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Lance contra Jan: Duell ohne Fahrrad

Das erste Duell der Giganten fand 48 Stunden vor dem Start der 92. Tour de France in der schmucklosen Ausstellungshalle der westfranzösischen Kleinstadt Challans statt: zu Fuß und am Mikrophon.

Der Herausforderer aus dem T-Mobile-Team beschränkte sich in eher knappen Worten auf das Sportliche. Der Titelverteidiger aus Texas, super cool und eloquent wie immer, schweifte ab, sprach vor seiner letzten Tour über seine Gefühle zum Abschied und beruhigte die Besorgten, die von Armstrongs politischen Ambitionen gehört hatten: "Ich träume nach dem Ende meiner Karriere nicht vom Weißen Haus." Er zögerte nicht bei der Prognose, wer die erste Tour nach seinem Rücktritt gewinnt: "Jan Ullrich".

Tour-Favorit und Gejagter

Der T-Mobile-Kapitän, wie immer vor der Tour mit einem frischen Kurzhaarschnitt versehen, sprach lieber von diesem Jahr und schob die Last auf seinen alten Rivalen, dem er vier Mal unterlag: "Lance ist der Tour-Favorit und der Gejagte." Nach den Worten seines Betreuers Rudy Pevenage habe Ullrich nach dem Ende der Tour de Suisse wie geplant noch etwas Gewicht verloren, um bei den Kletterpartien auf der Höhe zu sein. Ullrichs Abnehm-Formel laut Pevenage: Mehr trainieren und weniger essen. Beide Topfavoriten präsentierten sich am Donnerstag in sichtbar guter Verfassung.

"Letztes Jahr war ich vor dem Start nervöser. Ich jage keinen Rekord oder die Geschichte. Ich will für meinen Sponsor gewinnen und für meine Kinder, denen ich in Paris das Gelbe Trikot präsentieren will. Das ist eine große Motivation für mich", sagte der sechsfache Sieger Armstrong, der bei seinem Exkurs vor Hunderten von Pressevertretern nur einmal leicht ins Schlingern geriet: Als er auf den mit Doping in Verbindung gebrachten italienischen Mediziner Michele Ferrari, der in einem Prozess wegen Verjährung nicht mit einer Gefängnisstrafe belegt worden war, angesprochen wurde.

Drei Köpfe gegen Armstrong

Der dreiköpfigen Angriffs-Formation des T-Mobile-Rennstalls mit Ullrich, Alexander Winokurow und Andreas Klöden hat Armstrong mindestens Gleichwertiges entgegen zu setzen. "Wir haben Savoldelli, Popowitsch und mich", sagte Armstrong, der sich nur über den Formzustand des Sensations-Zweiten des Vorjahres etwas im Unklaren ist: "Bei Klöden weiß man nie. Vielleicht ist er ein bisschen schwächer als 2004." Über die anderen scheint er gut Bescheid zu wissen: "Ullrich sieht sehr gut aus, und Winokurow war bei der Dauphiné-Rundfahrt sehr stark. Er hat beste Voraussetzungen, eine gute Tour zu fahren." Spekulationen, dass der Tour-Dritte von 2003 im nächsten Jahr in sein Team wechselt, trat Armstrong entgegen: "Ich glaube, er bleibt bei T-Mobile".

Bei der Frage nach den vermeintlichen Schlüsselstellen der diesjährigen Tour tat sich Armstrong schwer. "Es gibt keinen besonderen Tag, auf den ich mit dem Finger zeigen könnte. Die mittleren zehn Tage mit Alpen und Pyrenäen sind sehr kritisch." Ullrich, der beim Tour-de-Suisse-Zeitfahren einen eindrucksvollen ersten Saisonsieg vollbrachte, will wie Armstrong schon zum Tour-Auftakt beim 19 Kilometer langen Kampf gegen die Uhr auf die Wind umtoste Atlantik-Insel Noirmoutier auftrumpfen.

"Ich traue mir zu, ein gutes Rennen zu fahren. Aber ich spekuliere nicht gleich auf das Gelbe Trikot. Das würde dem Team schon viel Belastung bringen", sagte Ullrich, dem in der internen Auseinandersetzung mit Winokurow ein solcher Coup gut tun würde.

Andreas Zellmer und Heinz Büse/DPA / DPA

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