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Lance Armstrong: "Die können mich am Arsch lecken"

Kalifornien feiert Lance Armstrong, den Tour-Rekordsieger und überführten US-Dopingtäter. Kritische Fragen schmettert der Superstar brüsk ab. Aber damit nicht genug: Hauptsponsor der Landesrundfahrt ist ein Epo-Hersteller. Im Sonnenstaat will man sich den Spaß durch "Doping-Gerede" nicht verderben lassen.

Von Sebastian Moll, Sacramento

Sacramento ist eigentlich ein ruhiges, beschauliches Städtchen im Central Valley von Kalifornien. In der Altstadt herrscht noch Goldgräberflair, und der moderne Geschäftsdistrikt ist im Vergleich zum nahen San Francisco eher überschaubar. Viel Trubel gibt es hier gewöhnlich nicht. Am vergangenen Wochenende schien sich hier jedoch die gesamte Region durch die Gassen zu drängeln.

Nach dem Grund für den Auflauf von einer Dreiviertelmillion Neugieriger in Sacramento musste man nicht lange fahnden. Von den Laternenmasten der ganzen Stadt prangten riesige Banner mit dem Konterfei von Lance Armstrong, der finster durch seine Radbrille auf die Passanten stiert. "Armstrong Rides Again", las sich der Schriftzug darunter. Diese Information reichte, um eine wahre Hysterie auszulösen.

Sollte Armstrong sich Sorgen gemacht haben, dass sein Star-Glanz drei Jahre nach dem letzten Tour-Sieg verblasst ist - nun kann er sich beruhigen. Die Reaktion auf seinen ersten Auftritt als wiedergeborener Radprofi in der Heimat übertraf selbst seine eigenen Erwartungen: "Das ist extremer als je zuvor." Unglücklich war er über den Auflauf allerdings nicht: "Die Leute sind aufgeregt, aber sicherlich nicht aufgeregter als ich selbst."

Die freudige Erregung übertrug sich auch auf die Honoratioren. Gouverneur Arnold Schwarzenegger schaute vorbei, um seiner Begeisterung über diese "tollen Jungs" Ausdruck zu verleihen. Toll fand Schwarzenegger auch den Armstrong-Effekt für seinen Staat, der derzeit mit einem Haushaltsloch von 42 Mrd. $ ringt: "Das ist fantastisch für den Tourismus in Kalifornien", schwärmte er. Mehr als 100 Mio. $, schätzt man, wird das Spektakel in die kalifornische Wirtschaft pumpen.

Alleine Sacramento setzte knapp 9 Mio. $ um an diesem Wochenende. Als Armstrong im vergangenen Jahr nicht dabei war, waren es gerade einmal 3 Mio. $. Da strahlte Bürgermeister Kevin Johnson - ebenso wie der Marketingchef des Renn-Hauptsponsors Amgen, Andrew Messick. Armstrongs Anti-Krebs-Kampagne, der vorgebliche Grund für sein Comeback, so Messick, harmoniere blendend mit den Zielen seiner Firma, eines führenden Herstellers von Epo und verwandten Produkten, die ja primär für die Behandlung von Krebspatienten gedacht sind. Andere Synergien mit dem Radsport wollte Messick freilich nicht ansprechen.

Misstöne gab es bei dieser Comeback-Show kaum. Und wenn, dann wurden sie rasch wieder ausgeblendet. So am Tag vor dem Rennen, als der Reporter Paul Kimmage von der Londoner "Sunday Times", selbst ehemaliger Radprofi, Armstrong fragte, warum er denn so bewundernd von seinen Kollegen Ivan Basso und Floyd Landis spreche, die in Kalifornien nach ihren Sperren ebenfalls ihr Comeback gaben. Schließlich seien das doch überführte Doper. Außerdem wollte Kimmage wissen, warum Armstrong seine Interviewanfrage abgelehnt habe.

Die Frage löste einen Zornesausbruch des Stars aus. Kimmage "sei nicht den Stuhl wert, auf dem er sitze", bellte er den Journalisten an. Ein Interview, so Armstrong weiter, habe Kimmage deshalb nicht bekommen, weil er gesagt habe, er, Armstrong, sei der "Krebs des Radsports, der nach drei Jahren der Remission nun wieder ausbreche". Die Kollegen Basso und Landis hätten beide ihre Unschuld beteuert, das würde ihm ausreichen: "Man kann von ihnen kein Geständnis verlangen, nur um Leute wie dich zu beschwichtigen."

Dass Armstrong damit zugab, nur mit ihm gewogenen Journalisten zu reden, störte nur wenige. Die Mehrheit der US-Reporter fanden eher das Verhalten von Kimmage ungehörig. "So etwas macht man nicht", fand etwa Suzanne Halliburton von Armstrongs Heimatzeitung "Austin American Statesman".

Wenigstens die "New York Times" wies am Sonntag in einem Artikel darauf hin, dass die Tour of California mit dem Comeback von Landis, Basso und auch vom des Blutdopings überführten Olympiasieger Tyler Hamilton doch ein mit Vorsicht zu genießendes Ereignis sei. Bereits am Freitag hatte das Blatt ein großes Stück über die Fragwürdigkeit von Selbsttestprogrammen im Radsport gebracht, nachdem Armstrongs groß angekündigte Kooperation mit dem Antidopingforscher Don Catlin implodiert war.

Doch Zeitungsartikel von der Ostküste stören die Euphorie in Kalifornien nicht. Man will sich von dem Dopinggerede nicht den Spaß an der Armstrong-Show verderben lassen: "Amerika braucht in diesen Zeiten einen Helden", bejubelte etwa der Moderator des TV-Senders Versus das Armstrong-Comeback. Der Mann hatte sich für seine Live-Übertragung artig ein T-Shirt mit dem Logo von Amgen übergestreift.

Floyd Landis fand derweil bei seinem ersten Radrennen nach seinem annulierten Tour-Sieg aus dem Jahr 2006, dass der Radsport endlich wieder da sei, wo er hingehöre. "Die besten Fahrer starten in diesem Jahr bei den besten Rennen. So soll es sein." Armstrong proklamierte zufrieden, der Radsport habe seinen Tiefpunkt überwunden und sehe einer strahlenden Zukunft entgegen. Und für die, die trotzdem noch etwas zu nörgeln haben, hatte er nur noch diese Worte übrig: "Die Leute, die über mein Comeback meckern und die alle diese schlechten Dinge sagen - entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise - aber die können mich am Arsch lecken."

FTD

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