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Interview mit FIS-Präsident Kasper: "Die Ski-WM - ein Risiko für München 2018"

Er gehört zu den einflussreichsten Wintersport-Funktionären der Welt: Gian Franco Kasper. Im Gespräch mit stern.de zieht der Schweizer eine Zwischenbilanz der Ski-WM in Garmisch - und erklärt, was die WM für die deutsche Bewerbung um die Olympischen Spielen 2018 bedeutet.

Herr Kasper, Sie arbeiten seit 1974 für den internationalen Skiverband und haben zahlreiche alpine Ski-Weltmeisterschaften besucht. Wie beurteilen Sie die WM, die in diesen Tagen in Garmisch-Partenkirchen stattfindet?
Die Veranstaltung ist exzellent organisiert. Und ehrlich gesagt: Nichts anderes hatte ich von den Deutschen erwartet. Das können sie, und dafür werden sie weltweit geschätzt.

Das ist ein eher nüchternes Lob - fehlt Ihnen etwa die Begeisterung in den Arenen und am Streckenrand?
Nein, auch die Stimmung ist gut, sowohl bei den Zuschauern als auch bei den Athleten. Es gab hier und da Kritik am Zustand der Pisten, aber das ist normal. Eine WM ist eine WM, da dürfen die Pisten ruhig ruppig sein, mit Schlägen und spiegelglatten Passagen. Die besten Skifahrer der Welt sollen sich auf anspruchsvollem Terrain messen und nicht unter Laborbedingungen - das ist meine Meinung.

München bewirbt sich um die Olympischen Winterspiele 2018. Im Juli dieses Jahres fällt das IOC die Entscheidung, wer sie ausrichten darf. Ist die Ski-WM nicht ein Vorteil für Deutschland - immerhin kann man sich der Welt nochmal präsentieren?
Es ist Chance und ein Risiko zugleich. Wenn hier etwas passieren sollte, ein Anschlag oder auch ein schlimmer Sturz: Dann wären die Bilder mit Garmisch verbunden, wo 2018 die alpinen Wettbewerbe stattfinden sollen. Aber wenn es so friedlich läuft wie bisher, ist die WM mit Sicherheit eine gute Visitenkarte für München.

Bei der Wahl des Olympiaortes dürfen Sie auch abstimmen, Sie sind seit elf Jahren IOC-Mitglied. Wissen Sie schon, wem Sie Ihre Stimme geben werden?
Nein, ich warte die Berichte der Evaluierungskommission des IOC ab. Bei zwei Bewerbern ist die Kommission schon gewesen, in Annecy, Frankreich, und in Pyeongchang, Südkorea. Anfang März folgt dann München. Ich werde das genau lesen und mir dann eine Meinung bilden.

In Pyeongchang gibt es eine Abfahrtspiste bislang nur auf dem Papier...
... richtig, aber die Vorraussetzungen in Südkorea sind sehr gut. Bernhard Russi, der in der FIS für die Pistenkonstruktion zuständig ist, hat mir gesagt, er könne dort eine Abfahrt hinbauen, die irgendwo zwischen Streif und Lauberhorn liegt. Also, das könnte recht spektakulär werden.

Ist es wichtig für das IOC und seine Sponsoren, sich neue Märkte zu erschließen? In Asien hat der Wintersport bislang keinen starken Stand.
Genau das wird die Frage sein: Wollen wir expandieren oder wollen wir in Europa, in der Heimat des Wintersports, präsent sein. Es ist eine Grundsatzfrage, eine strategische Entscheidung. Es gibt aber keinen Konsens in dieser Frage, das muss jedes IOC-Mitglied für sich selbst entscheiden.

Aber Sie als Fachmann werden doch bestimmt von manchen IOC-Kollegen um Ihre Meinung gebeten.
Kollegen aus Afrika oder Südamerika, denen der Wintersport eher fremd ist, fragen mich schon, das stimmt. Aber das machen wir unter vier Augen aus.

Im IOC stehen binnen kurzer Zeit wichtige Wahlen an: 2011 werden die Winterspiele vergeben, 2013 wird ein Nachfolger von Präsident Jacques Rogge gewählt. Und Thomas Bach aus Deutschland gilt als Favorit. Ist das denkbar: Winterspiele in Deutschland und dann noch ein deutscher IOC-Päsident?
Ich glaube, die IOC-Mitglieder können unterscheiden, dass es da um zwei verschiedene Sachen geht. Und wer sagt denn, dass Bach nicht starke Konkurrenz bekommt? Aber Sie haben Recht, Thomas Bach ist einer der Namen, die immer wieder genannt werden. Ich meine, dass er ein hervorragender IOC-Präsident wäre.

Christian Ewers / print

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