Halmichs Karriereende Neuer Halt im neuen Leben


Sie hat alles gegeben und am Ende war es dann noch knapp. Aber das war letztlich egal, denn Regina Halmich hat ihren allerletzten Kampf gewonnen. Nun beginnt für die 31-Jährige ein neues Leben. Eines ohne Boxen, aber wohl weiterhin mit viel Kampf und Einsatz.
Von Oliver Trust

Charity- und Fernsehtermine können so dick sein wie Ringseile. Wer zwölf Jahre lang durch den Boxring tobte, Blut und Siege schmeckte und diese Welt seine Heimat nannte, der braucht auch im Leben danach den gewohnten Halt. Regina Halmich wird also nicht auf einem Liegestuhl an einem sonnigen Strand landen, sie wird kämpfen. Nur diesmal woanders.

Beim Sammelmarathon "Ein Herz für Kinder", beim Fernsehen als "Co-Kommentatorin" der Boxszene und bei weiteren Terminen fürs Fernsehen. Nur selbst boxen wird sie nicht mehr. "Ich brauche das" sagt sie. "Ich brauche eine Aufgabe, jeder braucht das, damit er nicht in ein Loch fällt." Sie braucht Halt. Nun eben den neuen, da sie den alten nicht mehr haben kann, den ihr einst die Seile gaben.

Als die 31 Jahre alte Karlsruherin gegen halb zwölf nachts in ihr neues Leben schlüpfte, bückte sie sich, als verneige sie sich vor sich selbst und kletterte durch die Seile des Boxrings in der DM-Arena in Karlsruhe. Konfetti aus goldfarbenen Schnipseln, die vom Hallendach regneten, Böller, die laut zerbarsten und ein Feuerspiel, das an der Wand abbrannte, begleiteten sie nach 13 Jahren und neun Monaten und einem Kampfrekord von 54 Siegen in 56. Kämpfen. "Regina, Du bist die Größte" war aus den Funken des Feuerspiels heraus zu lesen.

Seit 45 Kämpfen unbezwungen

Diesmal hatte die in 45 WM-Kämpfen ungeschlagene WIBF-Weltmeisterin Hagar Shmoulefeld Finer aus Israel bezwungen. Knapp, sicher. Unübersehbar mühevoll. Nach einer "Mehrheitsentscheidung". Zwei der Punktrichter stimmten knapp für sie, ein Dritter sah ein Unentschieden. Es mag sogar sein, dass sie diesen "engen Kampf", wie ihn selbst nannte, woanders verloren hätte, wie ihre Gegnerin vermutete. Einige teilten in der badischen Boxnacht diese Ansicht. Andere wie Luan Krasniqi nicht. "Sie hat den Kampf geführt, immer, zu jeder Zeit", sagte der ehemalige Europameister aus dem baden-württembergischen Rottweil.

Halmichs endgültiger Abschied war alles andere als eine Mogelpackung der Unterhaltungsindustrie. Und als solche verstehen sich viele im Boxsport, nicht zuletzt der übertragende Sender, das Zweite Deutsche Fernsehen. "Ich hätte mir eine leichtere Gegnerin suchen können. Aber ich wollte eine gute, ich wollte noch einmal einen guten Kampf bieten", sagte sie. Offen. Authentisch. Sie ging das Risiko ein, sich einer Niederlage auszusetzen. "Ich habe gegen eine starke Gegnerin und meine starken Gefühle gekämpft", sagte die Sportlerin, die Frauenboxen zu einer wirklichen Sportart machte. Sich immer durchgeboxt. Sie musste es. Sie war das Experiment. Über ein Jahrzehnt lang. Auch an diesem Abend, der ihr letzter sein sollte, hielt Regina Halmich ihre Nase hin.

Niemand hätte ihr eine leichtere Gegnerin übel genommen

Und, wer hätte es ihr Übel genommen, hätte sie eine leichtere Gegnerin eingeladen. Eine, die ihr den Abschied nicht mit neuen Schmerzen und einer zerbeulten Nase versüßt. Die platte Nase wird nun bald operiert, sie gehört zur Vergangenheit. "Wenn der Kampf anders ausgegangen wäre, wäre meine Antwort sicher anders ausgefallen. Aber ich habe das Recht, mich zurück zu ziehen", sagte Halmich.

Wie schwer ihr Weg nach oben verlief, konnte jeder sehen. Zu den Leckereien in den VIP-Räumen gab es Blut auf der Videowand. Zu leichter Tanzmusik und Smalltalk gab es die Bilder einer bemerkenswerten Karriere einer Sportlerin, die immer "Anerkennung" und "Respekt" gesucht hatte, als sei allein das ihr Lebensziel.

Wilde Ringschlachten zum Anfang, etwa beim ersten Kampf in der Europahalle Karlsruhe 1994, Hochleistungssport in der DM-Arena im Herbst 2007. "Wenn man vom Frauenboxen spricht, spricht man von Regina Halmich", sagte Joachim Löw, der Fußball-Bundestrainer, nach zehn Runden knochenhartem Abschied, der ihm nebenbei verdeutlichte, dass deutsche "Nationaltrikots" nicht hässlich sein müssen.

Kampfkleid in Schwarz-rot-gold

Das Kampfkleid von Halmich passte zum Ende ihrer Karriere, es hatte Stil. Anders als manches, was sie sonst trägt. Oben Schwarz, dann Rot und am Ende Gold, das Schwarz um den Brustkorb umspielt von einem schmalen Streifen aus Gold. Sie stieg in allen vier Ecken hoch in die Seile und bedankte sich. Tränen flossen keine ihre Wangen herab. Da stand eine Frau, die sich im Griff hatte oder sich erfolgreich darum bemühte. "Man kann auch innerlich weinen", sagte sie vor ihrer Ehrenrunde durch die mit 7500 Zuschauern gefüllte Halle der "Messe Karlsruhe".

Man ließ sie in dieser Nacht des Abschieds nicht alleine. Hunderte Gäste mit VIP-Bändchen am Arm trugen sie mit ihrem Beifall auf die Bühne des Gala-Abends. Sie musste ein paar Kerzen auf ihrer "Abschiedstorte" ausblasen. Sie zeigte noch einmal den dicken Ring, den sie von ihrem Promoter Hans-Peter Kohl geschenkt bekommen hatte. Den zieren 56 Diamanten, nachempfundene Boxhandschuhe zudem einen weiteren größeren Edelstein. "Sie wird mir fehlen", sagte ihr Trainer Torsten Schmitz, mit dem sie ein letztes Mal durch den Ring tänzelte, als das Urteil fest stand.

Schmitz schluckte ergriffen. Neben ihr standen nach dem Kampf ihre Eltern. Vater Günter in der Uniform eines "Maltester Unfallhelfers" und Mutter Erika. Sie atmeten tief. Die beiden saßen während des Faustgefechts lieber im Auto und drehten ein paar Runden um die Halle. Zu schauen konnten und wollten sie nicht. Zu groß die Angst um die Tochter. "Das war auch besser so", sagte Regina Halmich und lächelte. Am Ende schwand dann jede Hoffnung, sie könnte irgendwann wieder zurückkehren und Universum-Box-Stallchef Hans-Peter Kohl von dessen schwerer Aufgabe befreien, eine Nachfolgerin zu suchen, die sich als nationales Sportdenkmal vermarkten lässt. Keine hatte wie sie die Millionen sprudeln lassen. Eine Million Euro, so Gerüchte, habe allein sie für den Abschiedskampf bekommen.

"Gefahr, dass es wieder in den Fäusten juckt"

"Ich werde mich fit halten", sagte Regina Halmich. "Aber ich werde kein Boxtraining mehr machen. Die Gefahr wäre viel zu groß, dass es wieder in den Fäusten juckt". Es war 0:44 Uhr, als sie das während ihrer Abschlusspressekonferenz im schicken Abendkleid und hohen Schuhen sagte. Sie war in dem Moment endgültig aus dem Ring und dessen Seilen geklettert. Sie kämpfte wieder. Vor den Fernsehkameras. Darum, ihr neues Leben auch wirklich leben zu dürfen.


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