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Halmich-Erbin Ina Menzer: "Ich kann keine Freundin schlagen"

Mit Ina Menzer steht eine potenzielle Nachfolgerin von der Grand Dame des Boxsports bereits in den Startlöchern. Am Samstag steigt Regina Halmichs Kronprinzessin wieder in den Ring. Vorher sprach Sie mit stern.de noch über Ängste, Zickenkrieg und Uni-Partys.

Ina, am Samstag steigt Ihre nächste Titelverteidigung. Freuen Sie sich eigentlich auf den Kampf? Gibt es so etwas wie Vorfreude, oder fiebert man einfach nur auf den ersten Gong hin und ist bis dahin nur angespannt und nervös? Die Spannung hat zuletzt ein bisschen nachgelassen. Bei mir ist es immer so: Wenn die dreiwöchige Sparringsphase anfängt, werde ich nervös und bin ziemlich ungenießbar. Jedes Sparring ist für mich wie ein Kampf. Eine Woche vor dem echten Fight fahren wir dann die Trainingsdosierung runter. Alles geht etwas langsamer, weil die Batterien wieder richtig aufgeladen werden müssen. Die Zeit ist eindeutig angenehmer.

Kennen Sie auch Angstgefühle? Klar habe ich Angst, das ist doch menschlich. Aber nicht so sehr vor dem Kampf, sondern eher davor, dass ich im Ring schlecht performe. Jedes Mal wenn ich in den Ring steige, setzte ich etwas aufs Spiel. Ich habe Angst zu versagen, nicht vor meinen Gegnerinnen. Vielleicht kann man das als gesunde Angst bezeichnen.

Wenn Sie eigene Kinder hätten, dürften die bei einem Ihrer nächsten Kämpfe eigentlich mit am Ring sitzen? Man denke nur an den Kampf von Chris Byrd, dessen kleiner Sohn bei den Fights seine Vaters sogar das Handtuch halten darf...

Ich weiß nicht, wie ich mich als Mutter fühlen würde. Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Ich kann es ja schon kaum ertragen, wenn meine Mutter mit dabei ist. Das eigene Kind am Ring? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer fällt die Antwort aus. Nein!

Apropos Kinder: Sie sind sozial sehr engagiert. Im September hat das "Ina Menzer Box Camp" seine Premiere gefeiert. Können Sie ein bisschen etwas darüber erzählen?

Ziel des Camps ist es, nicht die kriminellen Jugendlichen von der Straße zu holen. Das mal vorweg. Zu uns kommen ganz "normale" Kinder. Die wollen wir, bevor es möglicherweise zu spät ist und sie auf die schiefe Bahn kommen, für den Boxsport begeistern und ihnen vielleicht einen Weg vorzeigen. Ich selber bin ein Aussiedler-Kind und komme aus Kasachstan. Gerade auch für Kinder und Jugendliche mit Migrations-Hintergrund ist das Camp gedacht. Bei mir überstrahlt mein nächster Kampf derzeit alles, aber mit dem Camp wird es weitergehen. Die Resonanz war schon richtig gut.

Sie sind mit zehn Jahren von Kasachstan nach Deutschland übergesiedelt. Das Alter ist ja nicht gerade unproblematisch. Wie wurden Sie von den deutschen Schulkindern aufgenommen? Ist Ihnen die Integration schwer gefallen?

Es war nicht leicht. Wir wohnten in einer Not-Wohnung, ich kam in die dritte Klasse. Die deutsche Sprache fiel mir schwer. Ich kannte vorher nur zwei Worte: Ente und Affe. Das hatten mir meine Großeltern noch in Kasachstan beigebracht. Wir hatten wenig Geld, kaum Kleidung. Kindern fällt so was immer etwas leichter, schlimm war es für meine Eltern.

Zurück zum Boxen: Es gibt wenig gute deutsche Boxer. Andersrum gefragt: Warum kommen so viele gute Boxerinnen und Boxer aus der ehemaligen Sowjetunion?

Es hat auch viel mit Ehrgeiz zu tun. Vielleicht sind wir einfach ehrgeiziger. Dazu kommt, dass die russische Boxschule sehr populär und erfolgsorientiert ist. Das Training im Osten war und ist variabler, es ist nicht so statisch wie in Deutschland.

Schauen Sie persönlich lieber Frauen oder Männern beim Boxen zu? Das hängt immer davon ab, wer gerade boxt. Wenn es Kämpfer sind, die ich kenne - egal ob Mann oder Frau - schaue ich immer gerne zu. Aber wirklich immer in Maßen. Man kann sich ja mittlerweile die Nächte mit Boxen im Fernsehen um die Ohren schlagen. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Es wird viel zu viel gezeigt, das Niveau ist manchmal unterirdisch.

Können Sie sich eigentlich noch an Ihren aller ersten Kampf - nicht Profikampf - erinnern? Wie haben Sie sich danach gefühlt?

Es war ein Kampf über drei Runden, er ging aber nur über zwei. Ich war 17, meine Kontrahentin 21. Der Fight hätte eigentlich gar nicht stattfinden dürfen, weil ich noch nicht volljährig war. Als die Ringrichter davon erfuhren, stand der Kampf vor dem Abbruch. Letztlich wurde er nicht gewertet. Aber das Gefühl danach war schön. Ich wusste sofort: Ich will diesen Sport weiter ausüben, das ist meine Passion.

Ende des Monats tritt die große Regina Halmich von der Boxbühne ab. Glauben Sie, dass der Frauenboxsport mit dem Abgang von Halmich an Einschaltquoten und Fans verlieren wird?

Wir werden sicher alle damit zu kämpfen haben, die Lücke auszufüllen. Ob das klappt, entscheiden die Zuschauer. Wir haben ja gute, frische Mädels. Ich gehöre auch dazu (lacht). Fakt ist: Regina ist die Vorreiterin gewesen. Ohne sie würden wir jetzt hier gar nicht das Interview machen. Sie hat viel geleistet, Regina steht für das Frauenboxen wie keine Zweite. Aber es wird auch ohne sie weitergehen. Wir hören doch jetzt nicht auf mit dem Boxen.

Ich weiß, diese Frage hören Sie nicht gerne, aber dennoch: Wer wird zukünftig die neue deutsche Nummer 1 im Frauenboxen sein? Nicht im Sinne von Halmichs Nachfolgerin, sondern ganz allgemein. Susi Kentikian oder Sie?

Noch einmal, das entscheiden die Fans. Und außerdem: Es können doch auch ein paar Damen nebeneinander die Nummer 1 sein. Wir können alle gut boxen. Es muss nicht immer nur eine Vorzeigefrau geben.

Wie ist denn eigentlich das Verhältnis untereinander? Herrscht da nicht auch mal Zickenkrieg?

Wir sehen und eigentlich kaum. Regina und ich haben uns dieses Jahr einmal in Düsseldorf getroffen. Wir verstehen uns gut, aber das ist es dann auch. Genauso verhält es sich mit Susi. Wir pflegen ein professionelles Verhältnis, ganz klar. Aber Ausgehen oder Telefonieren tun wir nicht.

Regina Halmich und Sie, sie boxen in unterschiedlichen Gewichtsklassen. Trotzdem die Frage: Hätten Sie sie gerne mal geboxt?

Mein Wunsch war es nie. Ich habe mir allerdings nie echte Gedanken darüber gemacht. Eben weil wir in unterschiedlichen Klassen kämpfen.

Könnten Sie denn mit einer Freundin im Ring stehen

Ich könnte das nicht trennen. Das klingt zwar unprofessionell, aber ich könnte keine Freundin schlagen.

Eine Frage zum Schluss: Ihr Betriebswirtschaftsstudium liegt derzeit wegen der Karriere auf Eis. Waren Sie eigentlich jemals auf einer echten BWLer Party?

Was für eine Frage! Natürlich. Ganz am Anfang im ersten Semester. War nett, viel Bier, viel Cola und das war's (lacht laut).

Das Interview führte Klaus Bellstedt

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