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Dopingskandal um Isabell Werth: Trabende Apotheken

Der positive Doping-Test von Isabell Werths Pferd schlägt weiter hohe Wellen. Deutschlands geständige Vorzeigereiterin ist nach eigenen Angaben "am Boden zerstört". Der Tierschutzbund zeigt sich unterdessen "entsetzt". Ein Pharmakologie-Professor bezeichnet Werths Erklärungen als "sehr seltsam".

Isabell Werth ist voll geständig, bleibt aber gesperrt und muss heftige Kritik einstecken. Die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt verzichtete nach dem positiven Doping-Test ihres Pferdes Whisper am Donnerstag auf einen Protest gegen die vorläufige Suspendierung und verlangte auch keine Öffnung der B-Probe. Der Tierschutzbund zeigte sich unterdessen "entsetzt", der Pharmakologie-Professor Manfred Kietzmann bezeichnete Werths erste Erklärungen als "sehr seltsam". Bei der Anhörung vor dem Tribunal des Weltverbandes FEI gab Werth alles zu und zog alle Protestanträge zurück. "Ich war reuig und geständig", sagte Werth. "Es ist ein Riesenfehler passiert, das kann man nicht schönreden. Ich muss das jetzt durchstehen."

Ihr Anwalt Ulf Walz sagte: "Ihr Tierarzt hat einen kapitalen Fehler gemacht", aber Werth müsse als Reiterin die Verantwortung dafür übernehmen. Bei Werths Pferd Whisper war Fluphenazin gefunden worden. Das Psychopharmakon ist für Pferde nicht zugelassen und steht auf der Dopingliste des Weltverbandes FEI. Werth erklärte, dass sie von der genauen Wirkungsweise keine genaue Kenntnis gehabt habe: "Ich habe mich auf den Tierarzt verlassen." Sie arbeitet seit zehn Jahren mit dem Schweizer Veterinär Hans Stihl zusammen. Ob sie die Zusammenarbeit nun beendet? "Ich gehöre nicht zu denen, die noch auf jemanden treten, der am Boden liegt."

Substanz auf der Dopingliste

Durch den Verzicht auf Öffnung der B-Probe setzt Werths Anwalt darauf, dass das Hauptverfahren vielleicht schon in der kommenden Woche eröffnet wird. "Die Frau ist am Boden zerstört", berichtete Walz, der schon mehrfach deutsche Reiter in Doping-Verfahren vertreten hat.

Die 39-Jährige aus Rheinberg gab zu: "Ich bin am Boden zerstört." Ihr droht eine Strafe von bis zu zwei Jahren. Aber auch bei einer geringeren Sperre ist ein Start bei den Olympischen Spielen in London praktisch ausgeschlossen, weil verurteilte Doping-Sünder vom DOSB nicht nominiert werden.

Werth hatte erklärt, dass ihr Tierarzt Stihl das Pferd wegen der sogenannten Zitterkrankheit mit dem Medikament Modecate behandelt habe, das den Wirkstoff Fluphenazin enthalte. Die Substanz ist allerdings für Pferde nicht zugelassen und steht auf der Dopingliste.

Der Tierschutzbund hält die Aussagen über die Zitterkrankheit für "vorgeschoben" und auch der Pharmakologe Kietzmann hält ihre Erklärungen für unglaubwürdig. Der Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover sagte, dass es sich um ein Präparat mit sogenanntem Depot-Effekt handle. Die Wirkung halte dadurch länger an. Zu dieser Erkenntnis scheint Werth inzwischen auch gekommen zu sein.

Reiterliche Vereinigung sieht sich bestätigt

Die fünfmalige Olympiasiegerin hatte erklärt, dass sie die Entscheidung zum Einsatz des Medikaments "nach bestem Wissen und Gewissen getroffen" habe. "Ich bedaure den Vorfall zutiefst, war aber der Überzeugung, korrekt gehandelt zu haben." Der Schweizer Stihl ist in der deutschen Pferdesport-Szene bekannt. Er hatte unter anderem das Pferd Rusty von Ulla Salzgeber behandelt, die 2003 wegen Dopings ihren Weltcup-Sieg aberkannt bekam und für zwei Monate gesperrt wurde. Stihl habe bei Rusty ohne ihr Wissen das Präparat Testosteron-Proprionat wegen einer Hauterkrankung eingesetzt, hatte die Reiterin damals erklärt.

Der Deutsche Tierschutzbund sieht den Pferdesport inzwischen auf "einer traurigen Doping-Augenhöhe mit der Tour de France". Tierschutz-Präsident Wolfgang Apel sagte: "Doping ist nicht nur Betrug an Konkurrenten und am Publikum, sondern ein eklatanter, tierschutzrelevanter Missbrauch der Pferde." Für ihn sei durch die jüngsten Vorfälle klar, dass der Medaillenehrgeiz für die Spitzensportler "offenbar wichtiger als das Tierwohl" sei.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) sieht sich durch die positive Probe bei Werths Pferd in ihrem Kampf gegen Doping bestätigt. "Das System greift", sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. "Ohne die zusätzlichen Proben hätte es diesen Fall nicht gegeben", erklärte er. Der Verband hatte in Absprache mit Turnierveranstaltern die Zahl der Kontrollen nach dem Dopingfall des Springreiters Christian Ahlmann bei den Olympischen Spielen erhöht. Lauterbach hofft, "dass das abschreckend wirkt".

DPA/kbe

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