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Radsport-Dopingskandal: "Die spielen mit ihrem Leben"

Gerolsteiner-Teammanager Hans Holzcer ist geschockt über die systematischen Dopingpraktiken der Profis. "Das ist ein Wahnsinn", sagte er gegenüber stern.de - und fordert die strikte Bestrafung aller Skandal-Beteiligten.

Herr Holzcer, sie sind mit ihrem Team Gerolsteiner in Straßburg, wo die Suspendierung der T-Mobile-Profis von Jan Ullrich, Oscar Sevilla und Rudy Pevenage verkündet wurde. Wie geht es jetzt weiter?

Es haben heute Vormittag auf der Sitzung alle Sportlichen Leiter der teilnehmenden Teams, die Verantwortlichen des Radsport-Weltverbandes UCI und die Direktion der Tour de France zusammen gesessen. Dort wurde beschlossen, dass alle Mannschaften hundertprozentig den Ehrenkodex der ProTour anwenden. Die Fahrer, die auf der Liste stehen, wurden suspendiert und keiner wird ersetzt. Ich bin sehr erleichtert, dass die Entscheidung so gefallen ist. Das zeigt, dass die Dopingbekämpfung in allen Mannschaften ein ernstes Thema ist.

Wie stehen die Verantwortlichen der Tourdirektion zu dieser Entscheidung?

Der neue Tourdirektor Christian Prudhomme hat in der vergangenen Woche schon gesagt, die Tour de France würde nicht davon profitieren, wenn gedopte Fahrer dabei sind. Die Direktion will ebenfalls hart gegen Dopingsünder vorgehen und bei neuen Erkenntnissen jeden betroffenen Fahrer ausschließen. Das wichtigste ist aber erstmal, dass nun keiner der Fahrer, die mit dem Dopingskandal zu haben, mehr dabei sind. Die Tour ist vorerst gesäubert.

Gibt es Hinweise darauf, dass auch ein Profi ihrer Mannschaft in die Affäre verwickelt ist?

Uns ist ein 40-seitiges Dokument mit den wichtigsten Informationen zum Dopingskandal ausgehändigt worden. Wir hatten nur ein Problem damit, dass es in spanischer Sprache geschrieben ist. Wir haben uns alle Namen, die wir in dem Dokument gefunden haben, genau angeschaut. So wie es bisher aussieht, befindet sich darunter kein Fahrer aus unserem Team. Aber auch bei uns wäre es keine Frage, dass wir rigoros gegen Profis vorgehen, die unter Dopingverdacht stehen. Das haben wir vor eineinhalb Jahren gezeigt, als wir unseren Fahrer Danilo Hondo nach zwei positiven Dopingproben entlassen haben.

Werden Sie in ihrem Team nun Änderungen vornehmen? Irgendetwas, um Doping unter ihren Profis zu verhindern?

Die Frage ist, was kann man tun? Wir leben einen dopingfreien Sport vor und versuchen immer wieder, gute Vorbilder zu sein. Aber wir sind vom Vertrauen zu unseren Fahrern abhängig. Hundertprozentig kann man aber nie sicher sein. Dennoch, es gibt keinen Anlass für uns daran zu zweifeln, dass bei unseren Profis alles in Ordnung ist.

Wie geht es jetzt bei der Tour de France weiter?

Morgen wird - wie geplant - die Tour de France mit dem Prolog in Straßburg beginnen. Aber "Business as usual" ist das nicht. Es handelt sich hier um schwerwiegendes Doping. Wir wissen, was für Ungeheuerlichkeiten hier passiert sind. Das ist ein Wahnsinn. Die Sportler spielen beim Blutdoping mit ihrem Leben. Unser Arzt hat mir erklärt, die Blutbeutel werden in Kliniken mit äußerster Vorsicht behandelt und Manolo Saiz spaziert mit ihnen in der Kühltasche durch die Gegend. (Anmerk. Saiz war Sportlicher Leiter des Teams Liberty Seguros, das nach dem Rückzug des Sponsors Astana-Würth heißt. Die Mannschaft hatte den Doping-Skandal ausgelöst.)

Interview: Annette Jacobs

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