Federer verliert US-Open-Finale Von magischen Blitzen zermürbt


Der krasse Außenseiter Juan Martin del Potro hat den Seriensieger Roger Federer in einem hochklassigen US-Open-Finale geschlagen. Nach dem ersten Grand-Slam-Sieg seiner Karriere wurde der 20-jährige Argentinier von seinen Emotionen überwältigt. Von Marius Koch

Roger Federers Rückhand wurde lang und länger - und landete schließlich gut 20 Zentimeter hinter der Grundlinie. In diesem Moment brach ein 1,98 Meter großer Schlaks auf dem Center Court zusammen, konnte sein Glück kaum fassen und streckte alle Viere von sich. Es war der Moment, in dem der erst 20-jährige Argentinier Juan Martin del Potro den großen Roger Federer von seinem New Yorker Thron bei den US Open gestoßen hatte, auf dem dieser fünf Jahre in Folge Platz genommen hatte. 3:6, 7:6 (7:5), 4:6, 7:6 (7:4) und 6:2 gewann del Potro die knapp vierstündige, teilweise hochklassige Tennis-Schlacht. Ab sofort wird der junge Gaucho auf Weltranglistenplatz fünf notiert.

Zunächst hatte alles nach einer klaren Angelegenheit für Roger Federer ausgesehen - den Triumphator vom Dienst, 15-maligen Grand-Slam-Sieger und haushohen Favoriten. Fünf Mal in Folge hatte der Schweizer die US Open gewonnen. Das entspricht einer Serie von 40 siegreichen Matches in Folge. Der Champion startete standesgemäß und entschied den ersten Satz mit 6:3 für sich. Erst im Laufe des zweiten Durchgangs legte del Potro, der vorher in sechs Vergleichen nie gegen Federer gewinnen konnte, seine Nervosität ab, wurde immer sicherer und selbstbewusster. Er vermied leichtfertige Fehler und punktete vor allem mit seiner überragenden Vorhand. Traf er den Schlag voll, zuckten seine Schläge wie Blitze in Roger Federers Feld. Selbst für die Zuschauer waren del Potros Geschosse aufgrund ihrer Geschwindigkeit mitunter kaum zu verfolgen, geschweige denn für Federer zu returnieren.

Obwohl del Potro auch den dritten Durchgang dominierte, ging der Satz mit 6:4 an Federer. Der Weltranglistenerste nutzte seine Chancen eiskalt aus, und es schien in dieser Phase fast so, als würde sich del Potro selbst um den Lohn seiner Arbeit bringen. Doch der Argentinier bekam die Kurve, ließ sich von nun an nicht mehr von seiner Linie bringen und befeuerte Federer weiter mit knallharten Schlägen. Es hatte sich ein Spiel auf Augenhöhe und Weltklasse-Niveau entwickelt, und del Potro war längst vom Außenseiter zum ebenbürtigen Kontrahenten geworden. Wieder musste im vierten Satz der Tiebreak entscheiden, del Potro nutzte seine Chance, und es kam zum finalen fünften Durchgang. Die 24.000 Fans im ausverkauften Arthur-Ashe-Stadion waren aus dem Häuschen.

Del Potro: "Muss mich noch verbessern"

Im entscheidenden Satz war dann Roger Federers Widerstand gebrochen, zermürbt von den kraftvollen Vorhand-Gewinnschlägen seines jungen Gegners. Beim Stand von 5:2 nutzte del Potro seinen dritten Matchball und schickte sich und seine über die gesamte Partie lautstark feiernden Anhänger in die Glückseligkeit. Der Sieg wird del Potro mit 1,85 Millionen Dollar Preisgeld versüßt.

Für Roger Federer, der in New York sein insgesamt 21. Grand-Slam-Finale spielte, geht mit diesen US Open die vielleicht wichtigste Saison seiner Karriere zu Ende. Lange drohten die 14 Grand-Slam-Titel von Pete Sampras für ihn zum Albtraum zu werden. Dann schloss er bei den French Open in Paris zu dem Amerikaner auf, ausgerechnet bei jenem Turnier, das er zuvor noch nie für sich entscheiden konnte. In Wimbledon wurde Federer schließlich mit seinem 15. Major-Erfolg zum besten Tennisspieler aller Zeiten. Ein Triumph, der Federer sicherlich über die Niederlage gegen del Potro hinwegtrösten wird. Der Schweizer hat die Machtverhältnisse in der Tenniswelt in diesem Jahr wieder zurechtgerückt, auch wenn es inzwischen immer mehr Spieler gibt, die sich mit ihm auf Augenhöhe befinden. Dazu gehört nun auch Manuel del Potro.

"Das ist mein größter Traum, aber um so zu werden wie Roger, muss ich mich noch verbessern", sagte del Potro bei der Siegerehrung und huldigte brav dem immer noch Größten seiner Zunft. Als er anschließend das Wort auf Spanisch an seine Fans richtete, brach dem jungen Mann endgültig die Stimme, und Tränen der Rührung liefen ihm übers Gesicht. Es war der Abschluss eines magischen Tennisabends. Gleich in seinem ersten Grand-Slam-Finale gelang Juan Manuel del Potro sein erster Sieg. In dieser Verfassung wird es bestimmt nicht sein letzter gewesen sein.


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