nächstes Ziel: die Hintermänner fassen

Tygart, der selbst mal als Basketballer sehr erfolgreich war, ist von einem großen Ehrgeiz getrieben. Zufrieden ist er nicht. Jetzt will er die Hintermänner fassen, dass Armstrong ihm erzählt, wer ihm geholfen hat. Und wie die Netzwerke funktionieren. Sagt Armstrong unter Eid aus und lügt, muss er ins Gefängnis. Weil Armstrong aber alles andere als vor einem Gericht aussagen will, kann Tygart ihn öffentlich immer wieder hart attackieren. Verklagt der ehemalige Superstar Tygart für seine Anschuldigungen, muss er vor einen Richter treten. Und der USADA-Chef hätte sein Ziel erreicht. Eine feine Taktik.

Aber der schmale Mann mit dem grau melierten Haar kann auch grob werden. Geht es um den internationalen Radsport-Verband UCI, redet er sich richtig in Rage. "Was haben sie der Welt nicht alles versprochen", schimpft er los. "Jetzt versuchen sie Mauern um den Radsport zu bauen." Denn: "Die UCI will nicht, dass die Wahrheit an den Tag kommt, denn dann würde jeder sehen, wie stark sie beteiligt waren an dem Betrug im Radsport. Deswegen haben sie sich entschieden, zu vertuschen, statt aufzuklären." Ein Neuanfang für den Radsport sei so nicht möglich. Es gäbe noch immer zu viele Schlupflöcher. "So stehen alle Radler unter Generalverdacht, selbst wenn sie sauber sind", so Tygarts bitteres Urteil.

International sieht Hygart erheblichen Nachholbedarf

Hinter Tygarts Rücken prangt an der Wand das Logo "True Sport", was so viel heißt wie "Ehrlicher Sport". Wie weit man davon derzeit entfernt ist, weiß Tygart so gut wie kaum ein anderer. Auch in Sportarten wie Schwimmen und Leichtathletik, so glaubt Tygart, werde gedopt. Schließlich seien überall ehrgeizige Menschen am Werk. Und wenn es ums Gewinnen ginge, eben oft auch zu allem bereit.

Ein Kampf gegen Windmühlen, so wirkt Tygarts Arbeit, je länger man sich mit ihm unterhält. Nein, sagt er. Und beginnt mit Begeisterung zu erzählen, wie sehr er darauf hoffe, dass es bald einen Test gäbe, der nachweist, dass ein Sportler sauber sei. Minutenlang berichtet er davon. Da ist er wieder der scheinbar hoffnungslose Träumer. Dann besinnt er sich, kommt zurück in seine Rolle als USADA-Chef und sagt: "Ich hoffe, wir bekommen den Test solange ich lebe." Tygart ist Anfang 40.

International sieht Tygart noch erheblichen Nachholbedarf im Kampf gegen Doping. So gäbe es viele Länder wie Jamaika, China oder Afrika aus denen Topsportler kämen, die zu wenig kontrolliert würden. Es geht ihm aber nicht darum, Athleten anzuklagen. Er versteht schärfere Kontrollen als eine Chance. "Die Sportler aus diesen Ländern haben es aber verdient, nachweisen zu können, dass sie sauber sind", sagt Tygart.

Um das zu erreichen, fordert Tygart für alle Anti-Doping-Agenturen weltweit mehr Geld. Da ist sie dann wieder die Rage, in die er sich manchmal redet. Aber das ist so bei einem, der von seiner Sache so sehr überzeugt ist, wie Tygart. So sieht er nicht nur sich, sondern immer auch das Große und Ganze. Dazu zählt auch Deutschland. Und hier über er schwere Kritik an den Strukturen. Für einen Vortrag im Sportausschuss des Bundestages hat er sich intensiv mit dem deutschen Sportsystem befasst. Und kommt zu dem ernüchternden Fazit, dass sich die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) zwar bemühe, aber kaum eine Chance auf Erfolg habe. Zu schlecht sei sie finanziell ausgestattet und zudem gäbe es in Deutschland zahlreiche Verbände, die selbst verantwortlich für die Dopingtests und die daraus folgenden Strafen seien.

"Ein Verband ist für die Vermarktung der Sportart und der Athleten zuständig, dass passt überhaupt nicht zu dem Bestreben, Sportler am Doping zu hindern. Das ist ein Konflikt von Interessen", sagt Tygart und fordert: "Deutschland braucht ein unabhängiges System." Dann lächelt er noch einmal freundlich, trinkt seine Plastikflasche Wasser leer – und rauscht davon.

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