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NBA-Finals: Kalifornischer Sonnenuntergang

Auch das zweite Spiel der Basketball-Finalrunde verlor der haushohe Favorit Los Angeles in Boston. Die Celtics spielten die Lakers zum großen Teil schlicht und einfach an die Wand des Banknorth Gardens. Erst in den letzten sieben Minuten gab es kalifornische Gegenwehr. Aber da gab es ja noch einen Bostoner Ersatzmann.

Von Helmut Werb, Boston

"9-4-26" war in den Tagen nach dem verlorengegangenen ersten Spiels in der NBA-Endspielrunde gegen die Boston Celtics "Talk of the Town" in Los Angeles, und zwar nicht, weil es der Geburtstag des Lakers' Coach Phil Jackson sei, wie Berufs-Ironiker in Los Angeles witzelten. Die "Neun für Sechsundzwanzig" (nine-for-twentysix) stand für die Korb-Statistik des Lakers Superstar Kobe Bryant im ersten Spiel, des "Grudge Match" des historisch genannten Finales des amerikanischen Basketball-Liga, das die Lakers ziemlich deutlich verloren hatten. Kobe, von dem die Lakers-Fans erwarten, dass er sein Team im glorreichen Alleingang zu den notwendigen vier Siegen aus den angesetzten sieben Spielen führen würde, sah das vor der zweiten Runde eher gelassen: "Mir ist dieser Druck viel lieber als der, den ich hätte, wenn ich jetzt auf Bora Bora sitzen würde und mir überlegen müsste, welche Badehose ich heute anziehe - die von Gucci, oder die von YSL."

Was viel zu Kobe's höchstgelöster Stimmung vor dem zweiten Spiel im Bostoner Banknorth Garden beitrug, war die Tatsache, das zwei der wichtigsten Spieler der Celtics, Kendrick Perkins und Paul Pierce, deutlich angeschlagen aus dem ersten Match kamen, und es bis zu Spielbeginn unklar war, ob "P&P", wie das Team in Boston genannt wird, überhaupt antreten könnten. Wie sich herausstellen sollte, war Pierce's Verletzung wohl eher von der sanfteren Art, und der sonst eher relaxte Lakers Coach Phil "The Zen Master" Jackson spekulierte gar öffentlich, dass Pierce sein Leiden wohl aus strategischen Gründen doch etwas übertrieben hätte.

Übermut rächt sich

Sei’s drum, Pierce spielte, auch Kendrick Perkins trat an - schmerzfrei gespritzt - und das sollte die Lakers ziemlich kosten. Bostons Trainer Doc River, der dieses Jahr seine erste Finalrunde coacht, änderte weder seine Taktik noch seine Stammspieler. Phil Jackson, in der Zwischenzeit bei seiner elften Final-Teilnahme (von denen er sensationelle neun Stück gewann) ließ sein Team von Anfang an mehr Druck ausüben. Die Lakers begannen das Spiel auch bedeutend aggressiver als in der ersten Runde, Kobe Bryant hatte sich wohl wieder im Griff und scorte schon in der 3. Minute einen Traumkorb. Boston hielt wacker mit, doch zur Hälfte des ersten Viertels lag Los Angeles mit sieben Punkten in Führung, und es sah danach aus, als könnten die Gäste das Spiel nach Hause schaukeln. Als Kobe sich jedoch schon sehr früh mit zwei Fouls auf dem Konto auf die Bank setzte, kam Boston immer mehr auf. Am Ende der ersten 12 Minuten führten die Lakers nur noch mit 22:20 Punkten.

"Wir sind ganz gut im Plan", kommentierte Jackson noch freundlich lächelnd das erste Quarter, doch gleich zu Beginn der zweiten Zwölf besann sich Boston auf ihren Vorsatz, den Favoriten - zumindest in den Heimspielen - das Leben schwer zu machen. Der altgediente Veteran Sam Cassell, mit 38 Jahren schon Basketball-Urgestein, wirbelte die Verteidigung der Lakers durcheinander, die mit fünf Spieler aus der zweiten Reihe aus der Kabine gekommen waren. So viel Übermut rächt sich.

"Ich fühle keinen Schmerz mehr"

Mit Kobe immer noch auf der Bank, übernahmen die Celtics mit 22:25 die Führung, was nur zum Teil auf die recht fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen erklärt werden konnte. Den Lakers unterliefen immer mehr Fehler, die Defense schaffte kaum noch Rebounds, und vor allem ein Spieler der Celtics machte das Spiel seines Lebens: Leon Powe, der im kalifornischen Oakland als Sohn einer obdachlosen Mutter aufgewachsen war, kam aufs Parkett des Gardens und verwandelte in nur zwei Minuten sieben Freiwürfe, was dem sonst eher mürrischen Doc Rivers ein sehr seltenes Lächeln entlockte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Lakers ziemlich von der Rolle und wurden zunehmend Opfer der "swarming defense" der Celtics, der Bostoner Ray Allen deckte Superstar Kobe Bryant wie ein Handtuch und der Garden wurde von "Beat L.A."-Rufen der heimischen Fans so erschüttert, dass man das Echo wohl noch in New York hören konnte. Resultat: zur Halbzeit lag Boston mit 42:54 deutlich in Führung, was wohl auch auf die Freiwurf-Statistik zurückzuführen war: Boston bekam in der ersten Hälfte 19, die Lakers gerade mal 2. Der vermeintlich verletzte Paul Pierce, der aufspielte als hätte er noch nie in seiner Karriere herben Körperkontakt erleiden müssen, erklärte seine Top-Form so: "Mein Adrenalin puscht mich durch. Ich fühle keinen Schmerz mehr."

Kobe Bryant schon eher. Denn auch die zweite Hälfte begann so, wie die erste endete - die Verteidigung der Lakers schwamm, und die Celtics spielten Los Angeles schwindelig. Endlich, endlich tauchte Phil Jackson aus der Zen-Entspannung auf und änderte seine Taktik: die Lakers lösten ihr Dreieck-Spiel, spielten zum Teil ansehnliches Pick-and-Roll, und nachdem Kobe Bryant seine Jungs während eines Timeouts zusammen pfiff, gaben die Kalifornier sogar Gas, schafften ein paar defensive Rebounds mehr, aber was nützt das alles, wenn der Ball nicht in den Korb geht. Miserable 44 Prozent ihrer Fieldgoals verwandelten die Lakers, da kann einem die Meisterschaft schon mal durch die Finger rinnen. Am Ende des dritten Viertels lagen die Lakers mit 61:83 hinten, und in Boston begannen die Bars, Freibier auszuschenken.

Unglaubliche Aufholjagd

Viertes Viertel, und alles schien weiter für Boston zu laufen. Besonders Leon Powe, der Mann von der Ersatzbank, konnte machen, was er wollte. In einem Spielzeug dribbelte er mit dem Ball von der eigenen Grundlinie bis zum Korb und dunkte den Ball vollkommen unberührt, während die Abwehr der Lakers in stiller Bewunderung zusah. Mit 7 Minuten und 10 Sekunden lagen die Lakers mit 24 Punkten hinten. Dann übernahm Kobe endgültig das gesamte Spiel der Lakers. In einer unglaublichen Aufholjagd verkürzte er den Rückstand innerhalb von drei Minuten auf 11 Punkte, und im Boston Garden konnte man eine Maus husten hören. Eine Minute vor Schluss verlor Pierce den Ball an den Serben Vladimir Radmanovic, und plötzlich stand es nur noch 100:104 für Boston. "Die Celtics schmeißen das Spiel weg", rief der ABC-Fernsehkommentator und Ex-NBA Coach Jeff van Gundy entsetzt ins Mikrophon, und tatsächlich - die Celtics wackelten. Und wie.

Achtunddreißig Sekunden vor Schluss verwandelte Kobe Bryant zwei Freethrows, und die Lakers waren nur noch ein Fieldgoal von der rettenden Overtime entfernt. Doch 15 Sekunden später liess sich Pierce faulen und konnte die ungemein wichtigen zwei Strafwürfe verwandeln. Radmanovic verpasste einen 3-Punkter, der Bostoner Posey krallte sich den Rebound - und das Faul: mit 102:108 gewannen die Boston Celtics das zweite Spiel.

"Das war das beste Spiel meiner Karriere"

"Wir haben im letzten Viertel einfach nicht aufgepasst", grinste ein sichtlich erleichterter Paul Pierce in die Mikrophone, mit 28 Punkten lässt der Schmerz deutlich nach, "Wir werden den Sack jetzt in Los Angeles zumachen." Auch Leon Powe war bestens gelaunt, 21 Punkte in nur 15 Minuten Spielzeit zu erzielen, da kann man schon mal herzlich lachen.: "Das war das beste Spiel meiner Karriere." Kobe Bryant hingegen war etwas schlechter drauf: "Wir haben das gesamte Spiel schlicht und einfach verschlafen. Wenn wir so gespielt hätten wie in den letzten sieben Minuten, hätten wir ausgeglichen nach Hause reisen können. Jetzt müssen wir die drei kommenden Heimspiele gewinnen." Und danach noch eins in Boston. Das kann noch heiter werden.

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