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Mentaltraining: "Ein guter Coach teilt seine Macht"

Sportpsychologe Bernd Strauß über das Versagen vieler deutscher Sportler in entscheidenden Momenten - und ihre Hemmung, sich von Mentaltrainern helfen zu lassen.

Herr Strauß, für die deutschen Schwimmer, Segler und Ringer waren die Sommerspiele ein Reinfall. Der Staffelschwimmer Christian Keller sagt: "Über Sieg und Niederlage entscheidet in 90 Prozent die Psyche." Sind die Spiele im Kopf verloren worden?

Der Stress bei solch einer Großveranstaltung ist gigantisch, da können einem kurz vor dem Start die Knie weich werden. Die Kunst besteht darin, diese Versagensangst in positive Energie umzuwandeln. Das schaffen die wenigsten Sportler allein, dafür brauchen sie professionelle Unterstützung.

Die USA, die mit 103 Medaillen die erfolgreichste Nation waren, hatten 14 Mentaltrainer für Athen akkreditiert. Die Deutschen keinen einzigen. Warum nicht?

Wir sind noch zu ängstlich. Wenn sich ein Athlet von einem Psychologen beraten lässt, wird oft getuschelt: Der hat eine Klatsche, guck mal, der braucht einen Seelenklempner. Dabei hat dieses Klischee überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Sportpsychologen vermitteln Konzentrations- und Entspannungstechniken, sie motivieren und lösen Konflikte. In Deutschland haben wir leider noch ein Imageproblem. Die Sportpsychologie befindet sich zwar auf einem guten Weg, aber der ist lang...

...und die Schwimmer sind auf diesem Weg sogar umgekehrt. Für die Vorbereitung auf Olympia hatten sie einen Sportpsychologen verpflichtet - nach Athen durfte er aber nicht reisen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Mentale Betreuung macht nur als Langzeitprojekt Sinn, alles andere ist rausgeworfenes Geld. Ein Psychologe muss kontinuierlich mit Athleten und Trainern zusammenarbeiten. Nur so kann er ein Gespür für Befindlichkeiten entwickeln und verdeckte Probleme aufspüren. Die deutschen Schwimmer zum Beispiel haben in Athen unter einem Dominoeffekt gelitten: Sie sind in Serie gescheitert, eine Enttäuschung folgte der nächsten. Diese Abwärtsspirale hätte ein Sportpsychologe möglicherweise früh stoppen können. Wir haben die Kraft dazu.

Der neue Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann glaubt an die Arbeit von Mentaltrainern und will die Nationalelf psychologisch betreuen lassen. Hilft ein solch prominenter Fürsprecher Ihrer Branche?

Jürgen Klinsmann tut viel dafür, Mentaltraining in Deutschland gesellschaftsfähig zu machen. Wir brauchen solche positiven Typen, die überzeugt sind und für die Psychologie eintreten. Gerade im Fußball haben wir ja einen äußerst schweren Stand. Und das schon seit Jahrzehnten.

Warum sind die Fußballer so verschlossen?

Alle Bundesligatrainer stehen unter enormem Erfolgsdruck. Sie müssen gewinnen, sonst sind sie ihre Jobs los. Einen Psychologen zu konsultieren empfinden viele Trainer als Kompetenzverlust. Sie wollen alle Fäden allein in der Hand halten, um Mannschaft, Vereinsvorstand und Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie Herr der Lage sind. Dieses Denken ist längst überholt. Ein guter Coach teilt seine Macht - das können wir vom amerikanischen Sport lernen. In den USA werden im Basketball, Baseball, Eishockey und Football Heerscharen von Assistenten beschäftigt, unter anderem auch Psychologen. Erfolg ist immer das Ergebnis einer Teamleistung.

In der Bundesliga hat es auch schon Versuche gegeben, mit Mentaltrainern zusammenzuarbeiten. Als Christoph Daum in den 90er Jahren Chefcoach von Bayer Leverkusen war, engagierte er einen Motivationsexperten und ließ seine Spieler über Glasscherben gehen...

Stopp! Genau solche Aktionen machen seriösen Sportpsychologen das Leben schwer. Mit nackten Füßen über Scherben zu laufen, das ist Klamauk, das gehört in den Zirkus. Wir sind aber keine Zauberer, sondern arbeiten wissenschaftlich. Die Berufsbezeichnung Mentaltrainer ist nicht geschützt, und das hat leider viele Scharlatane in den Sport getrieben. Man sollte schon genau hingucken, mit wem man zusammenarbeitet: ob mit einem studierten Sportpsychologen oder einem Feierabendberater.

Interview: Christian Ewers / print

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