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Manipulationen im Handball: Hinweise auf flächendeckendes Bestechungssystem

Im internationalen Handball verdichten sich die Indizien für ein flächendeckendes Manipulationssystem mit Russland im Mittelpunkt. Unterdessen verriet ein ehemaliger Schweizer Schiedsrichter pikante Details.

Im internationalen Handball verdichten sich die Indizien für ein flächendeckendes Manipulationssystem mit Russland im Mittelpunkt. Am Montag haben die deutschen Schiedsrichter Lars Geipel und Marcus Helbig eine dubiose Kontaktaufnahme aus dem Jahr 2007 öffentlich gemacht. Das Duo aus Sachsen-Anhalt sei vor dem Champions-League-Spiel der Frauen zwischen Lada Togliatti und Viborg HK am 25. März 2007 vom ukrainischen Referee Walentin Wakula telefonisch nach Wünschen gefragt worden. Das geht aus Dokumenten hervor, die der Deutschen Presse-Agentur DPA vorliegen.

"Er hat gefragt, ob wir etwas brauchen. Wir sind nie mit Geld bestochen worden", sagte Geipel der DPA. Er habe das Gespräch mit Wakula abgebrochen und den deutschen Schiedsrichterwart Peter Rauchfuß sowie Manfred Prause, Mitglied in der Schiedsrichter- und Regelkommission des Weltverbandes IHF, informiert.

Viele Bestechungsversuche

Bei Lada Togliatti spielte damals Wakulas Frau, die ukrainische Nationalspielerin Oxana Sakada. Der Unparteiische habe darauf hingewiesen, dass Lada-Direktor Andrej Stepanow ein guter Freund von ihm sei. Wakula habe sich zunächst erkundigt, ob die beiden Schiedsrichter Kontakt zur deutschen Nationalspielerin Grit Jurack hätten, die damals wie heute in Viborg spielt. Dies habe Geipel ebenso verneint wie die Frage, ob sie Wünsche hätten. "Wir haben das jetzt noch mal gemeldet, weil es uns kurios vorkam", erklärte Geipel.

Gemeinsam mit Rauchfuß und Prause waren er und sein Partner übereingekommen, dass sie eine Meldung an die Europäische Handball- Föderation (EHF) machen würden, wenn es bei dem Spiel zu Auffälligkeiten kommen sollte. "Wir sind in Russland nicht kontaktiert worden", sagte Geipel. Togliatti erreichte in dem Viertelfinal-Rückspiel mit einem 33:31 die nächste Runde.

Togliatti war bereits in der vergangenen Woche durch einen Bestechungsversuch an das deutsche Schiedsrichter-Paar Holger Fleisch und Jürgen Rieber in den Fokus geraten. Rieber hatte erklärt, dass am Vorabend des Champions-League-Spiels zwischen Lada und Slagelse am 21. Januar 2006 seinem Kollegen auf der Toilette ein Zettel gereicht worden sei, auf dem gestanden habe: "Wir müssen dieses Spiel gewinnen." Zunächst sei von 10.000 Dollar die Rede gewesen, später von 20.000. "Wir haben natürlich beide brüsk abgelehnt", hatte Rieber erklärt.

Überwachung von Sportwetten

Die Magdeburger Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich hatten einen Bestechungsversuch vor dem Final-Rückspiel im Männer-Europacup der Pokalsieger zwischen Medwedi Tschechow und BM Valladolid verschwiegen. Am Folgetag waren bei der Ausreise aus Russland 50.000 Dollar im Gepäck von Ullrich gefunden worden. Beide streiten ab, das Geld genommen und Spiele manipuliert zu haben.

Unterdessen will die Handball-Bundesliga unter dem Druck von Geldgebern möglichen Spielmanipulationen durch die Überwachung von Sport-Wetten auf die Spur kommen. Dafür hat der Ligaverband HBL entsprechende Anfragen an die Firma Betradar gestellt. "Wettquoten können ein Indiz sein. Ich glaube, dass es eine gute Maßnahme ist im Zusammenhang mit Spielbewertungen, wenn Auffälligkeiten unterlegt werden könnten durch solche Muster. Wenn an dem Vorwurf was dran ist, dass ein Netzwerk am Werk ist, kann man das so belegen", sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Montag der DPA.

In der kommenden Woche sollen die Gremien der Liga darüber beraten, ob als Lehre aus den Vorwürfen über manipulierte Spiele generell ein Vertrag mit einem Unternehmen für Wettüberwachungen abgeschlossen werden soll. Bohmann monierte, dass der Handball bislang mit dem Thema Wettüberwachung nachlässig umgegangen ist: "Die Liga hat es nicht gemacht. Der Handball hat vielleicht gedacht, es ist ein zu vernachlässigendes Problem."

Freundlich oder aggressiv

Derweil hat der ehemalige Schweizer Schiedsrichter Michel Falcone pikante Details bei der versuchten Bestechung von Referees verraten. "Da gibt es die Linie Alkohol, die Linie Essen, die Linie Frauen - oder die Linie Geld. Je nachdem, wie empfänglich der Schiedsrichter für solche Geschenke oder zuvorkommende Behandlungen ist, hat man dann versucht, das auch zu realisieren", sagte der 49 Jahre alte Falcone im NDR-Fernsehen. Der Eidgenosse beendete 2006 nach 26 Jahren seine Laufbahn.

Nach dem Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe vor etwa drei Wochen sprach Falcone nun Klartext. Die Einflussnahme beginne bereits zu Hause: "Ich habe schon Telefongespräche erhalten von Kollegen oder auch Funktionären eines Landes, wo ich gerade hinreisen sollte, die mir dann mitgeteilt haben, machen sie sich da eine Liste, wir können da gewisse Sachen für sie erledigen." Dies wurde nun durch Geipel und Helbig bestätigt.

Lasse man sich als Unparteiischer auf nichts ein, gebe es laut Falcone nur zwei Richtungen. "Sie machen entweder freundlich weiter oder sie werden aggressiv", berichtete der Schweizer, der diese Manipulationsversuche EHF gemeldet hatte. Dem Dachverband wirft Falcone Tatenlosigkeit vor. "Da hatten wir dann plötzlich das Gefühl, dass wir nach diesen Meldungen nicht mehr eingesetzt wurden, das heißt, kein Einsatz ist für einen Schiedsrichter wie eine Strafe."

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