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GESPERRT Michael Schumacher: "Ich habe mich in mein neues Leben verliebt"

Nach sieben WM-Titeln beendete er 2006 seine Karriere in der Formel 1. Nun erzählt Michael Schumacher erstmals über seinen Alltag als Privatier - ein Gespräch über sanfte Stürze vom Motorrad und das große Glück der Freiheit.

Michael Schumacher, nach Ihrem letzten Formel-1-Rennen 2006 haben Sie gesagt: Wenn ich mich als Rentner total langweilen sollte, mach ich vielleicht den Stallburschen für Corinna. Und? Striegeln Sie schon mal die Pferde?

Meine Frau liebt Reining …

…die Dressur-Disziplin des Westernreitens...

…und wenn sie zu Turnieren fährt, steuere ich ab und zu den Truck. Aber dass ich mit der Mistgabel im Stall stehe, das hat sich bisher nicht ergeben.

Sind Sie wirklich nie in ein Loch gefallen? 16 Jahre lang hat der Rennkalender jeden Tag Ihres Lebens bestimmt, und auf einmal ist Zeit im Überfluss da.

Dass mein Leben nicht mehr so intensiv sein kann wie früher, das war mir bewusst. Ich kann nicht so schnell etwas finden, das so extrem ist wie die Formel 1. Muss ich aber auch nicht. Bei mir läuft die Umstellung recht reibungslos, da gibt es keine Phasen, in denen ich groß grübele. Ich habe auch gehört, dass der eine oder andere Sportler nach der Karriere in eine Krise geraten ist, aber da habe ich zum Glück keine Probleme. Bloß das Entspannen musste ich lernen. Manchmal, wenn ich in den ersten Monaten auf dem Sofa lag, war ich von mir selbst überrascht: Was? Du liegst hier faul rum? Du? Heute sage ich mir in solchen Momenten: Beinehochlegen ist in Ordnung, das hast du dir auch mal verdient.

Welche Pflichten haben Sie heute überhaupt noch?

Einige. Ich habe einen Beraterjob bei Ferrari, ich bin für meine Sponsoren und diverse Organisationen aktiv. Da läuft vieles außerhalb der großen Öffentlichkeit. Aber dann sind da eben jetzt auch Hobbys. Und das Wichtigste für mich: die Familie. Ich versuche alles so zu organisieren, dass wir möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen. Im letzten Urlaub waren wir alle zusammen tauchen, und wir haben sogar einen Walhai gesehen. Solche Momente zu erleben ist einfach wunderbar.

Sind das die Momente, nach denen Sie sich als Rennfahrer einst gesehnt haben? Oder hatten Sie sich Ihre neue Freiheit anders ausgemalt?

Nein, ich kann wirklich sagen, dass ich jetzt ein erfülltes Leben habe. Ich habe mich in mein neues Leben verliebt, das ist so eine Freiheit, wie ich sie immer haben wollte. Da ist auch nichts zurückgeblieben, keine heimlichen Gedanken an ein Comeback in der Formel 1. Ich mache ja manchmal noch Testfahrten für Ferrari, und es ist immer noch ein großartiges Gefühl, im Cockpit zu sitzen. Ich kann das jetzt in vollen Zügen genießen, denn ich weiß: Dieses Kapitel als Formel-1-Pilot war toll, aber es ist Geschichte, und es war eine richtige Entscheidung aufzuhören. Ich bin mit mir im Reinen.

Bei den Tests, so hört man, fahren Sie noch immer Spitzenzeiten. Gerade so, als könnten Sie um die WM mitfahren …

… stopp, Irrtum. In diesem Sport muss man das ganze Jahr über alles geben, um vorn dabei zu sein. Diese Energie habe ich nicht mehr. Und halbe Sachen habe ich noch nie gemacht, das ist nun mal mein Charakter. Aber klar, es ist schon schön zu spüren, dass ich noch könnte, wenn ich richtig wollte. Trotzdem: keine Rückfallgefahr!

Fehlt Ihnen als Formel-1-Rentner nicht das Adrenalin? Dieser Kitzel, an die Grenzen zu gehen und darüber hinaus - fahren Sie deswegen jetzt Motorradrennen?

Es ist nicht notwendig, ständig an die Limits zu gehen oder Resultate vorweisen zu müssen, das habe ich lange genug getan. Früher habe ich funktioniert, heute will ich mal für eine Weile meinen Spaß haben. Das kann ich auch mit Platz 20 oder so. Ich weiß, dass ich auf dem Motorrad keinen WM-Titel mehr holen werde. Muss ich auch nicht. Es sind die Empfindungen, auf die es ankommt.

Auf viele Ihrer Fans wirken Sie aber, als seien Sie extrem ehrgeizig. Sie geben ja gern Vollgas und sind schon einige Male gestürzt, zum Beispiel auf dem Lausitzring, als Ihnen in einer Kurve Ihre Honda Fireblade ausgebrochen ist.

Ach, das sieht immer dramatischer aus, als es tatsächlich ist. Wenn ich eine extreme Kurvenneigung habe und dann wegrutsche, bin ich nah am Boden. Also kann ich nicht tief fallen, und dank der Lederkombi und der Protektoren merke ich fast überhaupt nichts. So ein Sturz fühlt sich an, als würde man auf einer Wasserrutsche einen Berg hinuntergleiten. Ich habe mir bis heute noch nicht mal einen Kratzer geholt. Ich will das nicht verharmlosen, aber ich will sagen, dass man die Dinge vernünftig angehen muss und kann. Und das tue ich. Ich achte stark auf die Sicherheit, ich würde zum Beispiel nicht auf Strecken fahren, wo mir die Sturzzonen nicht groß genug sind.

Sieht Ihre Frau das auch so locker? Sie sind schließlich zweifacher Familienvater.

Corinna ist ganz cool damit. Sie fährt selbst eine Harley, sie weiß, wovon ich rede, und sie weiß, wie ich die Dinge angehe. Corinna würde es natürlich lieber sehen, wenn ich auf einem Pferderücken säße, aber da tu ich mich noch ein bisschen schwer. Ich brauche einfach irgendwas, an dem ich rumschrauben kann. Das ist bei Pferden eher schwierig ...

Kritiker sagen, der siebenfache Formel-1- Weltmeister Schumacher zerstört mit Unfällen und mittelmäßigen Platzierungen sein Image. Der ist nicht mehr der Superprofi von früher.

Bitte, kein Problem, jeder darf denken, was er will. Ich mache das auch nicht als Profi, sondern zum Privatvergnügen, mit meiner eigenen Maschine. Ich habe auf dem Motorrad keine Ziele - außer dem, für mich selbst glücklich zu sein. Ich nehme mir heute die Freiheit, das zu machen, was ich möchte. Egal, was andere sagen. Früher habe ich oft Druck verspürt, mich anzupassen, da war es mir wichtig, es anderen recht zu machen. Das ist vorbei.

Was gibt Ihnen das Motorradfahren?

Unabhängig vom reinen Fahrgefühl, das fantastisch ist: Ich liebe es, nach dem Rennen mit den Jungs zusammenzustehen, ein Bier zu trinken, eine Zigarre zu rauchen und ein bisschen zu fachsimpeln. Für die Jungs bin ich nicht der Formel-1-Weltmeister, sondern der Michael. Einer unter vielen. Ein bisschen ist die Atmosphäre so wie früher, als wir in Kerpen an unseren Karts gebastelt haben - wobei es bei den Rennen selbst natürlich sehr ernsthaft abläuft. Das Team, das mir seine Infrastruktur zur Verfügung stellt, führt nicht zufällig die Superbike-Meisterschaft an. Aber ich liebe einfach den Duft der Garage.

Riechen Sie den auch bei Ferrari? Was machen Sie da eigentlich als Berater?

Ich bin nah dran am Formel- 1-Team, nehme an Meetings teil und weiß über alle Details Bescheid. Aber im Moment haben wir kaum Probleme mit den Autos, und ich halte mich zurück. Dafür werde ich bald stark in die Vorbereitung auf die neuen Regeln involviert sein. Ich kümmere mich außerdem um die Straßenfahrzeuge. Das macht einen Riesenspaß, die Ingenieure saugen alles auf, was ich sage. Die entwickeln normalerweise in sieben Jahre einen Wagen, und jetzt kommt einer wie ich aus der Formel 1, wo innerhalb von sechs Monaten ein neues Auto gebaut wird. Bei den Straßenautos kann ich viel bewegen, da ist jetzt richtig Dynamik drin.

Wie ist Ihr Kontakt zu Ihren Nachfolgern im Ferrari-Team, zu den Piloten Kimi Räikkönen und Felipe Massa?

Zu Felipe habe ich einen engeren Draht, Kimi hingegen ist nicht so der redselige Typ. Außerhalb des Teams telefoniere ich hin und wieder mit Sebastian Vettel (21 Jahre alter Nachwuchsfahrer bei Toro Rosso, die Red.), da geht es aber nicht um berufliche Dinge. Ich mag ihn, er ist einfach ein netter, offener Kerl.

Könnten Sie sich vorstellen, Chef zu sein und ein Team zu führen?

Das ist nicht mein Ding, ich möchte lieber im Hintergrund wirken. Also zum Beispiel den Ingenieuren sagen, wie sie den Fahrern helfen können. Nein, Teamchef, das kann ich mir im Moment nicht vorstellen - und eigentlich auch nicht, wenn ich zehn Jahre weiter denke.

Haben Sie nicht das Bedürfnis, etwas zurückzugeben, jungen Fahrern als Coach zu helfen?

Als Coach eher nicht. Ich habe das eine Zeit lang probiert. Die jungen Fahrer stellen Fragen, ich sage ihnen meine Meinung, aber so richtig interessiert sie die dann auch nicht. Wahrscheinlich muss das so sein. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Und den Manager machen, so wie es Willi Weber überaus erfolgreich damals mit mir gemacht hat, das ist auch nichts für mich. Ich will mich nicht um Vertragssachen und so kümmern. Ich sehe mich eher im Hintergrund, so wie ich es bei unserem Kartteam KSM mache.

Was haben Sie denn in den nächsten Jahren vor?

Ich habe keine konkreten Pläne. Das ist ja gerade das Schöne momentan. Ich habe bereits ein Berufsleben hinter mir, ein sehr erfolgreiches noch dazu. Ich will nichts forcieren, will die Dinge sich entwickeln lassen. Das ist spannend. Ich werde wohl Ferrari verbunden bleiben, das wird über das offizielle Vertragsende Ende nächsten Jahres hinaus weitergehen. Aber der typische Alltag, Büro von acht bis fünf, das war noch nie mein Ding. Haben Sie kurzfristige Ziele? Ich bastele an einer Fallschirmspringer- Lizenz. Die ersten Solo-Sprünge habe ich schon gemacht!

Aha, Sie sind also doch ein Adrenalin- Junkie …

… man kann ja sagen, ein bisschen Banane ist das schon, aus einem funktionierenden Flugzeug rauszuspringen. Bei den ersten fünf Sprüngen hätte ich beinahe Pampers gebraucht, aber danach ging's super. Das ist die Freude pur, dieses Gefühl, der Erde entgegenzufliegen.

Wie war das bei Ihrem allerersten Sprung: Mussten Sie nicht wieder an Ihr Limit gehen? War das so wie früher, ein Formel-1-Gefühl?

Nein, ganz anders. Aber klar, es kostet einen schon Überwindung, da oben aus der Luke zu hüpfen. Bei meinem ersten Soloflug hatte ich dann aber auch noch in der Luft Stress. Ich war so happy, als ich draußen war, dass ich alles um mich herum vergessen hatte. Auf einmal packte mich einer mitten im freien Fall, und da fiel's mir wieder ein: Ach ja, die Jungs vom Flugteam wollen ja eine Figur mit mir fliegen. Das war ein schöner Schock!

Wie sind Sie zum Fallschirmspringen gekommen?

Mit einem sehr guten Freund haben wir früher öfter Abenteuerreisen gemacht, und auf einem dieser Trips haben wir das mal probiert, im Tandem natürlich. Corinna war auch dabei und hat's probiert, wir fanden's beide klasse. Das ist eine einmalige Art und Weise, die Natur zu genießen.

Sie als Autofan sind ein Naturliebhaber?

Absolut. Ich mag keine Städte, keinen Lärm, keine Staus, keine Umweltverschmutzung. Hier im grünen Umland von Genf fühlen wir uns wohl, und die Menschen hier sind freundlich und zurückhaltend. Wir genießen das, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Durch das internationale Bankbusiness in Genf gibt es viele Leute, die sich selbst genug sind. Corinna und ich können hier auch mal ganz entspannt ins Café gehen.

Sie entwickeln Autos, fahren Motorradrennen und machen eine Fallschirmspringer- Lizenz - bleibt Ihnen da wirklich noch viel Zeit für Ihre Frau und die Familie?

Na klar. Wir frühstücken alle fast jeden Morgen zusammen und essen auch gemeinsam zu Mittag. Nachmittags kümmern wir uns dann um die Kinder, ich bin auch mal bei den Hausaufgaben dabei, obwohl das nicht ganz leicht ist für mich. Wir sind ja hier im französischen Teil der Schweiz, und da verstehe ich nicht alles, was in den Schulbüchern steht. Im Alltag komme ich aber mit Deutsch, Englisch und Italienisch gut durch.

Hat sich Ihr Freundeskreis verändert, seit Sie nicht mehr in der Formel 1 unterwegs sind?

Kaum. Das heißt: Es kommen schon neue Menschen hinzu. Ich bin heute viel offener als früher, da war ich verschlossener und musste es auch sein. Jetzt bin ich woanders unterwegs, es beruhigt sich um mich, und mir macht es Spaß, hier neue Menschen kennenzulernen. Auch wenn ich Französisch nur mit Händen und Füßen spreche.

Interview: Elmer Brümmer und Christian Ewers / print

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