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Doping im Leistungssport Lance Armstrongs letzte Getreue


Der Ex-Radprofi ist des systematischen Dopings überführt. Trotzdem glauben viele Amerikaner an seine Unschuld und verehren ihn. Armstrongs heftigster Widersacher erhält gar Morddrohungen.
Von Alexandra Kraft

Sieben Mal gewann er die Tour de France. Alle sieben Titel stehen vor der Aberkennung, weil Lance Armstrong skrupellos leistungssteigernde Medikamente schluckte. Es wäre eine der härtesten Strafe, die je ein Sportler wegen Doping getroffen hat, und eine Demütigung ohnegleichen. Trotzdem ist der Amerikaner immer noch ein gefeierter Superstar in seiner Heimat, der nach wie vor viele Unterstützer und Verehrer hat, die in Armstrong einen Helden sehen und an diesem Bild nicht rütteln wollen - und sogar vor bösen Drohungen nicht zurückschrecken.

Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, erhielt drei Todesdrohungen. In der französischen Sportzeitung "L'Equipe" fasste er die Situation zusammen: "Die amerikanische Öffentlichkeit ist in zwei Teile gespalten. Manche können mich einfach nicht leiden. Andere respektieren, dass ich keine andere Wahl hatte, als bei Armstrong wie in jedem anderen Fall zu handeln. Entweder wir beerdigen den Fall - oder wir machen unseren Job". Und machte deutlich, dass er sich nicht einschüchtern lässt: "Ich liebe meinen Job."

Lance Armstrong hatte angekündigt, er werde sich nicht mehr gegen die Anschuldigungen der Usada wehren, dass er bei seinen Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005 gedopt gewesen sei. Amstrong, der stets geleugnet hatte, leistungssteigernde Mittel eingenommen zu haben, sprach von einer "Vendetta", das italienische Wort für "Rache". Anfang des Jahres beschuldigte er einen Doping-Aufklärer des sexuellen Missverhaltens mit einem Studenten. ABC News berichtete, die Usada sei überzeugt, der Ex-Radprofi lasse sie von einem Privatagenten beobachten.

Bruyneel legt Widerspruch ein

Im Fall der Todesdrohungen ermittelt das FBI, außerdem wurden die Sicherheitsmaßnahmen am Hauptsitz der Usada in Colorado Springs verschärft. Travis Tygart bescheinigt Armstrong "ein trauriges Schicksal". Aber er werde eben wie "jeder andere Bürger behandelt". Der Doping-Ermittler betonte aber auch, dass ihm das Ergebnis leid täte. So bereite es ihm keine Freude, "Träume und Legenden zu zerstören". Doch seine Agentur müsse nun mal für "sauberen" Sport sorgen.

Ein Verteidiger Armstrongs ist sein langjähriger Vertrauter und Mentor Johann Bruyneel. Nachdem der Texaner aufgegeben hatte, legte der Belgier überraschend Widerspruch gegen die Usada-Entscheidung ein. Tygart sagt: "Ich weiß nicht, was Bruyneel sich erhofft, er hat alles zu verlieren. Armstrong könnte als Zeuge in diesem Fall gehört werden." Sollte es dazu kommen, muss Armstrong unter Eid aussagen. Dann, so Tygart, könnte es im Fall eines Meineides für Armstrong ernst werden.

Bei den Ermittlungen der Usada geht es längst nicht mehr nur um Armstrong. Ärzte und frühere Betreuer stehen unter Verdacht, an einem ausgebufften Dopingssystem beteiligt gewesen zu sein. So vermutet Tygart eine regelrechte Verschwörung beim amerikanischen Rad-Rennstall "US Postal" sowie dessen Nachfolger. Damit begründet er auch, dass das Urteil der Usada sich über die eigentlich geltende achtjährige Verjährungsfrist für Dopingvergehen hinwegsetzt. Tygart erklärt gegenüber der französischen Zeitung: "Die Frist ist ein Recht für die Verteidigung. Wenn wir aber beweisen können, dass ein Athlet, der betrogen hat, Zeugen beeinflussen kann, Beweise vertuscht oder unter Eid gelogen hat, dann gilt dieses Recht nicht."

"Newsweek" pro Armstrong

All die Enthüllungen haben das angesehene amerikanische Magazin "Newsweek" nicht davon abgehalten, mit dem Statement "Ich glaube Armstrong" auf dem Titel zu erscheinen. Es ist ein flammendes Plädoyer des Autors Buzz Bissinger für den Sportler. Trotz der erdrückenden Beweislage glaubt Bizzinger nicht an eine Schuld Armstrongs. Stattdessen ist er überzeugt, der Ex-Profi habe nur seinen Widerstand gegen die Usada aufgegeben, weil er mental und emotional zu stark angegriffen sei von den Ermittlungen. In einem Telefon-Interview habe ihm Armstrong gesagt: "Wir müssen damit aufhören. Für meine eigene Gesundheit. Für meine Familie. Für meine Stiftung. Und den Radsport. Der kann das nicht gebrauchen."

Für Bissinger ist Armstrong einer der letzten Helden der USA. Und schon deswegen müsse er auch einer bleiben. Das etliche Fakten gegen Armstrong sprechen, ist Bissinger schlichtweg egal. Vielmehr stellt er die Frage: "Und wenn er leistungssteigernde Mittel genommen hat, was soll's?" Seine Antwort: "Der Radsport ist verkommen. Wie jede Form des Profisports." Es gehe um Siegen um jeden Preis und mit allen Mitteln. Dazu gehöre eben bei der Tour de France Doping, so die schlichte Erklärung Bissingers.

Wohin gehen die Spendengelder?

Sorgen macht er sich nicht um Fairness im Sport, sondern um die Stiftung "Lifestrong", die Armstrong seit Jahren betreibt und die Geld für die Krebsforschung sammelt. So fürchtet er einen Einbruch bei den Spendengeldern und dem Verkauf der Merchandising-Produkte. Es war die Stiftung, die Armstrong in den USA zu einem ausgesprochen beliebten Sportler hat werden lassen - auch weil er es verstand, seinen Einsatz für gute Zwecke perfekt in Szene zu setzen.

Allerdings droht auch hier ein Image-Kratzer. Das amerikanische Magazin "Outside" meldete kürzlich, dass nur eine sehr kleine Summe der Spendengelder in die Forschung gehe. Die weit größere verbrauche "Lifestrong" für Werbung und PR für Armstrong. Offensichtlich funktioniert das. Auf der Internet-Seite www.lancesupport.org melden sich die unverbesserlichen Fans. Dort schreibt etwa eine Userin: "Wir lieben dich, Lance." Und Michael meint: "Die Siege gehören dir und keine Agentur dieser Welt kann deine Leistungen zerstören."


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