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Dopingsperren: Deutscher Sport in der Sinnkrise

Mit Claudia Pechstein und Isabell Werth wurden innerhalb weniger Tage zwei der erfolgreichsten Sportlerinnen Deutschlands gesperrt. Politiker sprechen von einer Bedrohungslage für den Sport. Dagegen will der Sportbund trotz der jüngsten Skandalnachrichten nichts von einem größeren Imageschaden wissen.

Erst die fünfmalige Olympiasiegerin Isabell Werth, dann die fünfmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein: Innerhalb von nur zehn Tagen hat der tiefe Fall der beiden Ikonen den deutschen Sport in eine folgenschwere Sinn-Krise gestürzt. Von einem größeren Imageschaden will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) trotz dieser jüngsten Skandalnachrichten nichts wissen. Der Dopingfall der Dressurreiterin und die Probleme der Eisschnellläuferin seien doch gar nicht miteinander vergleichbar, erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach am Rande des Chio in Aachen, sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. "Das weiß die Öffentlichkeit zu unterscheiden", führte der DOSB-Chef aus.

Bayerns Justizministerin Beate Merk sieht das ganz anders und sprach am Rande der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm sogar von "einer Bedrohungslage für den Sport". Die 51-jährige CSU- Politikerin erneuerte ihre Forderung, Doping als Sportbetrug und damit als Straftatbestand anzusehen. Auch die Nationale Anti-Doping- Agentur Nada ordnet den Fall Pechstein komplett anders als der DOSB ein. "Der neue Wada-Code ermöglicht die Sperre nach solchen Indizien", sagte Nada-Vorstand Armin Baumert der Deutschen Presse Agentur dpa. Mitleid sei "unangebracht. Es gibt bei mir keine Träne."

Warnung vor Vorverurteilung

Bach warnte dagegen vor einer Vorverurteilung. "Bei Pechstein gilt die Unschuldsvermutung", sagte der Jurist aus Tauberbischofsheim zur Suspendierung der erfolgreichsten deutsche Winterolympionikin, die - selbst ohne positiven Dopingtest - wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt ist, "das ist nicht vergleichbar mit einer positiven Probe." Bei der Dressurreiterin Werth liegt ein positiver Test ihres Pferdes Whisper vor. Die Reiterin ist bis zur Eröffnung des Hauptverfahrens vorläufig für Wettkämpfe suspendiert. Ihr droht eine Sperre von bis zu zwei Jahren.

Der DOSB stellt sich erstaunlich deutlich hinter Pechstein, die als erste Sportlerin der Welt nur aufgrund von Indizien wegen Blutdopings gesperrt wurde. "Es gibt Erklärungsbedarf", sagte Bach und baut auf den Internationalen Sportgerichtshof (CAS), "ich hoffe auf zügige Aufklärung durch den CAS." Auch Pechstein setzt nun ihre Hoffnungen in den CAS, der nach ihrer Auffassung ihre Unschuld beweisen soll.

Der Fall Werth ist tatsächlich von der Rechtslage her eindeutiger. Bei dem Wallach Whisper, den Werth beim Pfingstturnier in Wiesbaden geritten hatte, war die Substanz Fluphenazin gefunden worden. Das Psychopharmakon ist für Pferde gar nicht zugelassen und steht auf der Dopingliste der Internationalen Reiterlichen Vereinigung FEI. Werth hatte nichts geleugnet und ist derzeit nur vorläufig gesperrt. Die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt hatte nach ihrer ersten Anhörung durch die FEI gesagt: "Ich war reuig und geständig. Es ist ein Riesenfehler passiert, das kann man nicht schönreden." Sie hatte erklärt, dass ihr Tierarzt Hans Stihl das Pferd wegen der sogenannten Zitterkrankheit mit dem Medikament Modecate behandelt habe, das den Wirkstoff Fluphenazin enthalte.

DPA/Michael Rossmann und Frank Thomas / DPA

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