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Interview

Entzug: Wo die Promis ihre Süchte bekämpfen: So verläuft die Therapie in der Betty Ford Klinik

In der "My Way Betty Ford Klinik" in Bad Brückenau werden Abhängige seit 2006 behandelt. Gerüchten zufolge befindet sich derzeit Rad-Legende Jan Ullrich in der Privatklinik. Verwaltungsdirektor Sven Marquardt verrät dem stern, warum das Konzept so besonders ist. 

My Way Betty Ford Klinik

In der "My Way Betty Ford Klinik" in Bad Brückenau werden Suchtkranke behandelt - momentan soll sich Radsport-Legende Jan Ullrich in der Klinik befinden. 

Die ehemalige First Lady der Vereinigten Staaten, Betty Ford, gründete 1982 das "Betty Ford Center" für Suchtkranke in Rancho Mirage, Kalifornien. In Bad Brückenau, ganz in der Nähe von Frankfurt am Main, befindet sich die "My Way Betty Ford Klinik", wo Patienten nach dem amerikanischen Modell betreut werden. Diskretion wird hier groß geschrieben, weshalb die Betty-Ford-Kliniken besonders unter Prominenten beliebt sind. Auch Schauspielerin Jenny Elvers ließ sich dort behandeln. 

Derzeit soll sich Jan Ullrich in der Klinik befinden. Im Gespräch mit dem stern wollte Verwaltungsdirektor Sven Marquardt nicht bestätigen, dass Ullrich tatsächlich in Bad Brückenau in Behandlung ist. 

Herr Marquardt, was sind die ersten Schritte der Betty-Ford-Therapie? Worauf kommt es an?

Zu Beginn werden die Patienten körperlich untersucht, und auch in Abhängigkeit des Intoxikationszustandes der individuelle Therapieplan erstellt. Wenn die Patienten aktuell Drogen nehmen oder im alkoholisierten Zustand anreisen, findet eine Entgiftung statt. Im Anschluss daran, möglichst zeitnah, beginnt die therapeutische Behandlung. Dies ist ein ganz wichtiger Teil, der in der klassischen Behandlung meistens zu kurz kommt. Deswegen ist die intensive therapeutische Begleitung in unserer Klinik so wichtig.

Diese beginnt in der Regel vom zweiten Tag an. Dabei geht es im Sinne einer Analyse darum, die Gründe für die Erkrankung herauszuarbeiten. In der Regel gibt es multifaktorielle Gründe, warum ein Mensch alkohol-, medikamenten- oder drogenabhängig ist, beispielsweise eine affektive Störung wie eine Depression. Wenn jemand depressiv ist, trinkt er mit großer Wahrscheinlichkeit auch mehr Alkohol, was in eine Alkoholabhängigkeit führen kann. Wenn man dann aber die Alkoholabhängigkeit behandelt, die Depression jedoch nicht, ist eine Abstinenz nach einem Aufenthalt weniger wahrscheinlich.

Welche Gründe gibt es denn neben einer Depression?

Panik-Angststörungen, Burnout, Persönlichkeitsstörungen, traumatische Erlebnisse, all das sind Gründe für eine Abhängigkeitserkrankung und es gibt noch weitere. Die Gründe werden im Rahmen der Einzeltherapie behandelt.

Wie lange dauert die Therapie in der Betty Ford Klinik?

Der Regelaufenthalt bei uns beträgt vier Wochen, insbesondere bei einer Alkoholabhängigkeit. Wenn eine schwere Grunderkrankung vorliegt – beispielsweise eine besonders schwere Depression – oder bei bestimmten Medikamenten- oder Drogenabhängigkeiten, ist ein längerer Aufenthalt von vornherein indiziert.

Wie lange dauert die Entgiftung?

Das kommt immer auf den Stoff an, den der Patient konsumiert. Eine körperliche Alkoholentgiftung kann bis zu neun Tagen dauern – danach ist ein körperliches Entzugssyndrom in der Regel nicht mehr vorhanden. Doch weitere Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen, Tremor, etc. können trotzdem bis zu zwei, drei Wochen andauern. Bei Medikamenten wie Benzodiazepinen (z.B. Schlaf- und Beruhigungsmittel, Anm. d. Red.) oder bestimmten Drogen wie Heroin dauert der körperliche Entzug sehr viel länger, während Cannabis- oder Kokainabhängige vor allem gegen die psychische Abhängigkeit kämpfen müssen, was eine intensive Therapie bedingt.

Wie weit in die Vergangenheit gehen Therapeut und Patient in der Einzeltherapie?

Für eine Abhängigkeitserkrankung kann es viele Ursachen geben. Die können schon in der Kindheit liegen. Darauf muss man auf jeden Fall eingehen. Bei vielen Patienten werden schon in der Kindheit Grundlagen geschaffen, die sich später im Leben und im Verhalten niederschlagen. Aber auch das wird individuell herausgearbeitet.

Inwieweit werden die Patienten in der Betty Ford Klinik von der Außenwelt isoliert?

Die Patienten sind freiwillig bei uns. Es gibt bei uns keine geschlossene Abteilung. Und das ist auch wichtig, denn wenn die Abhängigen sich selbst für einen Entzug entscheiden, ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Therapie am größten.

Der Standort in Bad Brückenau ist bewusst gewählt. Dort gibt es die notwendige Ruhe vom Alltag und man kann in einer wunderschönen Umgebung zu sich selbst kommen. Und da sich die Patienten freiwillig behandeln lassen, dürfen sie – nach ärztlichem Dafürhalten – auch die Klinik verlassen und Besuch empfangen. Trotzdem raten wir stets, in den ersten Tagen ein wenig Ruhe einkehren zu lassen. Das kann nur sehr individuell gehandhabt werden.

Werden die Angehörigen aktiv in die Therapie mit einbezogen?

Wir haben Familien- und Paargespräche. Die finden in der Regel in der dritten Woche statt und geschehen auf Wunsch der Patienten. Es ist sehr wichtig, dass die Angehörigen mit einbezogen werden. Wir bieten in diesem Zuge auch Angehörigenseminare an.

Viele Leistungssportler rutschen nach ihrer Karriere ab. Gibt es da ein erkennbares Muster?

Es kann Leistungssportler genauso treffen wie jeden anderen Menschen. Da gibt es sehr individuelle Gründe, die im Einzelnen herauszuarbeiten sind. Das kann man nicht pauschalisieren.

Was ist das Besondere an der Betty Ford Klinik?

Die sehr intensive Therapie und Betreuung unserer Patienten. Bei einer klassischen Therapie, die von den Krankenkassen übernommen wird, findet zuerst eine Entgiftung im Krankenhaus statt. Anschließend kommt der Patient in eine Reha-Klinik für Suchterkrankte. Dazwischen gibt es eine Wartezeit von drei bis vier Wochen, in der die Abhängigen häufig rückfällig werden. In den normalen Suchtkliniken finden deutlich weniger oder gar keine Einzeltherapien statt, sodass die Gründe für die Sucht oft nicht ausreichend behandelt werden können. Anschlussbehandlungen, wie die ambulanten Therapien, die sich bei uns direkt an den stationären Aufenthalt anschließen, werden nur unzureichend oder nicht vermittelt.

Was ist die größte Gefahr nach Abschluss der Therapie?

Die größte Gefahr ist ein Rückfall. Darauf werden die Patienten in der Rückfallprävention verstärkt vorbereitet. Die Lebensumstände des Abhängigen spielen dabei eine große Rolle. Deshalb wird besprochen, inwiefern der Patient seinen Alltag zukünftig umgestalten muss. Manche Patienten sind sozial isoliert. Arbeitskollegen und Freunde haben sich vielleicht abgewandt, wollen aufgrund der Sucht nichts mehr mit dem Menschen zu tun haben. All das sind Verhältnisse, die geklärt werden müssen. Wenn sie nicht geklärt werden, erschwert das eine langfristige Abstinenz.

Kann man pauschal sagen, wie viele Patienten nach dem Entzug abstinent bleiben?

Zahlen zu Rückfallquoten sollte man kritisch betrachten. Bei uns wird die Frage nach Rückfälligkeit ein Jahr nach dem Aufenthalt erhoben. Jedoch kann man nicht sicherstellen, ob ein Patient auch die Wahrheit sagt. Grundsätzlich kann man aus den Quoten jedoch ableiten, dass Patienten unserer Klinik dank der intensiven Einzeltherapie seltener rückfällig sind als die anderer Kliniken.

Wenn Sie mehr Informationen zu der Einrichtung und ihrer Behandlungsweise erfahren möchten, können Sie dies über die Website der Klinik tun. 

Jan Ullrich