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Klitschko-Demonstration: Vom Steelhammer zum Streetfighter

Wladimir Klitschko hat das Trauma seiner schlimmsten Niederlage überwunden. Gegen Angstgegner Brewster lieferte "Dr. Dampfhammer" eine furiose Leistung ab und verteidigte seinen WM-Gürtel. Der Spuk vom "Glaskinn-Weichei" ist vorbei.

Von Klaus Bellstedt, Köln

Karl-Heinz Schwensen, eigentlich besser bekannt unter seinem schnittigeren Kiez-Spitznamen (den er nicht mehr hören mag), versteht eine Menge vom Boxen. Der Mann mit dem Schnauzbart und der Pilotenbrille hatte genug gesehen. Hastig verließ er kurz vor Geisterstunde mit einer kleinen hübschen Dame den Innenraum der Kölnarena und stapfte leicht grießgrämig dreinblickend gen Ausgang. Die 19.000 Fans hatten noch lange nicht genug gesehen, sie pfiffen sich die Seele aus dem Leib. Wäre Schwensen kein Boxexperte (und kein VIP), er hätte wohl mitgepfiffen.

Dabei gab es eigentlich gar nichts zu pfeifen. Es war vor allem der Frust der Zuschauer über den vorzeitigen Abbruch des WM-Kampfes im Schwergewicht nach Version der IBO/IBF zwischen Wladimir Klitschko und seinem amerikanischem Albtraum Lamon Brewster, der die Massen erregte. Sie wollten das Spektakel, sie hatten ja auch bis zu 450 Euro Eintritt bezahlt. Legitim ist das, nicht mehr und nicht weniger.

"Ich konnte heute Abend nicht verlieren"

Die Pfiffe galten vor allem aber auch Lamon Brewster. Jenem Mann also, der dem jüngeren der beiden Klitschko-Brüder vor drei Jahren den mit Abstand schwärzesten Tag seiner Karriere bescherte, als er dem Ukrainer mit Wohnsitz in Hamburg den WM-Gürtel entriss und ihm eine derart demütigende K.o-Niederlage beibrachte, die Klitschko bis zum späten Abend des 7.7.2007 nie richtig verdaut hatte. Aber dieses Mal stand ein anderer Lamon Brewster im Ringgeviert. Einer, der sogar aufgeben musste. Genauer gesagt, den sein Trainer zum Aufgeben überreden musste, weil der einfach keinen Ausweg mehr sah.

"Glaskinn", "Weichei", Klitschkos Ruf im wichtigsten Boxland der Welt hatte 2004 im amerikanischen Spieler-Eldorado Las Vegas erheblich Schaden genommen. So war der Sieg von Köln für "Dr. Steelhammer" gleich doppelt wichtig. Zum einen konnte er sich vom Trauma seiner schlimmsten Niederlage befreien, zum anderen konnte Klitschko verloren gegangenes Renommee in den USA zurückgewinnen. Dass das nur mit einem klaren Sieg gelingen würde, war dem Ukrainer schon vorher klar. "Ich konnte heute Abend nicht verlieren", meinte der neue und alte Schwergewichts-Champion hinterher wie von einer Zentnerlast befreit. Und jeder in der Arena nahm ihm seine Worte ab.

Nehmerqualitäten allein reichen nicht

Klitschko lieferte im nur sechs Runden andauernden Kampf eine beeindruckende Leistung ab. Von der ersten Sekunde an bestimmte der 31-Jährige das Tempo. Immer wieder landete seine krachende linke Führhand am Kopf des Amerikaners. Dessen Deckung hielt der Wucht der Schläge zu keiner Zeit des ungleichen Duells stand. Klitschko, der zu "Can't Stop" von den Red Hot Chilli Peppers in die Arena einlief war an diesem Abend wirklich nicht zu stoppen. Der gefürchtete linke Haken Brewsters fand viel zu selten sein Ziel. Fast schon hilflos war der einst so gefährliche K.o-Schläger dem Koloss ausgeliefert. Kaum zu glauben, dass Klitschko noch vor drei Jahren gegen denselben Gegner auf allen Vieren durch den Ring kroch.

Sechs Runden lang steckte Brewster ein, schluckte die Treffer wieder und wieder. Keine Frage, der 34-Jährige hat Nehmerqualitäten wie kein Zweiter im Schwergewichtsboxen. Aber das reicht eben nicht gegen einen Wladimir Klitschko, der in Köln vielleicht den stärksten Kampf seiner Karriere ablieferte. Spektakulär und immer im Vorwärtsgang. Wie ein Angreifer vom Typ eines Streetfighters zermürbte er seinen Angstgegner. Ein Stil, den Klitschko noch nie so praktiziert hatte. "Es gibt heute keine Entschuldigung von mir, außer dass Wladimir besser war", sagte der schwer geschlagene Brewster nach der demütigenden Niederlage. So einfach ist das also.

Klitschko wie einst die Bayern

Denkbar einfach war auch die Erklärung seine Coaches Buddy McGirt für das vorzeitige Handtuchwerfen vor der siebten Runde: "Ich wollte Lamons Leben nicht aufs Spiel setzen." Eine kluge Entscheidung des Trainers, die großen Respekt abverlangt. Andere Trainer hätten anders entschieden, haben anders entschieden. Erinnert sei nur kurz an den Blutkampf von Arthur Abraham, der trotz eines gebrochenen Kiefers von Ulli Wegner weiter durch den Ring getrieben wurde. Und am Ende sogar gewann. Aber für welchen Preis?

Brewsters Trainer wusste zu einem frühen Zeitpunkt ziemlich haargenau, dass sein Schützling an diesem Abend gegen einen wie aufgedreht boxenden Wladimir Klitschko keine Chance haben würde. Das ist wie vor einem Fußballspiel, wenn sich die Spieler beider Teams im Kabinengang nebeneinander gegenüberstehen und die Körpersprache dem neutralen Beobachter offenbart, wer am Ende wahrscheinlich als Sieger vom Platz gehen wird. Die Bayern beherrschten das eine Zeit lang meisterhaft.

Mächtig viel Selbstbewusstsein

Auch Klitschko ist ein Meister seines Faches, ein Weltmeister sogar, der mit seinem Sieg im Revanche-Kampf nun endgültig alle Kritiker hat verstummen lassen. Nach der Demonstration von Köln gibt es keine Zweifel mehr: Der Ukrainer ist der Stärkste unter den Titelträgern der vier großen Verbände. Und so fühlt er sich auch selbst: "Jeden, der mit mir in den Ring steigt, sollte ich eigentlich bezwingen", drohte er direkt nach dem Abbruchsieg ins RTL-Mikrofon. Karl-Heinz Schwensen war da schon nicht mehr in der Halle. Aber der weiß das im Zweifel sowieso.

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