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Golf: Woods oder Kaymer als Favoriten? Das Experten-Duo zur US Open

Sind vier Jahre ohne Major-Sieg genug? Kann Tiger Woods bei der US Open triumphieren und wo landet Martin Kaymer?  Die Golf-Experten in unserer Redaktion spekulieren über den Ausgang des zweiten Majors des Jahres.

Vor einem Jahr glänzte Rory McIlroy bei der US Open nur drei Monate nach seinem bitteren Masters-Desaster mit einer Rekordrunde und sicherte sich überraschend souverän seinen allerersten Major-Sieg.

Kann er in diesem Jahr zur Titelverteidigung ausholen? Das ist bei der US Open seit mittlerweile 23 Jahren niemandem mehr gelungen. Was macht Tiger Woods und vor allem aus deutscher Sicht, kann Martin Kaymer eventuell den zweiten Major-Triumph seiner Karriere feiern? Die Golf-Experten in der Redaktion haben sich gedanken gemacht.

Gelingt es Tiger Woods, seine Major-Durststrecke zu beenden?

Lars Ahrens: Zwei Siege bei seinen letzten fünf Starts, Platz eins in der Driving-Statistik der US PGA Tour und Rang eins in der Kategorie Ball Striking (Greens in Regulation und Driving zusammengefasst, sprich wie gut kommt ein Spieler mit einem vollen Schwung bei Driver und Eisen vom Tee zum Grün) – die nackten Zahlen erinnern einen schon fast an die besten Zeiten von Tiger Woods. Heißt das jetzt, dass Woods bei der US Open seinen ersten Majorsieg seit rund vier Jahren und seinen 15. insgesamt feiern wird? Ich glaube ja, zumal Woods der Lake Course im Olympic Club in San Francisco aus seiner College-Zeit bestens kennt und dank seines Sieges beim The Memorial voller Selbstbewusstsein bei der US Open antreten wird. Die Zeit ist reif für sein ganz großes Comeback und trotz der vielen Unwägbarkeiten beim Golf glaube ich, dass es ihm nun gelingen wird.

Malte Asmus: Am Freitag jährt sich der Tag von Tiger Woods letztem Major-Sieg zum bereits vierten Mal. Setzt er diese Durststrecke im Olympic Club ein Ende? Er hat die Klasse, er hat – wie Lars bereits anmerkte – auch die für einen Sieg nötigen Schläge. Aber das galt auch für das Masters und da enttäuschte er am Ende als geteilter 40. Die große Frage ist daher, ob er seine Fähigkeiten auch abrufen kann und welches Gesicht Woods – das Memorial- oder das Masters-Gesicht. Ich glaube, das erste, das Gewinnergesicht. Warum? Nun, er spielt die erste Runde in einem Flight mit Phil Mickelson und Masters-Sieger Bubba Watson. Die Präsenz dieser Weltklassegolfer und die Möglichkeit, sich im direkten Duell mit ihnen zu messen, wird Tiger riesigen Ehrgeiz noch weiter anstacheln und ihn durch die ersten beiden Runden treiben. Und erst einmal auf Kurs, ist Woods dann sowieso kaum noch zu stoppen. 

Wo landet Martin Kaymer?

Lars Ahrens: Als grenzenloser Optimist bin ich überzeugt davon, dass Kaymer eine gute US Open spielen wird. Heißt das, er ist auch ein Siegkandidat? Meine Antwort ist ja, denn ein Spieler mit seinen Fähigkeiten ist immer in der Lage zu gewinnen, wenn er sein Spiel an allen vier Tagen zusammenbekommt. Das war in den letzten Monaten nie der Fall, insofern kann ich alle Kritiker verstehen, die ihm kaum eine Chance einräumen. Allerdings fehlte bei Kaymer auch nicht viel, zumeist haderte er mit seinem kurzen Spiel und vor allem mit den Putts, die einfach nicht fallen wollten. Davon abgesehen gab es bei ihm nicht viel zu bemängeln. Pessimisten mögen jetzt sagen, dass die Probleme auf den Grüns besonders bei der US Open negativ zum Tragen kommen werden, andererseits sind die stets harten und unglaublich schnellen Grüns eine Herausforderung, die man auf den meisten anderen Plätzen nicht findet. Vielleicht kommt gerade das Kaymer auch entgegen.

Malte Asmus: Dass Kaymer in San Francisco gewinnt, glaube ich nicht, dass er eine gute Rolle spielen wird, schon eher. Schließlich hat er sich akribisch auf das zweite Major des Jahres vorbereitet. Vor allem werkelte er während der letzten beiden Wochen, in denen er kein Turnier bestritt, an seinem kurzen Spiel herum, das zuletzt selten zur vollen Zufriedenheit klappte. Sollten ihm die gewünschten Verbesserungen gelungen sein, hat er meiner Meinung nach reelle Aussichten ziemlich weit vorne im Leaderboard zu landen. Ich frage mich allerdings, ob es richtig war, in den letzten beiden Wochen nur für sich zu trainieren, anstatt sich den für ein so wichtiges Turnier auf einem derart kniffligen Platz wie in diesem Jahr bei der US Open dringend nötigen Rhythmus in Wettbewerben zu holen. Auch wenn Kaymer schon lange genug auf den weltweiten Touren unterwegs ist und daher über viel Erfahrung verfügt, ich glaube, dass gerade die fehlende Matchpraxis am Ende bei ihm den Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Platzierung ausmachen wird.  

Welche anderen Spieler verfolgen wir besonders aufmerksam?

Lars Ahrens: Ich bin sehr gespannt, wie sich Andy Zhang aus der Affäre ziehen wird. Warum? Weil dieser Junge gerade einmal 14 Jahre alt und der jüngste US Open-Teilnehmer aller Zeiten ist. Die Schulterverletzung von Paul Casey spülte Zhang ins Feld, nachdem er zunächst den Sprung über die Qualifikation knapp verpasst hatte. "Klar bin ich nervös, schau dir all diese großen Champions an, neben denen ich spielen werde. Wer wäre da nicht nervös? Aber natürlich ist das auch großartig“, zitierte die Washington Post den Teenager. Neben Zhang werde ich auch gespannt den Auftritt von Alex Cejka verfolgen, der sich bei einem Qualifikationsturnier einen Startplatz bei der US Open erspielte. Nach den vielen Verletzungsproblemen wäre ihm ein Erfolgserlebnis zu gönnen. Und natürlich werde ich wie immer die Daumen für meine beiden Lieblings-Majorsieg-Verweigerer Luke Donald und Lee Westwood drücken. Beide haben längst den ersehnten großen Titel verdient und ich bin mir sicher, dass sie ganz vorne mitmischen werden. Donald aufgrund seines überragenden kurzen Spiels und Westwood wegen seiner fantastischen Eisenschläge. Mit neuen Schlägern haute er letzte Woche in Stockholm die Bälle so traumhaft sicher an den Stock, dass man ihn einfach als Favorit auf dem Zettel haben muss.  

Malte Asmus: Wie vor jedem Major oute ich mich auch diesmal an dieser Stelle wieder als Fan von Phil Mickelson. Natürlich werde ich Lefty, dem Starspieler meines Teams aus längst vergangenen Tagen des sportal.de-Redaktions-Golfmanagers, auch in San Francisco die Daumen halten. Schließlich fehlt ihm der US Open-Sieg noch in seiner langen Erfolgsliste, obwohl er schon oft ganz dicht dran war und 2006 schon einmal neun Finger am Pokal hatte. Ein Par am 72. und letzten Loch hätte damals zum Sieg gereicht, doch Mickelson spielte Double Bogey. Aber ich werde natürlich auch Rory McIlroy verfolgen. Die letzten Wochen hatte er mit drei verpassten Cuts und einer am letzten Loch noch verspielten Führung ja nicht sonderlich viel Erfolg. Schafft er es, der erste Spieler seit Curtis Strange (1988/89) zu werden, dem eine Titelverteidigung bei der US Open gelingt? Das nötige Rüstzeug, das geeignete Spiel für den Platz in Kalifornien bringt er auf jeden Fall mit.

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