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Berühmtester Sportmediziner Deutschlands: Der Muskelflüsterer – ein Arzttermin bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt

Der Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist so berühmt wie umstritten. Jetzt zieht er Bilanz. Ein ganz besonderer Termin.

Von stern-Chefredakteur Christian Krug

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Termin beim Muskelflüsterer

Der mit den Händen sieht: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt versinkt in die Muskulatur der Sportler. Mit seinen Fingern drückt und fühlt er – ein unübertroffenes Diagnoseverfahren, wie er versichert.

Es ist der entscheidende Moment. Niemand im Raum darf sprechen. Man wagt kaum zu atmen. Dr. Müller-Wohlfahrt sitzt hinter einer jungen Frau, die auf einer Liege liegt. Sie hat Schmerzen an ihrer Achillessehne. Der Arzt schließt die Augen, hebt ihr Bein etwas an, streicht mit den Händen über ihren Unterschenkel. Sie blickt zu ihrem Manager. Sie hat Angst. Sie ist Weltmeisterin in ihrer Laufdisziplin und nahm einen sehr langen Flug auf sich, um nun zu erfahren, wie ihr Leben weitergehen wird. Ihr echter Name darf hier nicht genannt werden. Zu viele Menschen könnten sich noch größere Sorgen machen, als sie es selbst schon tut. Sie ist über 30 und hat vielleicht noch eine Chance, bei den nächsten Olympischen Spielen anzutreten. Oder sie wird niemals wieder Erfolge feiern. Schon einmal hat sie fast eine komplette Saison aussetzen müssen. Jetzt wäre eine dauerhafte Verletzung wohl ihr Karriereende. Müller-Wohlfahrt umfasst ihren Fuß, drückt auf die Sehne. Dann bohrt er seine Finger in ihre Muskulatur. Sie stöhnt vor Schmerz. Er sagt keinen Ton. Er besteht auf Stille. Später wird er sagen: "Ich tauche durch meine Hände in den Muskel ein. Sonst sehe ich nichts. Wenn ich mit den Gedanken nicht hier vorn bin, dann bin ich blind. Dann bleibe ich nur an der Oberfläche. Wenn hinter einem Muskel ein Faserriss liegt, kann ich ihn nur ertasten, wenn ich in die Tiefe denke und dann wahrnehme, was die Fingerspitzen spüren." Kein Gerät der Welt, und sei es noch so modern, könne eine muskuläre Verletzung oder eine Verletzung einer Sehne besser erkennen als seine Hände. Davon ist er überzeugt. Und so taucht er mit ihnen weiter hinab. Er hat kräftige Hände. Seine Fingerkuppen sind schon etwas krumm vor lauter Drücken in den mehr als vier Jahrzehnten, in denen er sie täglich als Tauchhelfer benutzt.

Er schwört auf Heilkraft

Nach ein paar Minuten öffnet Müller-Wohlfahrt seine Augen wieder und ist ganz aufgekratzt. "Wir kriegen das hin", sagt er und strahlt. "Aber jetzt musst du stark sein." Er beginnt, kleine Spritzen mit unterschiedlichen Flüssigkeiten zu füllen. Vor jeder Injektion tastet er genau den Punkt ab, in den er sie setzen will. Sie gehen tief ins Fleisch. Die Sportlerin zuckt bei jedem Stich. Er spritzt abwechselnd Actovegin, ein Substrat aus Kälberblut, und Traumeel, ein homöopathisches Komplexmittel. Unter Fachärzten sind beide Präparate und ihre Wirksamkeit bei Muskelverletzungen höchst umstritten. Gelinde ausgedrückt. In Müller-Wohlfahrts Praxis kommen diese Medikamente sehr häufig zum Einsatz. Er schwört auf ihre Heilkraft, andere halten das für Scharlatanerie. Und sehen deswegen in ihm einen Schamanen, nicht einen seriösen Arzt. Aber seine Erfolge sprechen für sich. Oder besser: Seine Patientenliste spricht für ihn.

Franz Beckenbauer, Boris Becker, die Spieler des FC Bayern München und unzählige Spitzensportler aus allen Kontinenten kommen seit Jahrzehnten zu ihm und glauben an seine Heilkräfte. Seit seinem 16. Lebensjahr ist auch der jamaikanische Wunderläufer Usain Bolt bei Müller-Wohlfahrt in Behandlung. Der hatte, bedingt durch seine Körpergröße, im Wettkampftraining von Anfang an unter extremen Schmerzen gelitten. Bis der Münchner Arzt sich seiner annahm und die Ursache für die Schmerzen in der Wirbelsäule entdeckte. Bolt ließ sich seitdem vor jedem großen Sportereignis von ihm gründlich untersuchen.

Der Ausnahmesprinter Usain Bolt kommt seit vielen Jahren in Müller-Wohlfahrts Münchner Praxis – für ihn wurde der Arzt zu "einem zweiten Vater"

Der Ausnahmesprinter Usain Bolt kommt seit vielen Jahren in Müller-Wohlfahrts Münchner Praxis – für ihn wurde der Arzt zu "einem zweiten Vater"

Seine letzte Goldmedaille nach dem 100-Meter-Lauf in Rio de Janeiro 2016 widmete er vor laufender Kamera seinem deutschen Arzt. Tage zuvor hatte er nicht daran geglaubt, dass er überhaupt würde starten können. Zu heftig waren seine Schmerzen. In der Praxis in München stehen auch die Schuhe im Regal, in denen Bolt 2009 in Berlin den Weltrekord aufstellte. Die Behandlung des Sprinters und vieler anderer Spitzensportler wird von Fachleuten kritisch gesehen. Vor allem wegen des Mittels Actovegin. Es ist in den USA nicht als Arznei zugelassen. Unter Sportmedizinern steht es im Verdacht, unerlaubte Substanzen zu kaschieren. Müller-Wohlfahrt sagt, er würde niemals Dopingmittel verwenden und habe das nie in seinem Leben getan.

Auch wenn er heute so selbstbewusst über seine Kritiker spricht, die Vorwürfe und Verdächtigungen der Kollegen zehrten lange an ihm. 1988 trat er auf einem Ärztekongress in Baden-Baden auf und berichtete über seine damals wie heute revolutionären Behandlungsmethoden. "Ein namhafter Professor ist aufgestanden und hat vehement gefordert, dass man mir die Zulassung entziehen solle", sagt Müller-Wohlfahrt. "Per Video war noch ein weiterer Saal angeschlossen. Das wusste ich damals aber nicht. Es kamen Fragen aus dem anderen Saal, ich wusste überhaupt nicht, von wem. Ich war völlig überfordert. Es ging drunter und drüber. Es war ein absolutes Chaos." Hatte er damals Angst? "Nein, Angst hatte ich nicht", sagt er heute. "Ich habe nie Angst. Ich glaube an Fügung. Meine Bestimmung ist es, Patienten zu heilen. Diese Anfeindungen konnten meiner Bestimmung nichts anhaben."

Kollegen haben seitdem immer wieder gefordert, dass Müller-Wohlfahrt seine Methoden durch wissenschaftliche Arbeiten dokumentiert. "Das mag ja alles sein, aber wo sind die Beweise, fragen mich die Ärzte." Für Beweise habe er keine Zeit, antwortet er. "Ich sage denen: Wie stellen Sie sich das vor? Ich betreue einen Verein wie Bayern München. Ich betreue die Fußballnationalmannschaft, Spitzensportler aus der ganzen Welt und viele ganz gewöhnliche Patienten. Ich bin von morgens bis abends in meiner Praxis. Wann soll ich diese Wissenschaftsarbeit machen? Ich bin Arzt, und ich will in erster Linie Menschen helfen. Ich muss nichts mehr beweisen."

"Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist ein Künstler"

Aber irgendwie haben die Vorwürfe doch in ihm gearbeitet. Vielleicht auch, um die Zweifel an ihm zu mildern, hat er nun mithilfe des Verlegers Friedrich-Karl Sandmann seine Autobiografie geschrieben. Zwei Jahre hat es gedauert. Begleitet wird der Text von Gastbeiträgen zahlreicher Patienten und Weggefährten, denen er helfen konnte. So schreibt etwa Herbert Grönemeyer, der erstmals wegen eines schmerzenden Knies während einer Tournee zu ihm kam: "Er ist ein Künstler, auch in seiner Sensibilität. Er hat etwas, das man nicht versteht, nicht verstehen muss und das er selbst vielleicht auch nicht versteht. Als Künstler steigt er in seine vertraute Welt, sobald er behandelt. In dieser Welt fühlt er sich sicher. Und das kommt mir wie eine große Schönheit vor. Ich glaube, dass er sich selbst nicht als Künstler sieht. Das passt nicht zusammen für ihn, seine Art von Arbeit und die Kunst. Aber das, was er macht, ist eine Kunst, eine große Kunst."

Für Usain Bolt ist Müller-Wohlfahrt nicht nur ein Künstler seines Fachs, er ist "ein zweiter Vater für mich geworden. Der Doc hat eine extrem wichtige Rolle in meiner Karriere und in meinem Leben gespielt, und dafür schulde ich ihm großen Dank. Er ist wirklich der Glücksfall meines Sportlerlebens."

In guten und in schlechten Tagen: Müller-Wohlfahrt 1945 als Kind mit seinen Eltern und den größeren Brüdern

In guten und in schlechten Tagen: Müller-Wohlfahrt 1945 als Kind mit seinen Eltern und den größeren Brüdern

Dass es überhaupt zu diesem Glücksfall kam, war nicht unbedingt abzusehen. Müller-Wohlfahrts Vater war strikt gegen eine Medizinerlaufbahn. Der evangelische Pfarrer leitete eine Gemeinde in Ostfriesland. Hans-Wilhelm wurde als dritter Sohn der Familie 1942 während eines Fliegerangriffs geboren. In seiner Kindheit war das Geld immer knapp. Der einzige Luxus, den sich die Eltern damals für ihre Jungs leisten konnten, war eine Tafel Schokolade pro Monat, die sich die Brüder teilen mussten. "Meine Prägung war Glaube, Musik, Disziplin. Durch meine Mutter kamen Bescheidenheit dazu und durch meinen Vater der sportliche Ehrgeiz." Die Anerkennung des Vaters bedeutete dem jüngsten Sohn alles. Und die bekam der mäßige Schüler durch den Sport und die Musik. Müller-Wohlfahrt war ein guter Fünfkämpfer und Posaunist in einer Jazzband. Sein Vater hasste die Vermessenheit der Ärzteschaft. "Halbgötter in Weiß", die eitel nach finanziellem Profit streben, lehnte der Pastor ab. Der Sohn sollte Architekt werden. Oder vielleicht Elektromechaniker. Eines machte der Vater jedenfalls klar: "Wenn du Medizin studieren solltest, werde ich dich nicht finanziell unterstützen."

Doch der Sohn hörte nicht auf seinen Vater. Er setzte sich über ihn hinweg. Genau wie in Fragen der Haarmode. Fast wäre Müller-Wohlfahrt der Schule verwiesen worden. Nicht, was zu befürchten stand, wegen der schlechten Noten, sondern vor allem wegen der Haare über den Ohren. Diese jugendliche Rebellion wollten weder der strenge Vater noch die Schulleitung hinnehmen. Als es dann aber zum Rauswurf kommen sollte, blies der Vater dem Schulleiter den Marsch. Familie ging vor. Die Haare blieben dran und sind bis heute der optische Beweis, dass sich Müller-Wohlfahrt ungern etwas vorschreiben lässt.

"Ich fühlte mich in meinem Ehrgefühl tief verletzt"

Von Ostfriesland ging es zum Medizinstudium nach Kiel, danach zog es ihn ins pulsierende Berlin. Dort traf er nicht nur seine zukünftige Frau Karin, sondern auch Orthopäden, die in ihm ein besonderes Talent entdeckten. Er kam mit dem Hertha BSC in Verbindung, und schon zwei Jahre später saß er beim FC Bayern München. Die brauchten einen neuen Sportarzt und wollten den jungen Wilden von der Hertha. Er blieb fast 40 Jahre. Es sollte die zweite große Liebesbeziehung seines Lebens werden. Bis zu einem Tag, den Müller-Wohlfahrt nie vergessen wird. Es war der 15. April 2015. Pep Guardiola war damals der Trainer des FC Bayern München. Es prallten zwei vom Erfolg Besessene aufeinander. Mit dem Spanier kam der Mannschaftsarzt vom ersten Tag an nicht zurecht. "Die Spannungen zwischen Guardiola und mir nahmen im Laufe der Monate immer weiter zu. Jedes Mal, wenn ich einen Spieler wegen einer Muskelverletzung vom Platz nahm, war der Trainer sauer. Das sei doch lächerlich, der könne doch weiterspielen, meinte er aufgebracht. Einmal hatte Arjen Robben Nasenbluten, das Blut strömte nur so aus seiner Nase. Ich sollte das in einer Minute stoppen und brauchte vielleicht zwei. Guardiola stand neben mir und schrie mich an, ich solle schneller machen, das gehe ihm hier alles viel zu langsam. So etwas hatte ich noch nie erlebt!" Guardiola war auch der Auffassung, ein Spieler mit einem Innenbandriss im Knie könne nach vier Wochen wieder spielen. "Ich bin der Überzeugung, dass es sechs bis sieben Wochen dauert, um nicht nur schmerzfrei, sondern ausgeheilt wieder auf dem Platz zu stehen." Der Trainer machte Müller-Wohlfahrt dafür verantwortlich, dass er nicht mit dem bestmöglichen Kader zum Viertelfinale der Champions League beim FC Porto antreten könne. Das Spiel ging mit 3 : 1 verloren. In der Kabine kam es danach zum Eklat. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz-Rummenigge griff, ganz im Sinne des Trainers, den Arzt frontal an und beschimpfte ihn vor der Mannschaft, an der Niederlage schuld zu sein. "Ich fühlte mich in meinem Ehrgefühl tief verletzt", sagt der Gedemütigte heute. Nach 38 Jahren war die Arbeit für den deutschen Rekordmeister beendet. Müller-Wohlfahrt und sein Praxisteam kündigten mit sofortiger Wirkung.

1974 bei der Hochzeit mit seiner Frau Karin

1974 bei der Hochzeit mit seiner Frau Karin

Heute spricht der Arzt nicht mehr gern über diesen Moment. Er markiert eine Niederlage. Und Müller-Wohlfahrt definiert sich seit seiner Jugend durch Siege. Wenn er über seinen Widersacher spricht, der ihn bei den Bayern zur Strecke gebracht hat, dann voller Abscheu. Er verachtet Guardiola, und er sinnt auf Rache. Auf dem Spielfeld. Denn die "Fügung" hat vielleicht noch in diesem Jahr ein Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten vorgesehen. Seitdem Jupp Heynckes wieder dort Trainer ist, arbeitet auch Müller-Wohlfahrt wieder für die Bayern. Und die könnten in der Champions League auf Guardiolas neuen Verein Manchester City treffen. Er wünscht sich, dass seine Spieler dann fit sind und nicht nur für die Bayern, sondern auch für ihren Arzt siegen. Das ist sein Verständnis von Loyalität. Und von Triumph.

In seiner Praxis hat Müller-Wohlfarth wenig Platz und keine Zeit für solche Gedanken. Morgens um acht Uhr betritt er die Räume in der Dienerstraße. Mittags holen ihm seine "Mädchen", wie er seine Arzthelferinnen unerschrocken altmodisch nennt, ein belegtes Brötchen vom Bäcker. Dann sitzt er mit ihnen in der Küche, trinkt einen Cappuccino und versucht, einen Moment nicht Chefarzt, sondern ein Freund seiner Mitarbeiter zu sein. Er verlangt viel von seinen Angestellten, aber alle scheinen seine besessene Begeisterung im Job zu teilen. Sein Tempo, seine gute Laune und sein Temperament sind ansteckend. Und wer sich nicht infizieren lässt, passt nicht zu ihm. Am liebsten würde er 24 Stunden arbeiten. "Aber meine Mädchen brauchen ja auch mal eine Pause", sagt er. "Um 23 Uhr versuche ich, die Nachrichten im Autoradio zu hören. Dann fahre ich nach Hause zu meiner Frau und teile mit ihr den Tag. Danach gehe ich meistens noch laufen." Er brauche die Bewegung. Das stecke seit seiner Jugend in ihm drin. "Ich wüsste gar nicht, was ich ohne die Praxis machen sollte. Ich habe ja keine Hobbys." Nur die Familie, das gibt er zu, kam zu kurz in seinem Leben. Seine Kinder habe er manchmal mitten in der Nacht geweckt, nur um sie ganz fest in den Arm zu nehmen. Dann habe er sie wieder schlafen gelegt. "Und diese Momente tragen wir gemeinsam in uns", sagt er.

"Ich war einfach wahnsinnig naiv"

Auf Fragen zu seiner Familie antwortet er leise, nachdenklich, wirkt plötzlich verletzlich. Seine Frau Karin hat einen Beitrag zu seiner Autobiografie beigesteuert. Auf Seite 282 von 320 Seiten schreibt sie eine Art Miniautobiografie und schildert darin ihr Verhältnis zu ihrem Mann. Sie ist eine angesehene Bildhauerin, war früher Model, wollte zum Film. Eine eigene große, umjubelte Karriere schwebte ihr vor und war greifbar, als sie ihn in Berlin kennenlernte.

2013 mit Trainer Pep Guardiola, der ihn nach Jahrzehnten von der Bayern-Bank vertrieb

2013 mit Trainer Pep Guardiola, der ihn nach Jahrzehnten von der Bayern-Bank vertrieb

Geradezu euphorisch berichtet sie von ihrer Leidenschaft für die Kultur und ihrer eigenen Rolle in der Kunstwelt. Sie wollte sich im Leben zeigen. Doch sie begegnete eben "Mull", wie sie ihn liebevoll nennt. Sein Spitzname seit Schultagen, weil es schon so viele Müller in der Klasse gab. Karin hatte ein Angebot der Ufa für eine Hauptrolle, doch Mull sagte zu ihr: "Entweder Film oder ich." Sie entschied sich für ihn. Ein paar Zeilen später schreibt sie: "Außerdem hatte ich bei seiner Hartnäckigkeit keine Chance, mich lange zu wehren, und so haben wir 1974 geheiratet." Es liest sich, als ob da jemand nach all den Jahren der Ehe im Schatten eines berühmten Mannes noch einmal sagen möchte: Seht her. Ich bin selbst jemand, in dem etwas Großes steckte, aber der sich ganz klein gemacht hat für jemanden, der dadurch als Riese erscheinen konnte. Ein Kapitel des Sohnes Kilian, selbst Arzt und zeitweise in der Praxis des Vaters voll eingebunden, vermisst man in dem Buch. Es scheint, als wollte er sich nicht zu seinem Vater äußern.

Karin Müller-Wohlfahrt schließt ihren Beitrag mit einer bitteren Bemerkung über falsche Freundschaften. Sie erwähnt einen Steuerberater, dem sie vorwirft, die Familie finanziell schwer geschädigt zu haben. Auch die Tochter Maren erwähnt ein paar Seiten später denselben Mann. Sie beschreiben die zweite große Niederlage im Leben des erfolgsverwöhnten Arztes. Er hat anscheinend sehr gutgläubig das Geld der Familie jemandem anvertraut, den er aus dem Freundeskreis kannte. Er bestreitet zwar vehement, dadurch in finanzielle Not geraten zu sein, doch Müller-Wohlfahrt beißt sich lieber in seiner Praxis auf die Unterlippe, als darüber mehr als drei Sätze zu reden. "Ich war einfach wahnsinnig naiv", sagt er schließlich knapp. Es ist kein Triumph, keine erfolgreiche Vergeltung in Sicht in diesem Fall. So schweigt er lieber über dieses Duell und steckt die Schmach weg, in Finanzdingen ein leichtes Opfer gewesen zu sein.

Er windet sich, möchte raus aus der unangenehmen Unterhaltung, freut sich über Imke, seine treue Seele in der Praxis, die zur Tür hereinkommt und ihn ermahnt, sich wieder um seine Patienten zu kümmern, die draußen geduldig warten. In jedem Behandlungszimmer sitze jeden Tag jemand, der auf ihn zählt. "Dafür lebe ich", sagt er. Er will aber seine Patienten nicht nur mit Spritzen positiv beeinflussen. Er will "sie zurückholen und ihnen Hoffnung geben. Ihnen auch versprechen: Alles wird gut. Mach dir keine Gedanken." Er will, dass seine Energie und seine Kraft in sie hineinströmen und ihre Selbstheilungskräfte aktivieren. "Ich kämpfe um jeden hier. Ich kämpfe, ich kämpfe, ich kämpfe. Aber ich bin über den Punkt hinaus, dass ich es beweisen muss."

"Ich habe den geilsten Beruf der Welt."

Die Sprinterin aus Übersee hat 16 Spritzen in ihrer Wade. Wie kurze, bunte Dartpfeile ragen sie heraus. Als Müller-Wohlfahrt eine weitere in die Sehne sticht, fließen Tränen, und sie greift nach dem Arm ihres Managers, der nun auch sehr besorgt aussieht. "Ja, ja, ja!", ruft Müller-Wohlfahrt. "Bleib positiv. Es wühlt jetzt gewaltig!" Die Sprinterin nickt still und leidet sehr.

Holz, Licht, Kunst, klare Linien: Der Lebensmittelpunkt von "Mull", wie er seit Schultagen genannt wird, sind die Behandlungsräume an der Dienerstraße

Holz, Licht, Kunst, klare Linien: Der Lebensmittelpunkt von "Mull", wie er seit Schultagen genannt wird, sind die Behandlungsräume an der Dienerstraße

Minuten später zieht er alle Spritzen aus ihrem Bein und klopft ihr aufmunternd auf die Wade. Dann stehen Arzt und Patientin auf. Er greift sie am Arm, reißt sie an sich und umarmt sie fest. Tränen stehen in ihren Augen. "Wir schaffen das", sagt Müller-Wohlfahrt. "Du wirst laufen können. Fahre nach Hause und trainiere. Ich will dich bei Olympia siegen sehen." Sie legt ihre Hände um seinen Körper und antwortet: "Thanks, Doc." Der Arzt geht aus dem Zimmer und sagt: "Sehen Sie, ich habe den geilsten Beruf der Welt."

Ans Aufhören denkt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt keine Sekunde. Gerade hat er den Mietvertrag für die Praxis um zehn Jahre verlängert. Mit einer Option für weitere zehn Jahre. Dann wäre er 95 Jahre alt.

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